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Adobe Stock bietet Nominierung for kostenlose Sammlung an

Im Oktober 2020 ver­öf­fent­lich­te Adobe Stock eine Sammlung von über 70.000 kos­ten­lo­sen Bildern und Videos, als Versuch, dem Vormarsch kos­ten­lo­ser Plattformen wie Unsplash und Pixabay Einhalt zu gebieten.

Hat das geklappt? Vielleicht etwas. Im Oktober 2020 noch hat­te Unsplash 42 Downloads pro Sekunde, aktu­ell sind es „nur“ noch 37 Downloads/​Sekunde.

Gestern Abend habe ich dann fast zeit­gleich von zwei ver­schie­de­nen Fotografen die Nachricht bekom­men, dass sie von Adobe ein­ge­la­den wur­den, eini­ge ihrer Bilder für die kos­ten­lo­se Sammlung bei Adobe Stock zu nomi­nie­ren.

Auch ich habe seit heu­te die Anzeige (sie­he Screenshot oben) in mei­nem Benutzeraccount, mit der ich ein­stel­len kann, ob und wel­che Bilder ich nomi­nie­ren will.

Da von den Fotografen gleich eini­ge Fragen auf­ka­men, will ich den Prozess etwas erklären.

  1. Adobe wählt aus eini­gen Portfolios Bilder aus, die sie prin­zi­pi­ell für geeig­net für die kos­ten­lo­se Kollektion hal­ten. Bei mir sind es knapp ein Drittel, bei ande­ren Fotografen mehr als ein Viertel des Portfolios. Laut die­ser Aussage des Adobe-​Mitarbeiters Mat Hayward wur­den nur Bilder berück­sich­tigt, wel­che weni­ger als vier Downloads in den letz­ten zwölf Monaten hatten.
  2. Die Fotografen kön­nen nun im Portfolio die Erstauswahl von Adobe Stock ent­we­der kom­plett bestä­ti­gen (mit dem Schieberegler „Alle geeig­ne­ten Stockmedien nomi­nie­ren“ im blau­en Feld oder ein­zeln. Als Übersichtshilfe gibt es neu in der Menüleiste den Filter „Nur für die kos­ten­lo­se Sammlung geeig­net“, wo man sich die betref­fen­den Bilder ent­we­der nach Downloads oder Datum sor­tiert anzei­gen las­sen kann.
  3. Entscheidet sich ein Fotograf, eins der Bilder oder alle zu nomi­nie­ren, erscheint als Pop-​Up ein Nachtrag zum Anbietervertrag, der die Details regelt:

Die Details in Kürze: Für jedes akzep­tier­te Foto erhält der Fotograf 5 Credits (also je nach Währung 5 Euro oder 5 USD o.ä.), aber Adobe ent­schei­det, wel­che der nomi­nier­ten Bilder sie letzt­end­lich aus­wäh­len.
Die kos­ten­lo­sen Bilder ver­blei­ben für 12 Monate in der kos­ten­lo­sen Sammlung und die Fotografen erhal­ten für die­se Downloads kei­ne zusätz­li­che Vergütung. Diese Downloads zäh­len auch nicht für das Creative Cloud Bonus-​Programm. Die Bilder dür­fen nicht vor­zei­tig gelöscht wer­den, bei ande­ren Agenturen dür­fen sie aber wei­ter­hin ange­bo­ten wer­den. Mehr Fragen beant­wor­tet die­se FAQ von Adobe.

Lohnt sich das?

Die bren­nen­de Frage, wel­che Fotografen sicher am meis­ten inter­es­siert: Lohnt sich das Angebot von Adobe, 5 Euro je Bild zu erhal­ten, wel­ches Adobe ein Jahr kos­ten­los anbie­ten darf?

Dafür müs­sen wir das Angebot im gesam­ten Marktumfeld betrach­ten. Zum einen gibt es wie schon erwähnt die Plattformen, wel­che prin­zi­pi­ell kos­ten­los Bilder anbie­ten. Im Vergleich dazu ist Adobes Angebot ein tol­ler Deal.

Auch im Vergleich zum „Instant Pay“-Deal von Wirestock, wel­che nur 4–5 USD pro Bild für zeit­lich unbe­grenz­te kos­ten­lo­se Nutzung zah­len, ist das Angebot recht attraktiv.

Es gibt jedoch auch ande­re Agenturen, wel­che deut­lich mehr für sol­che „Buy-​Outs“ zah­len, die jedoch indi­vi­du­ell mit ein­zel­nen Fotografen aus­ge­han­delt wer­den und nicht für alle zugäng­lich sind.

Die langfristige Wirkung

Prinzipiell habe ich gro­ße Bauchschmerzen, dass Bildagenturen in letz­ter Zeit ver­mehrt dazu über­ge­gan­gen sind, Bilder ein­zu­kau­fen, um sie dann ohne Fotografenkommission ver­schen­ken oder ver­kau­fen zu können.

Das aus meh­re­ren Gründen:
Zum einen ist Stockfotografie schon immer ein lang­fris­ti­ges Massengeschäft gewe­sen. Was zählt, ist ein gro­ßes, attrak­ti­ves Portfolio, wel­ches auch im „Long Tail“ noch Rendite ein­brin­gen kann. Dazu ein Beispiel aus mei­nem Portfolio:

Diese Stock Performer-​Analyse zeigt ein Shooting, wel­ches ich 2010, also vor elf Jahren gemacht habe. Der Großteil der Verkäufe fand zwar in den ers­ten bei­den Jahren statt, aber trotz­dem brach­te das Shooting auch im zehn­ten Jahr noch über 300 USD Umsatz. Der RPI/​m, also der Erlös pro Bild und Monat aus die­sem Shooting beträgt aktu­ell übri­gens 1,05 USD. Über jedes Jahr gerech­net hat also jedes der Bilder aus dem Shooting über 12 USD ein­ge­bracht statt nur 5 Euro, also nicht nur in der Anfangsphase und nicht nur die Bestseller.

Wer nun anfängt, ein­zel­ne, ver­meint­lich schlech­ter lau­fen­de Motive gegen eine Einmalzahlung aus dem Portfolio zu neh­men, und sei es nur für 12 Monate, piekst damit Löcher in sein Geschäftsmodell.

Außerdem ent­steht durch die Einmalzahlungen eine Trennung im Agentur-​Portfolio: Es gibt plötz­lich vie­le Bilder, bei denen die Bildagentur Kommissionen für einen Download an die Fotografen zah­len müss­te und Bilder, wel­che die Agentur ohne wei­te­re Verpflichtungen ver­kau­fen oder ver­schen­ken kann. Somit ent­steht ein Ungleichgewicht, wel­ches Agenturen leicht in Versuchung füh­ren könn­te, die Bildnutzer hin zu dem Material zu len­ken, was sowie­so schon im Voraus bezahlt wurde.

Beim zeit­lich begrenz­ten Angebot von Adobe kommt noch die Frage hin­zu, wie die Gratis-​Downloads nach den 12 Monaten bewer­tet wer­den, wenn die Bilder wie­der in der bezahl­ten Kollektion sind: Werden sie igno­riert oder ver­zer­ren die Bilder mit den deut­lich höhe­ren Downloads die Suchergebnisse?

Trotzdem glau­be ich, dass die­se bezahl­ten Angebote, sei es von Adobe oder Wirestock, geeig­net sein könn­ten, den Gratis-​Plattformen das Leben schwe­rer zu machen. Aber wenn schon der Kampf gegen Gratis-​Downloads geführt wird mit noch mehr Gratis-​Downloads, anstatt das Stockfotografie-​Business lang­fris­tig für alle Akteure nach­hal­ti­ger zu gestal­ten, ist das ein Rückzugsgefecht, wel­ches dem Markt als sol­ches trotz­dem lang­fris­tig scha­den wird.

Die aktuellen Besteller bei Adobe Stock der letzten zwei Jahre

Welche Bilder bei Adobe Stock sind am belieb­tes­ten?
Im Oktober 2018 hat Adobe Stock zur Beantwortung die­ser Frage den Bereich „Anbieter der Woche“ ein­ge­führt, der nach einer Weile in das zutref­fen­de­re „Aktuelle Bestseller“ umbe­nannt wurde.

Anonymisierter Screenshot der „Aktuelle Bestseller“-Funktion bei Adobe Stock

Dort wer­den in den drei Kategorien Fotos, Illustrationen und Vektoren die jeweils zehn Portfolios auf­ge­führt, die am bes­ten ver­kauft haben. 

Dazu wer­den nach Medientyp sor­tiert die 400 Anbieter her­aus­ge­sucht, die in der jewei­li­gen Vorwoche am meis­ten Verkäufe von Bildern hat­ten, wel­che jün­ger als sechs Monate waren. Anschließend wer­den die Anbieter nach dem Verhältnis von Uploads zu Verkäufen sor­tiert. Die zehn füh­ren­den Anbieter dann als „Aktuelle Bestseller“ vor­ge­stellt. Ein Anbieter kann maxi­mal alle 5 Wochen je Kategorie auftauchen.

Leider geht die Liste immer nur 5 Wochen zurück, wes­halb ich mir die Mühe mache, die Liste manu­ell zu protokollieren.

Nun habe ich für die letz­ten zwei Jahre (19. Woche 2019 bis 18. Woche 2021) geschaut, wel­che Anbieter in den ein­zel­nen Kategorien und ins­ge­samt am häu­figs­ten auf­ge­taucht sind.

Rein rech­ne­risch wäre eine maxi­ma­le Anzahl von ca. 62 Erwähnungen (104/5*3) mög­lich. Ich habe der Bequemlichkeit hal­ber die Links zu den Portfolios klick­bar gemacht (mit einem Affiliate-​Link) und das Herkunftsland der Portfolios ergänzt.

Betrachten wir zuerst die ein­zel­nen Kategorien:

Kategorie: Fotos

RankUsernameLandErwähnungen
1.REDPIXELPolen21
2.Romolo TavaniItalien21
3.RidoItalien20
4.ipop­baThailand20
5.oata­waThailand19
6.Alexander RathsDeutschland17
7.sew­creamAustralien17
8.meta­mor­worksJapan16
9.AA+WDeutschland15
10.Jacob LundDänemark15
11.candy1812Estland14
12.JenkoAtamanRussische Föderation14
13.TryfonovUkraine13
14.Chaay_​teeThailand13
15.MaridavUSA13
16.insta_​photosWeißrussland12
17.RymdenSpanien12
18.Proxima StudioPolen12
19.Philip SteuryUSA12
20.Laura PashkevichWeißrussland11

Kategorie: Illustrationen

RankUsernameLandErwähnungen
1.mtlap­ce­vicSerbien21
2.art­ja­fa­raNorwegen21
3.aan­bet­taThailand21
4.Arlenta ApostropheUSA21
5.onzonThailand20
6.kor­kengThailand16
7.Yuri‑UUkraine15
8.J.ZhukUkraine15
9.Veris StudioWeißrussland14
10.niko­la­ra­kicSerbien13
11.your123Thailand13
12.Max KrasnovDeutschland13
13.8_​visualThailand13
14.marina_​dikhRussische Föderation13
15.Vadim AndrushchenkoUkraine12
16.peterschreiber.mediaDeutschland12
17.Maksym YemelyanovUkraine12
18.Photocreo BednarekItalien11
19.best­pi­xelsRussische Föderation11
20.Attitude1USA11

Kategorie: Vektoren

RankUsernameLandErwähnungen
1.Julien EichingerFrankreich20
2.j‑melDeutschland20
3.ComauthorUkraine19
4.warm­worldUkraine17
5.KatyaKatyaRussische Föderation16
6.geen­gra­phyThailand16
7.d1skRussische Föderation15
8.api­n­anThailand15
9.fens­keyRussische Föderation14
10.SergeyBitosWeißrussland14
11.123levitUkraine14
12.iiierlok_​xolmsUkraine14
13.venimoRussische Föderation13
14.ZinetroNWeißrussland13
15.pixel­lie­beDeutschland13
16.strichfiguren.deDeutschland13
17.YevheniiUkraine13
18.FourLeafLoverItalien12
19.dly­as­to­kivUkraine12
20.Ron DaleRussische Föderation11

Da ein Anbieter in mehr als einer Kategorie aktiv sein kann, schau­en wir uns noch das kom­bi­nier­te Gesamt-​Ranking an, bei der ich die Erwähnungen der ein­zel­nen Anbieter über alle Kategorien hin­weg gezählt habe.

Kombiniertes Gesamt-​Ranking

RankUsernameLandErwähnungen
1.meta­mor­worksJapan25
2.Photocreo BednarekItalien21
3.REDPIXELPolen21
4.Romolo TavaniItalien21
5.oata­waThailand21
6.kor­kengThailand21
7.mtlap­ce­vicSerbien21
8.aan­bet­taThailand21
9.art­ja­fa­raNorwegen21
10.Arlenta ApostropheUSA21
11.RidoItalien20
12.ipop­baThailand20
13.j‑melDeutschland20
14.Julien EichingerFrankreich20
15.onzonThailand20
16.ComauthorUkraine19
17.AA+WDeutschland19
18.warm­worldUkraine17
19.sew­creamAustralien17
20.James ThewGroßbritannien17
21.Alexander RathsDeutschland17
22.Yuri‑UUkraine16
23.KatyaKatyaRussische Föderation16
24.d1skRussische Föderation16
25.geen­gra­phyThailand16
26.peterschreiber.mediaDeutschland15
27.Jacob LundDänemark15
28.J.ZhukUkraine15
29.fens­keyRussische Föderation15
30.api­n­anThailand15

Interessant zu sehen ist, dass die Liste der Vektor-​Bestseller stark von ost­eu­ro­päi­schen Anbietern domi­niert wird, wäh­rend bei Illustrationen Thailand über­durch­schnitt­lich häu­fig ver­tre­ten ist und bei den Fotos Europa gene­rell. Die Länderhäufigkeit deckt sich gut mit die­ser Länderanalyse von Shutterstock-​Portfolios.

Eine wei­te­re Angabe, wel­che Adobe Stock bei den „Aktuelle Bestseller“-Portfolios macht, ist die unge­fäh­re Anzahl der gesam­ten Downloads, wel­che das Portfolio bis­her erreicht hat. Hier noch der Vollständigkeit hal­ber die Anzahl der Portfolios je „Lifetime Downloads“-Kategorie, Mehrfachnennungen sind hier mit drin:

Adobe und Shutterstock führen Abo-​Modelle ohne Mengenbeschränkung ein

Gesten bzw. vor­ges­tern kün­dig­ten sowohl Adobe Stock als auch Shutterstock neue Abo-​Modelle an, bei denen Bildkäufer unter ande­rem unbe­schränk­te Downloads erhal­ten sollen.

Adobe Stock: Pro Edition for Creative Cloud for Teams and Enterprises Pro Edition (CCE/​CCT Pro Edition)

Bei Adobe nennt sich das Programm „Pro Edition“ für Creative Cloud für Teams bzw. Enterprises, abge­kürzt CCE bzw. CCT Pro Edition.

Screenshot der Adobe-​Webseite mit der neu­en „Creative Cloud Pro Edition“

Das Programm erlaubt unbe­grenz­te Downloads von Fotos, Illustrationen und Vektoren aus der Standard Collection (Videos und Premium-​Inhalte sind also davon aus­ge­nom­men). Die Lieferanten erhal­ten 33% der Einnahmen vom Umsatz von Adobe Stock, wel­che pro­por­tio­nal zu den Downloads der Lieferanten ver­teilt wer­den sollen. 

Das ers­te Jahr der Pro Edition soll für Kunden kos­ten­los sein, die Lieferanten wer­den jedoch wie oben ver­gü­tet. „Normale“ Creative-​Cloud-​Kunden ohne „Teams/​Enterprise“ kön­nen die Pro Edition aktu­ell nicht nutzen.

Im Gegensatz zu bis­her gibt es jedoch kei­ne Mindestvergütung, auch eine Opt-​Out-​Möglichkeit gibt es für die Lieferanten nicht.

Die „Pro Edition“ Downloads wer­den wie Enterprise-​Downloads in der Abrechnung von Adobe Stock als „Custom“ gekennzeichnet.

Downloads in der Pro Edition der CCT fin­den unter der „Enhanced License“ von Adobe Stock statt, Downloads in der Pro Edition der CCE unter der „Extendes License“.

Shutterstock: Flex Plans

Bei der Bildagentur Shutterstock heißt das neue Programm „Flex Subscriptions“ und hat ein etwas anders Konzept.

Hier bekommt die Zielgruppe, klei­ne Teams mit bis zu zehn Benutzern, ein Gutschriftsystem, ohne sich vor­her auf eine bestimm­te Menge Bilder oder Medientypen fest­le­gen zu müs­sen. Die monat­li­chen Kontingente der Gutschriften wer­den nicht auf den kom­men­den Monat über­tra­gen und ver­fal­len, wenn sie nicht genutzt werden.

Viel mehr Details sind da lei­der noch nicht bekannt.

Im Februar 2021 schon hat­te Shutterstock eben­falls ein „Unlimited“-Programm ein­ge­führt.

Einschätzung

Wie so oft schrei­ben sowohl Adobe als auch Shutterstock, dass mit die­sen neu­en Abo-​Modellen „neue Käuferschichten“ erschlos­sen wer­den sol­len. Daran glau­be ich unge­fähr 0%. Wer bis­her Bedarf an „unbe­grenz­ten“ Bilderdownloads hat­te, wird die­sen Bedarf auch gedeckt haben. Nun gibt es eine bil­li­ge­re Lösung für eini­ge die­ser Kunden, was ver­mut­lich dazu füh­ren wird, dass Adobe-​Lieferanten deut­lich häu­fi­ger Beträge unter dem bis­he­ri­gen Mindestbetrag von 33 US-​Cent sehen werden.

Vermutlich ist Adobes Plan eine Reaktion auf den Unlimited-​Plan von Shutterstock. Daher ist es zu ver­mu­ten, dass auch bei Adobe Premium-​Inhalte sowie Videos in abseh­ba­rer Zeit im unbe­grenz­ten Abo ent­hal­ten sein werden.

Langfristig bin ich des­halb eher pes­si­mis­tisch, was die Verdienstmöglichkeiten für Fotografen und ande­re Content-​Produzenten im Bereich der Stockfotografie angeht.

Wie seht ihr das?

Wie hat Covid-​19 die Verkäufe bei Bildagenturen verändert?

Die Covid-​19-​Pandemie ist das domi­nie­ren­de Thema welt­weit seit über einem hal­ben Jahr. Das wirkt sich auch auf die Bildsprache der Bildagenturen aus.

Wie genau die­se Veränderungen aus­se­hen, wol­len wir uns heu­te ansehen.

Schon am 1. April (ohne Scherz) habe ich in die­sem Artikel von mir eini­ge Prognosen auf­ge­stellt: Der Bildbedarf wer­de sin­ken und es wür­den haupt­säch­lich Motive mit direk­tem oder indi­rek­tem Coronavirus-​Bezug verkauft.

Ersteres wür­de ich nicht mehr behaup­ten, denn zumin­dest in mei­nem Portfolio konn­te ich kei­nen Rückgang der Downloadzahlen bemer­ken, im Gegenteil: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stie­gen mei­ne Downloads um 8% an.

Die zwei­te Vorhersage ist aber ein­ge­tre­ten, und wie. Schon Anfang September hat­te ich hier bei Facebook gepos­tet, dass sich 18 Bilder mei­ner Top-​20-​Bestseller des letz­ten Halbjahres rund um Covid-​19 drehen:

Seien es Medizin-​Bilder, Videokonferenzen oder 3D-​Renderings, immer war der Corona-​Bezug deut­lich bemerkbar.

Das betraf nicht nur mein Portfolio, son­dern gan­ze Agenturen.
Adobe Stock hat kürz­lich die­sen „Creativity Insights“-Report ver­öf­fent­licht mit vie­len span­nen­den Zahlen (aus den USA).

Die Bildsuchen nach dem Begriff „vir­tu­al“ sind nach dem 14. März 2020 im Vergleich zum Zeitraum seit Jahresbeginn um das 5,7fache gestie­gen. Virtuelle Welten sind dem­nach deut­lich belieb­ter gewor­den als per­sön­li­che Treffen.

Wandel bei den Bestsellern

Sichtbar wird die­ser Corona-​Wandel sehr gut im Vergleich der monat­li­chen Adobe-​Stock-Bestseller von 2019 und 2020 in der Kategorie „People“:

Bestseller der Kategorie „People“ bei Adobe Stock nach Monaten sortiert

Wie ihr seht, sind seit März fast aus­schließ­lich Videokonferenzen bzw. Leute mit Mundschutz als Bildthema der Bestseller im Vergleich zu den glück­li­chen Gruppen oder gesta­pel­ten Händen.

Ein Ausreißer ist der Juni, wo die „Black Lives Matter“-Bewegung stark im Fokus der Nachrichten war.

Ähnlich sieht es in der Kategorie „Business“ aus: 

Bestseller der Kategorie „Business“ bei Adobe Stock nach Monaten sortiert

Seit März gibt es fast nur „Home Office“-Bilder in den Bestsellern, ger­ne kom­bi­niert mit der Videokonferenz, wäh­rend vor­her der Handschlag das belieb­tes­te Motiv war.

Auch in der „Wissenschaft“-Kategorie gab es im März 2020 nur Corona-​bezogene Bilder in den Top 10 Bestsellern, was sich aktu­ell auf „nur“ 6 von 10 Bildern der Top 10 abge­senkt hat.

Im Rahmen der „Black Lives Matter“-Proteste konn­te Adobe auch einen sehr deut­li­chen Anstieg der Suchbegriffe „diver­si­ty“„African American“, “Black Lives Matter“ und „pro­test“ verzeichnen.

Vor weni­gen Tagen ver­öf­fent­lich­te auch die Bildagentur EyeEm ihren „Visual Trends 2021“-Report und kommt zu ähn­li­chen Erkenntnissen wie Adobe.

Sie pro­gnos­ti­zie­ren einen Zuwachs bei den Themen „Social Rebellion“ und „Environmental Urgency“ und erwar­ten eine erhöh­te Nachfrage nach Natur- und Reise-​Bildern. Hier zäh­len jedoch nicht Massentourismus am Ballermann, son­dern ein­sa­me Orte, aus­ge­tre­te­ne Wanderwege und bei Personen im Bild natür­lich Abstand und ggf. Gesichtsmaske.

Adobe Stock veröffentlicht große kostenlose Kollektion mit Fotos, Vektoren und Videos

Kostenlose Bilddatenbanken wie Unsplash ent­wi­ckeln sich immer mehr zur Gefahr für Bildagenturen. Konnte Unsplash noch im Februar ca. 24 Downloads pro Sekunde ver­zeich­nen, sind es jetzt Mitte Oktober schon 42.

Die gro­ßen Microstock-​Agenturen wie Shutterstock oder Adobe Stock beob­ach­ten die­sen Trend natür­lich genau, lan­ge blieb jedoch unklar, wie genau sie dar­auf reagie­ren wollen.

Für Adobe Stock ist nun die Antwort bekannt, denn Adobe hat eben den Start einer kos­ten­lo­sen Bild-​Kollektion bekannt gege­ben.

Screenshot der Startseite der free collec­tion bei Adobe Stock

Diese Kollektion soll anfangs ca. 70.000 Dateien (Fotos, Vektoren, Illustrationen und Videos) umfas­sen und auf bis zu ca. 100.000 Bilder anwach­sen. Diese Bilder sind bis­her von weni­ger als 50 aus­ge­wähl­ten Top-​Fotografen gelie­fert wor­den, wel­che ihr Einverständnis dafür gege­ben haben, der Großteil kommt von Anbietern wie RAWpixel und Wavebreakmedia.

Der Senior Product Manager bei Adobe Stock, Morgan David de Lossy, war so freund­lich, mir mehr Auskünfte über die Ziele und Hintergründe der Gratis-​Kollektion zu geben.

Drei sich widersprechende Ziele der Gratis-Kollektion

Der Aufbau der kos­ten­lo­sen Bildersammlung dau­er­te mehr als ein Jahr, weil meh­re­re sich wider­spre­chen­de Werte und Ansichten von Adobe ver­ei­nen las­sen mussten:

  • den Adobe-​Nutzern die bes­te Nutzererfahrung (UX) bieten
  • die Interessen der Urheber zu berück­sich­ti­gen, auch in Zukunft neue Werke pro­du­zie­ren zu können
  • die Gratis-​Kollektion pro­fi­ta­bel zu machen

Die Nutzererfahrung soll ähn­lich wie bei der Suche nach bezahl­ten Inhalten funk­tio­nie­ren, die tie­fe­re Einbettung in die Creative Cloud wird noch überlegt.

Bei der Bildauswahl wur­de auf „Breite, nicht Tiefe“, wert gelegt, das heißt, so mög­lichst vie­len belieb­ten Themen sol­len Bilder ver­füg­bar sein, aber nicht zu vie­le unter­schied­li­che Varianten, damit Nutzer mit spe­zi­el­le­ren Bildwünschen wei­ter­hin Geld bei Adobe Stock ausgeben.

Ob das anfangs so gut funk­tio­niert, ist frag­lich, da zum Beispiel die Suche nach „Business Team“ fast 1.900 Treffer lie­fert, „Kinder“ sogar schon über 6.100 Treffer und „Hintergrund“ fast 20.000 Ergebnisse.

Morgan gibt auch zu, dass die­ser „Breite, nicht Tiefe“-Teil sehr schwer zu errei­chen ist und dass täg­lich beob­ach­tet wer­den soll, wie sich die Zahlen ent­wi­ckeln, um ggf. schnell gegen­steu­ern zu können.

Die Interessen der Urheber will Adobe haupt­säch­lich durch zwei Anreize berück­sich­ti­gen. Zum einen zahlt Adobe den Fotografen der Gratis-​Kollektion tat­säch­lich Geld für ihre Zustimmung an dem Projekt. Als gro­ber Richtwert wur­de hier der dop­pel­te RPI (Revenue per Image) pro Jahr und Bild genannt, wobei die Werte ein­zeln ver­han­delt wur­den, weil vor allem die gro­ßen Portfolios in der Regel nied­ri­ge­re RPIs haben.

Außerdem sol­len unter den Gratis-​Bilder wei­te­re Bilder der glei­chen Serie vom Fotografen aus der bezahl­ten Kollektion ange­zeigt wer­den, um mög­lichst oft „Upselling“-Effekte zu erzielen.

Das Ziel ist, die „free“ Kollektion haupt­säch­lich für neue Kunden attrak­tiv zu machen, die sich sonst bei Gratis-​Plattformen bedient hät­ten und ihnen zu zei­gen, dass sie bei Adobe auf der siche­ren Seite sind, weil Adobe Model Releases, Property Releases und ande­re Schutzrechte (Markenrecht, Designschutz) prüft. So sol­len die Nutzer erfah­ren, wel­chen Vorteil die Agentur tat­säch­lich hat, um sie spä­ter bei Bedarf zu zah­len­den Kunden kon­ver­tie­ren zu können.

Adobe Stock bewirbt die kos­ten­lo­se Kollektion mit Rechtssicherheit (Screenshot)

Die Gratis-​Bilder ent­hal­ten die glei­che Standard- bzw. Enhanced-​Lizenz wie die Bilder aus der bezahl­ten Kollektion.

Die Zukunft der Gratis-Kollektion

Geplant ist auch, mehr Fotografen die Teilnahme an der Gratis-​Kollektion zu ermög­li­chen, was aber mit meh­re­ren Herausforderungen ver­bun­den ist: Die Größe der Kollektion soll nicht unend­lich wach­sen und bei ca. 100.000 Bildern sta­gnie­ren und eine gleich­mä­ßi­ge Verteilung nach Themen und Kategorieren gewähr­leis­tet blei­ben. Die Bildauswahl soll auch regel­mä­ßig wechseln.

Außerdem soll die Kollektion einen Mehrwert für die Nutzer bie­ten, ohne die Verkäufe von Adobe und den Fotografen zu schaden.

Im Grund geht Adobe mit die­sem Experiment eine Wette ein: Führt ein Gratis-​Angebot zu mehr Käufern und mehr (bezahl­ten) Downloads?

Bisher nut­zen auch Adobe-​Projekte wie „Spark Post“ Unsplash-​Bilder, was idea­ler­wei­se durch die eige­ne Gratis-​Kollektion ersetzt oder zumin­dest ergänzt wer­den soll.

Gratis-​Bilder mit Ethik?

Laut Morgan David de Lossy soll die kos­ten­lo­se Kollektion der Versuch sein, einen „ethi­schen Weg bei kos­ten­lo­sen Bildern ein­zu­schla­gen, bei dem sich der Produktionskreislauf schließt und die Urheber Geld erhal­ten, um mehr Bilder pro­du­zie­ren zu können“.

Er betont auch:

Die Künstler sind der Hauptfokus bei Adobe und wir bau­en die kos­ten­lo­se Kollektion mit Rücksicht zuerst auf die Künstler. Um Stock als nach­hal­ti­ges Geschäftsmodell zu erhal­ten, wer­den wir stark jeden Einfluss ana­ly­sie­ren, den die Kollektion auf die Künstler-​Community hat, denn unser Ziel ist es, den Künstlern mehr Geld zu bringen“.

Riskante Wette

Die Wette, die Adobe ein­geht, ist in der Tat ris­kant. Dem Wildwuchs an kos­ten­lo­sen Bildern mit noch mehr kos­ten­lo­sen Bildern zu ent­geg­nen, ist mei­ner Meinung nach gewagt. Der Vorteil für Kunden durch die geklär­ten Rechte Dritter soll­te leicht nach­voll­zieh­bar sein, der Vorteil für die teil­neh­men­den Fotografen (im Vergleich zu Unsplash-​Fotografen) eben­falls durch die Bezahlung aus Adobes Taschen.

Das Risiko ist jedoch sehr hoch, dass vor allem die klei­nen Kunden, wel­che nur sehr sel­ten Bilder brau­chen, auf das neue kos­ten­lo­se Angebot aus­wei­chen. Diese Kunden kau­fen kein Abo und haben bis­her das im Verhältnis deut­lich teu­re­re Credit-​Paket gekauft. Meine Vermutung ist, dass die­se Kunden sich nun lie­ber mit Gratis-​Bildern zufrie­den geben, auch wenn die­se viel­leicht im Detail nicht ganz so gut pas­sen wie die käuf­li­chen Alternativen.

Auch die ohne­hin schon stark ver­wäs­ser­te Lizenzsprache mit Begriffen wie „lizenz­frei“, wel­ches vie­le Bildsucher mit „kos­ten­los“ ver­wech­seln wird nicht trenn­schär­fer, wenn Adobe die­se Wörter nun wild durch­ein­an­der mixt.

Mehr als unglück­lich gewählt ist die Formulierung am Ende der Seite.
Deshalb sicher­heits­hal­ber schon vor­ab die Klarstellung: Lizenzfrei bedeu­tet nicht auto­ma­tisch „kos­ten­los“ und nicht alle Dateien auf Adobe Stock sind kos­ten­los erhältlich!

Meine Hoffnung hin­ge­gen ist, dass Adobe so stark in der Datenanalyse ist, dass sie tat­säch­lich schnell erken­nen, falls die Gratis-​Kollektion in die fal­sche Richtung läuft und ent­spre­chen­de Gegenmaßnahmen einführen.

Mehr Informationen zur „free collec­tion“ fin­det ihr in die­sem FAQ.

Wie schätzt ihr das ein?