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Stockfotografie-​Interview mit Jonathan Ross (Fotograf) Teil 2

Gestern habe ich hier das Interview mit dem Stockfotografen und Blend-​Gründer Jonathan Ross begon­nen. Heute geht es gleich wei­ter.

Wie wür­dest Du den Unterschied zwi­schen Auftragsfotografie  und Stockfotografie beschrei­ben?

Auftragsarbeiten haben oft vie­le Ringe, durch die ein Fotograf sprin­gen muss und bis der Kunde glück­lich mit den Ergebnissen ist, ist der Spaß und die Kreativität schon stark ver­wäs­sert. Außerdem hast Du immer paar Leute, die Dir über die Schulter schau­en und Ratschläge geben. Manchmal kann das hilf­reich sein, manch­mal aber auch ablen­kend.

Stockfotografie erlaubt mir, mei­nen eige­nen Zeitplan zu wäh­len, so daß ich bei allen Familienereignissen wie Wettkämpfen oder Theateraufführungen dabei sein kann und trotz­dem die Shootings machen kann, die ich will. Die Freiheit hat aber auch ihren Preis. Du musst sehr moti­viert sein, Dich selbst am Laufen zu hal­ten. Wenn Du einen Kunden hast, musst Du bei ihm erschei­nen. Wenn Du ein Stock-​Shooting machst, musst Du immer alles am Laufen hal­ten.

Foto von Jonathan Ross

Wie vie­le Bildagenturen belie­ferst Du regel­mä­ßig?

Momentan belie­fern wir 13 Bildagenturen, wenn man Microstock mit­zählt. Getty Images hat uns in ver­schie­de­nen Bildkollektionen, das macht dann zusam­men 20 ver­schie­de­ne Kollektionen.

Du hast erst vor kur­zem mit Microstock ange­fan­gen. Was ist der größ­te Unterschied ver­gli­chen zum „klas­si­schen“ Bildermarkt?

Das Hochladen zu den Bildagenturen ist eine Qual und dar­um haben wir Lookstat.com beauf­tragt, das für uns zu über­neh­men. Sie machen einen groß­ar­ti­gen Job für wenig Geld. Microstock wächst lang­sam aus den Kinderschuhen und das war unser Grund, dort mit­zu­ma­chen. Der Markt ist noch jung und ich den­ke, jemand der ein gutes Händchen für Kundenbedürfnisse hat, wird sich dort ganz gut schla­gen. Wir haben 3500 Bilder in drei Monaten für Microstock pro­du­ziert und die­se Zahlen könn­ten wir für Macrostock gar nicht errei­chen. Nun wol­len wir nur noch stei­gen­de Verkäufe sehen. Wie haben die Hälfte der Bilder hoch­ge­la­den, um zu sehen, wie es läuft und nach sechs Monaten bei fünf Microstock-​Agenturen haben sie die Produktionskosten wie­der ein­ge­spielt. Wir laden nun die­se Bilder und den Rest der 3500 Fotos zu ins­ge­samt 10 Microstock-​Seiten hoch.

Du machst ja haupt­säch­lich People-​Fotos. Hast Du Tipps für die Arbeit mit Models?

Sorg dafür, dass sie eine gute Zeit haben. Die Probleme bei einem Shooting fan­gen dann an, wenn der Fotograf nicht jeden moti­viert und gut füh­len lässt, das ist die „Durchsicker-​Theorie“ (trick­le down effect). Es zeigt sich in den Fotos und kos­tet Dich Verkäufe. Eine brau­chen mehr Zuredung, ande­re legen ein­fach los, ohne dass ich fra­gen muss. Selbst wenn ein Model einen mise­ra­blen Job macht, las­se ich sie im Glauben, sie habe ihr Bestes gege­ben. Wenn das Shooting vor­bei ist, ist es nicht mei­ne Aufgabe, hohe Egos wie­der run­ter­zu­ho­len. Manchmal gebe ich aber vor­sich­tig kon­struk­ti­ve Ratschläge. Unsere Shootings machen Spaß und das spricht sich her­um. Die Models in unse­rer Gegend arbei­ten ger­ne mit uns zusam­men und wenn es mal län­ger dau­ert, for­dern sie nicht sofort mehr Geld. Es ist Teamarbeit. Seit also nicht zu schüch­tern, die Models und das Team zu unter­hal­ten. Am Ende eines Shootings kom­me ich mir vor als hät­te ich einen 6‑Stunden-​Auftritt gehabt und bin dann erschöpft.

Foto von Jonathan Ross

Mit was für Models arbei­test Du am liebs­ten?

Auf jeden Fall mit Kindern. Ich bin im Herzen auch noch ein gro­ßes Kind. Ich lie­be es, Kinder beim Sport zu trai­nie­ren und beim Fotografieren ist das Eis viel schnel­ler gebro­chen als bei Erwachsenen. Wenn ein Kind erst mal rich­tig lacht, dann ist es auch echt. Bei Erwachsenen wird der Ausdruck jedes Mal ein biß­chen bes­ser, je län­ger wir zusam­men­ar­bei­ten, da dann erst die Barrieren fal­len. Bei einem Kind dau­ert das viel­leicht zehn Minuten. Kurz Fangen spie­len und dann las­se ich die Kinder selbst kurz paar Fotos machen, damit sie mer­ken, was ich gleich machen wer­de und dann geht der Spaß los.

Außerdem mag ich extro­ver­tier­te Models. ich ver­schwen­de mei­ne Zeit nicht mehr mit intro­ver­tier­ten Models, die schwer zu moti­vie­ren sind, wenn es da drau­ßen so vie­le Models gibt, die ver­rückt danach sind, Fotos von sich machen zu las­sen.

Arbeitest Du lie­ber im Studio oder on loca­ti­on?

Ich arbei­te immer lie­ber on loca­ti­on. Obwohl ich im Laufe mei­ner Karriere meh­re­re Studios hat­te, bin ich momen­tan nur noch on loca­ti­on. Mal sehen, wie das in paar Jahren wird. Ich lie­be die Herausforderung, einen neu­en Ort zu betre­ten und ihn für Dich arbei­ten zu las­sen, vor allem bei der Belichtung. Außerdem fal­len mir vor Ort mehr Foto-​Konzepte ein als im Studio. Das fühlt sich immer so an, als gin­ge ich ins Büro.

Wie oft fin­dest Du Bilder von Dir in Zeitungen oder der Werbung?

Überall. Ich kann kei­ne Zeitschrift auf­schla­gen, ohne min­des­tens ein Foto von mir zu fin­den. Ich sit­ze gera­de im Flugzeug und habe eben mei­nem jüngs­ten Sohn gesagt, er kön­ne ja mal das „Alaska Airline“-Magazin neh­men und schau­en, wie lan­ge er braucht, um eins von Daddys Fotos zu fin­den. Er hat kei­ne 15 Sekunden gebraucht. Es ist echt erstaun­lich, wie vie­le Fotos man fin­det, wenn man schaut. Meine Frau ist aber der grö­ße­re Magazin-​Leser und reißt mir dann immer die Seiten raus.

Was macht eine gute Bildagentur aus?

Eine gute Agentur erkennt das Potential ihrer Fotografen und den Wert einer engen Zusammenarbeit. Sie lässt sie bes­ten Fotos nach ganz oben in die Suchergebnisse, sodaß Käufer die­se zuerst sehen. Aber am wich­tigs­ten ist, dass gute Bildagenturen wis­sen, wie man mit Bildkäufern arbei­tet und ihre Bedürfnisse befrie­digt. Das ist der wich­tigs­te Job. Sobald sie einen guten Kunden haben, müs­sen sie eine star­ke Bindung auf­bau­en, um ihn nicht an die Konkurrenz zu ver­lie­ren. Viele sagen, der Kunde kauft ein­fach dort, wo es das Bild gibt, was er braucht. Das stimmt zum Teil, aber ich glau­be auch, dass der Beziehungsaspekt eben­falls wich­tig ist. Gute Bildagenturen behan­deln ihre Kunden mit dem größ­ten Respekt, denn Bildkäufer sagen, dass die Bequemlichkeit und die Kommunikation mit einer Agentur die aus­schlag­ge­ben­den Faktoren für die Auswahl sind.

Wie hat sich der Stockfotografie-​Markt aus Deiner Sicht in den letz­ten Jahren geän­dert?

Microstock hat den Markt stark ver­än­dert. Es hat dem Macrostock-​Bereich Verkäufe gekos­tet, aber auch vie­le neue Kunden in den Markt ein­ge­bracht, was immer gut ist. Ich den­ke, der Kampf zwi­schen den ein­zel­nen Marktsegmenten wird nach­las­sen, da es immer mehr Angebote in der Mitte gibt. Die neue Vetta-​Collection von istock­pho­to ist ein gutes Beispiel. Auch die Digitalisierung war eine gro­ße Änderung. Heute ist es sehr leicht, Fotografie zu ler­nen, ohne eine rich­ti­ge Ausbildung dafür zu haben, obwohl ich das nicht emp­feh­le. Bildung ist immer der Schlüssel zur Erweiterung Deiner Fähigkeiten.

Was glaubst Du, wie wird sich der Markt ent­wi­ckeln?

Wenn ich das wüß­te, wäre ich ein rei­cher Mann. Er wird sich wei­ter in ver­schie­de­ne Richtungen ent­wick­len. Ich den­ke, die Videoverkäufe im Microstock-​Bereich wer­den zuneh­men, aber haupt­säch­lich für die Web-​Nutzung. Es wird immer einen Bedarf an Werbung geben und solan­ge die­se visu­ell ist, wird es auch Stockfotos geben. Nischen-​Kollektionen wer­den auch im Microstock-​Bereich zuneh­men. Ich den­ke, man kann direk­te Vergleiche zwi­schen der Entwicklung von Macrostock RF und der Zukunft von Microstock machen.

Foto von Jonathan Ross

Was war Dein größ­ter Fehler im Foto-​Geschäft?

Bisher hat­te ich viel Glück und konn­te gro­ße Fehler ver­mei­den. Ich den­ke, das liegt auch dar­an, dass wir jedes Jahr Recherchen machen, wel­che Marktbereiche im Trend lie­gen und uns dar­auf kon­zen­trie­ren. Das größ­te Risiko hat­te ich auf mich genom­men, als ich noch Werbung foto­gra­fiert habe. Wir haben den Fehler gemacht, 80% unse­res Einkommens von einem Kunden bestim­men zu las­sen. 1995 haben wir dann einen Anruf bekom­men, dass der Kunde jetzt in ein neu­es Digitalsystem inves­tiert und unse­re Dienste nicht mehr benö­tigt.

Voller Panik recher­chier­ten wir nach die­ser Digitalfotografie und nah­men unse­ren ein­zi­gen Kredit auf. $60.000, als wir kei­ne Rücklagen hat­ten, uns das neus­te Digitalsystem zu kau­fen. Da war damals die Sinarcam. Ich habe sechs Monate gebraucht, um mir alles selbst bei­zu­brin­gen. Vorher hat­te ich nicht mal an einer Tastatur getippt, geschwei­ge denn ein Histogramm gese­hen. Aber es hat sich bezahlt gemacht und wir beka­men einen Zwei-​Jahres-​Auftrag, um alle Kleidungsstücke einer Eddie Bauer-​Kollektion für deren Webseite zu foto­gra­fie­ren. Von da ging es wie­der berg­auf, da zu die­ser Zeit nur weni­ge schon digi­tal gear­bei­tet haben.

Hast Du Tipps für ange­hen­de Stockfotografen?

Video! Microstock-​Video. Aber auch hier gilt es, die rich­ti­gen Inhalte zu fin­den, um die Kunden zufrie­den­zu­stel­len. Das ein­zi­ge Hindernis für gute Videos ist die teu­re Ausrüstung, aber schon mit einer Canon 5D Mark II kann man anfan­gen. Tiefenschärfe ist ein wich­ti­ger Faktor, um Deine Filme pro­fes­sio­nell aus­se­hen zu las­sen, zusam­men mit Kamerawagen, Galgenstativen und Dauerlicht. Es ist kei­ne gerin­ge Investition, um alles rich­tig zu machen, aber es wird von Tag zu Tag bil­li­ger. Festbrennweiten sind zwar teu­er, aber wirk­lich am bes­ten für Bewegtbilder. Du kannst mit einer 5D Mark II anfan­gen und von dort wei­ter­ma­chen. Lasse es nicht die ande­ren machen oder man­geln­des Kapital eine Ausrede sein, nicht zu kon­kur­rie­ren. Und wenn Du nach Deiner Ausbildung an einer Fotoschule in einem Studio arbei­ten kannst, um davon zu leben und von den Fehlern der ande­ren zu ler­nen, wür­de ich das auch emp­feh­len.

Was ist der Fehler, den die meis­ten neu­en Stockfotografen machen?

Sie den­ken nicht wie Bildkäufer. Sie laden Bilder hoch, die kei­ner kau­fen will und wäh­len zu vie­le ähn­li­che Bilder aus, nur um ein gro­ßes Portfolio zu haben. Das sind alles Fehler.

Rechnest Du aus, wie viel Dich Deine Bilder kos­ten?

Ja, ich kal­ku­lie­re den „cost per image“. Jetzt, wo wir Videos und Fotos zusam­men an zwei Tageshälften machen, haben wir die Kosten pro Clip oder Foto auf ca. $50 drü­cken kön­nen. Wir könn­ten es auch für weni­ger pro­du­zie­ren, aber gute Models sind sehr wich­tig für die Verkäufe. Sie holen ihren Preis durch zusätz­li­che Verkäufe leicht rein und sie sor­gend dafür, dass ein Tag schnel­ler und rei­bungs­lo­ser vor­über geht und Du mehr Fotos machen kannst.

Foto von Jonathan Ross

Kann man Dein „Shootingtag in 3 Minuten“-Video auf YouTube sehen?

Nein, lei­der habe ich es noch nicht in die YouTube-​Welt geschafft, aber gib mir einen Monat. Diese gan­zen Social Networking-​Geschichten sind ein neu­er Teil des Business, auch für mich. Ich habe kei­ne Ahnung, wohin das führt. Aber bis dahin kannst Du das Video hier anschau­en. Viele Leute fin­den das Video ganz lus­tig, aber wenn Du genau hin­schaust, siehst Du, wie alles fließt, um die Bildausbeute hoch zu hal­ten. Es war sehr spa­ßig, das Video zu machen. Wir wol­len noch mehr „Hinter den Kulissen“-Material dre­hen, um es mit ande­ren Fotografen zu tei­len.

Ich will zum Schluss noch sagen, dass das unse­re Methode ist. Wenn Du Informationen fin­dest, von denen Du glaubst, sie könn­ten Deinen Arbeitsablauf ver­bes­sern, dann pro­bie­ren wir das aus. Aber ich ken­ne vie­le erfolg­rei­che Stockfotografen und das Einzige, was sie gemein­sam haben, ist, dass sie alle auf ganz ver­schie­de­nen Wegen an die Spitze gekom­men sind. Es gibt also kei­nen rich­ti­gen Weg. Mach, was Dich am bes­ten wei­ter­bringt und sor­ge dafür, dass es wei­ter­hin Spaß macht.

Danke, Robert, für das Interview. Ich bin ein gro­ßer Fan von Stockfotografen, die zusam­men­ar­bei­ten, um den Bildermarkt zu ver­bes­sern. Wenn mir jemand auf Twitter fol­gen will, fin­det er mich unter jona­than­jross. Fröhliches Fotografieren Euch allen! Shoot! Shoot! Shoot!

Auch Dir vie­len Dank für das Interview!

Wer mehr über Jonathan Ross wis­sen will, fin­det hier vie­le span­nen­de Infos über ihn:

Surfing The Stock Photography Revolution“ – Diashow-​Mitschnitt einer 48-​minütigen Präsentation von Jonathan Ross auf der PACA-​Konferenz im März 2009. Bei Minute 20 gibt es auch das Video aus der letz­ten Frage zu sehen. Außerdem sehr sel­ten: Er zeigt Bilder und erklärt, wie viel Geld er mit jedem ein­zel­nen ver­dient hat.
Andersen Ross – sei­ne Produktionsfirma, die er zusam­men mit sei­ner Frau betreibt
Jonathan Ross Interview – mit John Lund über die Zukunft der Stockfotografie
Photographers Working Together in a Three Tiered Stock Photo Market“ – Artikel von Jonathan Ross über die Konkurrenz zwi­schen RF, RM und Microstock

Jonathan Ross bei Getty Images
Jonathan Ross bei Dreamstime

Jonathan Ross bei Twitter

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Stockfotografie-​Interview mit Jonathan Ross (Fotograf) Teil 1

Wieder habe ich kei­ne Mühen gescheut, um Euch ein infor­ma­ti­ves Interview bie­ten zu kön­nen. Ich leh­ne mich sicher nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaup­te, dass dies hier das ers­te deutsch­spra­chi­ge Interview mit Jonathan Ross ist. Nein, ich mei­ne nicht den bri­ti­schen Moderator oder den aus­tra­li­schen Football-​Spieler, son­dern den Stockfotografen aus Seattle und Gründer der Bildagentur Blend Images. Zusammen mit sei­ner Frau Amy betreibt er die Fotoproduktionsfirma „Andersen Ross“.

Jonathan Ross

Ich freue mich wirk­lich sehr, dass Jonathan sich die Zeit genom­men hat, auf mei­ne Fragen aus­führ­lich zu ant­wor­ten, da er zum einen sehr offen spricht und auch Praxiserfahrungen in den Marktbereichen RM, RF und Microstock hat. Das Interview ist so lang gewor­den, dass ich es in zwei Teilen ver­öf­fent­li­che.

Was hast Du vor Deiner Fotografen-​Karriere gemacht?

Ich war Lagerarbeiter, ein Telefonmastenkletterer für das Kabelfernsehen und eine Aushilfe für einen Elektriker. Ich war ent­schlos­sen, ein „Arbeiterklasse-​Amerikaner“ zu sein, obwohl ich hin­ter den Kulissen von Theatern auf­ge­zo­gen wur­de, da mein Vater Regisseur war. Du kannst Deine Wurzeln nicht ver­leug­nen, des­halb beleg­te ich mei­nen ers­ten Fotokurs im College 1981. Aber erst 1987 ent­schied ich, die Fotografie ernst zu neh­men und schrieb mich in ein Programm für pro­fes­sio­nel­le Fotografie ein. Ich traf mei­ne Ehefrau in der Fotoschule und inner­halb eines Jahres nach unse­rem Abschluss öff­ne­ten wir unser ers­tes klei­nes Studio. Es war eine bes­se­re Garage, die pas­send „Luftschutzbunker“ genannt wur­de, da es ein Betonblock ohne Fenster war. Dort hat­te ich mein ers­tes Shooting mit einer ein­zi­gen Lichtquelle, gefil­tert durch ein Bettlaken, das von zwei Pfosten gehal­ten wur­de, die in Farbeimern zemen­tiert waren. Wir müs­sen alle irgend­wo anfan­gen… 🙂 Wir hat­ten 10.000 US-​Dollar gespart, um durch har­te Zeiten zu kom­men und mei­ne Frau begann sogar wie­der in einem Modeladen zu arbei­ten, damir wir ein Auskommen hat­ten, bis unse­rer Kundenstamm groß genug war.

Wie begann Dein Interesse an der Fotografie?

In mei­ner ers­ten Fotoklasse 1981 hat­te ich einen groß­ar­ti­gen Lehrer, Chris Simons, der ein super Motivator war. Er unter­rich­tet dort immer noch neue Schüler. Ich war 28, als ich am College wie­der mit der Fotografie anfing und muss­te etwas wäh­len und dabei blei­ben. Ich lieb­te Fotografie, also sag­te ich mir, als ich die Ausbildung begann, „das ist es und ich blei­be dabei“. Da ich unter Schauspielern auf­ge­wach­sen war, erkann­te ich, dass nur die Erfolg hat­ten, die ein­fach bestän­dig dabei blie­ben. Einige waren in weni­gen Jahren berühmt, ande­re brauch­ten zwan­zig, aber jeder, der dabei blieb, schaff­te es irgend­wann. Hartnäckigkeit und Arbeitsethik. In der Fotoschule geriet ich wie­der an einen Meister des Unterrichtens, Barton Atterberry, und er nahm mich unter sei­ne Fittiche. Wir blie­ben gute Freunde bis er letz­tes Jahr ver­starb. Er war ein Art Center-​Graduierter vor lan­ger Zeit. Meine Frau und ich haben ein Stipendium-​Programm die­ses Jahr unter sei­nem Namen gestar­tet für auf­stre­ben­de Fotografie-​Talente.

Seit wann arbei­test Du als pro­fes­sio­nel­ler Fotograf?

Wir fin­gen wir fast zwan­zig Jahren an, als wir den „Luftschutzbunker“ 1990 eröff­ne­ten. 🙂

Was ließ euch ent­schei­den, Stockfotografie pro­fes­sio­nell zu betrei­ben?

Wir began­nen mit Werbefotografie und hat­ten das pure Glück, dass sich das Zentrum der Stockfotografie in unse­rer Heimatstadt Seattle ansie­del­te. Wir fin­gen mit Photodisc an, weil ein ande­rer Fotograf, den wir kann­ten, sag­te, dass da gutes Geld zu machen wäre. Dann zog Getty Images dazu und Corbis war auch in der Nachbarschaft. Wir began­nen eini­ge Nachforschungen und Entwicklungen in Sachen Stockfotografie, da wir nicht unse­ren gesam­ten Kundenstamm ver­lie­ren woll­ten, denn wir uns in zehn Jahren auf­ge­baut hat­ten. Nach sechs Monaten, in denen wir gute Zahlen mit Stockfotografie erziel­ten, erkann­ten wir, dass es eine groß­ar­ti­ge Möglichkeit war. Innerhalb eines Jahres lie­ßen wir alle unse­re Kunden lie­gen und foto­gra­fier­ten aus­schließ­lich Stockfotografie und haben seit­dem nie mehr zurück­ge­se­hen. Die Entscheidung wur­de auch durch unse­re Kinder beein­flusst, für die ich mehr Zeit haben woll­te. Studioarbeit wird von den Kunden bestimmt, Stockarbeit von mir.

Foto von Jonathan Ross

Mit was für einer Ausrüstung arbei­test Du?

Mit allem unter der Sonne, ein­schließ­lich der Sonne :-). Ich habe vie­le ver­schie­de­ne Lichtmöglichkeiten für diver­se Anlässe und Orte.

Was ist Dein liebs­tes Werkzeug?

Ich den­ke, das wären dann mein Computer und Photoshop. Ohne die wäre mein Arbeitsablauf viel zeit­auf­wän­di­ger. Das Internet gehört auch dazu, aber das zäh­le ich mit zum Computer. Das ist mei­ne Verbindung zur Außenwelt.

Auf wel­che Themen und Motive hast Du Dich spe­zia­li­siert?

Ich habe als Still Life-​Fotograf für kom­mer­zi­el­le Kunden begon­nen. Viele Kleidungsfotos und Katalogarbeiten und ab und zu Unternehmensberichte. Die letz­ten zehn Jahre habe ich aber aus­schließ­lich Lifestyle foto­gra­fiert, jedes Thema, was von den Kunden und Kollektionen ver­langt wird, die wir belie­fern.

Wie wür­dest Du dei­nen foto­gra­fi­schen Stil beschrei­ben?

Das ist lus­tig, ich hät­te nie gedacht, dass ich einen Stil habe und mir mehr als Generalist gese­hen. Aber vie­le Leute sagen mir, dass sie ein Anderson Ross-​Foto [Name sei­ner Fotoproduktion; Anm. R.K.] leicht erken­nen kön­nen, also muss es da etwas geben. Ich wür­de sagen, ich fan­ge Momente und Gefühle im ech­ten Leben on loca­ti­on ein, unter­stützt durch Beleuchtung, die das natür­li­che Licht akzen­tu­iert.

Foto von Jonathan Ross

Wie vie­le Fotos pro­du­zierst Du durch­schnitt­lich pro Monat?

Das hat sich im Laufe der Jahre geän­dert. Wir machen momen­tan viel Recherche, des­halb ist unse­re Produktion die­ses Jahr stark gesun­ken. Wir inves­tie­ren viel Zeit, neue Qualität zu kre­ieren und zu beleuch­ten, die über dem liegt, was wir letz­tes Jahr pro­du­ziert haben. Letztes Jahr haben wir 10.000 Bilder pro­du­ziert, die­ses Jahr wer­den es eher 2.000–3.000 Fotos sein. Mehr Qualität, weni­ger Quantität. Auch das Dazukommen von Bewegtbildern hat die Produktion von Fotos redu­ziert.

Wie vie­le Bilder habt ihr bis­her pro­du­ziert?

Wir haben momen­tan über 15.000 Bilder online, aber wir haben einen Rückstau von ca. 2.000 Bildern, die noch hoch­ge­la­den wer­den müs­sen und ca. 100 Video-​Clips.

Wie ver­teilt sich das auf Macro RM, Macro RF und Microstock?

Wir haben ca. 1.000 RM-​Bilder und die­ser Bereich wird auch das kom­men­de Jahr wei­ter wach­sen. Im Bereich Macro-​RF haben wir ca. 10.000 Fotos.  Microstock-​Fotos haben wir ca. 3.500, aber zur Zeit sind nur 2.000 online, den Rest laden wir in den nächs­ten Monaten hoch. Wir pla­nen, ca. 2.000 wei­te­re Bilder die­ses Jahr zu foto­gra­fie­ren, aber ich zäh­le das fast gar nicht mit, da wir so vie­le Microstock-​Bilder an einem Tag pro­du­zie­ren kön­nen. Bisher hat­te ich nur zehn Shootingtage für Microstock-​Bilder. Aber die­ser Business-​Bereich ändert sich fast wöchent­lich, also sieht mei­ne Antwort in drei Monaten viel­leicht ganz anders aus.

Wie ent­schei­dest Du, wel­che Bilder Du als Macro-​RM, Macro-​RF oder als Microstock anbie­test?

RM-​Fotos sind meist ein­zig­ar­ti­ge Bilder mit einem star­ken Konzept und von unse­ren bes­ten Leuten pro­du­ziert. So ein Bild hat viel­leicht kei­ne Massenwirkung, aber der rich­ti­ge Käufer wird bereit sein, viel Geld für die­se Qualität zu bezah­len.

Macro-​RF-​Bilder sind unse­re mehr gene­ra­li­sier­ten Arbeiten im Studio oder „on loca­ti­on“, die brei­te­re Käuferschichten anspricht als unse­re RM-​Bilder. Der Schwerpunkt wird da auf Beleuchtung und Auswahl der Orte gelegt. Manchmal ist es schwer, sich zu ent­schei­den, wel­ches Bild wohin soll­te, aber unse­re Editoren hel­fen bei der Auswahl.

Microstock-​Bilder sind unse­re Fotos mit der größt­mög­li­chen Reichweite. Wir ver­su­chen, da Bilder zu pro­du­zie­ren, die eine gro­ße Vielzahl von Käufern anspricht, um sicher­zu­stel­len, dass es genug Verkäufe gibt, um die Investitionen so pro­fi­ta­bel wie in ande­ren Märkten zu machen. Außerdem pro­du­zie­ren wir bei Microstock-​Shootings viel mehr Bilder am Tag als für Macro-​Agenturen. Der Unterschied liegt bei ca. 50–60 Macro-​RF-​Fotos am Tag zu 200–250 Microstock-​Fotos pro Tag.

Kannst Du noch zäh­len, wie vie­le Bilder zu bis­her ver­kauft hast?

Ich hab kei­ne Ahnung. Ich kann Dir sagen, wie viel Umsatz jedes ein­zel­ne Foto in sei­nem Leben gemacht und mit etwas Recherche wür­de ich auch die Gesamtverkäufe her­aus­fin­den. Aber wir kon­zen­trie­ren uns mehr auf den mone­tä­ren Aspekt bei der Verkaufsanalyse. Wir ver­fol­gen alle Verkäufe unse­rer Bilder mit­tels einer Software, die spe­zi­ell für Stockfoto-​Verkäufe ent­wi­ckelt wur­de. Das hilft uns, zu erken­nen, was sich ver­kauft und was nicht, Saison-​Trends zu sehen und wann man dafür Bilder hoch­la­den soll­te.

Welches Foto hat Dir bis­her den meis­ten Umsatz gebracht? Und wor­an könn­te das lie­gen?

Das ist ein Foto von einem Jungen, der an einem son­ni­gen Tag in einem Reifen schau­kelt. Im Bild liegt ein Gefühl von Freiheit und Glück, das glaub­haft ist, aber auch vage genug, damit es für vie­le Käufer attrak­tiv wird. Es ist aber auch eins unse­rer ältes­ten Bilder, des­halb hat­te es am meis­ten Zeit, Umsätze zu erzie­len. Ich glau­be, bis­her waren es ca. $15.000 und es ist ein Macro-​RF-​Foto, was immer noch über Getty Images ver­kauft wird.

Foto von Jonathan Ross

Welcher Teil des Fotografie-​Geschäfts macht Dir am meis­ten Spaß?

Es ist ein Unentschieden zwi­schen dem Shooting selbst und der ers­ten Auswahl. Ich lie­be es zu moti­vie­ren und am Set kann ich das gut machen. Die Interaktion mit den Models macht einen gro­ßen Unterschied aus, wie gut sich die Bilder ver­kau­fen wer­den. Ich mag auch die ers­te Auswahl, wenn ich die Ergebnisse mei­ner Arbeit am Computer sehen kann. Ich erwi­sche mich dabei, dass ich anfan­ge zu grin­sen, wenn ich ein beson­ders gelun­ge­nes Bild fin­de. Es ist eine Chance, sich an den Tag zu erin­nern und auch zu ler­nen, was nicht so gut lief, damit ich es beim nächs­ten Mal bes­ser machen kann.

Wie sieht Dein Arbeitsablauf aus?

Mein Produzent sucht die Locations, an denen wir foto­gra­fie­ren wol­len. Sobald wir die Erlaubnis für eine Location bekom­men, schau­en wir in den Bildagenturen nach Löchern in den Bildkollektionen, die unse­rer Meinung nach nicht gut genug abge­deckt sind und fan­gen von da an. Danach schau­en wir uns noch mal die Location an, ren­nen mit unse­ren Kameras her­um, um das vor­han­de­ne Licht zu tes­ten, sowohl von der Stärke als auch der Farbtemperatur und suchen nach span­nen­den Winkeln. Dann cas­ten wir die pas­sen­den Models für die Location. Wenn es ein Klassenraum ist, suchen wir Lehrer- und Schülertypen. Bei Krankenhäusern nach star­ken, ver­trau­ens­vol­len Gesichtern, die ein Gefühl von Sicherheit aus­strah­len und so wei­ter. Danach schaue ich mir die Location-​Fotos an und die Konzepte, wie wie als Lücken bei den Bildagenturen iden­ti­fi­ziert haben und ent­schei­den, wel­che Models am bes­ten für wel­che Rollen und und schrei­ben eine Shooting-​Liste.

Das Vorbereiten der Shootingliste dau­ert lan­ge, dann wir wol­len nur die Models am Set haben, die wir dann auch benö­ti­gen. Ich has­se es, Models nur für das Rumstehen zu bezah­len. Außerdem wol­len wir den Lichtaufbau so nut­zen, dass wir unser Licht so wenig wie mög­lich umräu­men müs­sen. Diese Dinge ver­schwen­den Zeit und Geld. Je bes­ser wir vor­be­rei­tet sind, des­to weni­ger geht schief und wir stei­gern unse­re Produktivität. Auf der Shootingliste ist auch die Zeit ver­merkt, die für jeden Bereich zur Verfügung steht und wel­che Kleidung und Requisiten für die­se Szenen benö­tigt wer­den. Das befreit mich von dem gan­zen tech­ni­schen Ballast und ich kann mich auf Ideen und die Models kon­zen­trie­ren.

Was ist Dein Lieblings-​Lichtaufbau?

Ich arbei­te mit allen Arten von Licht, aber ich arbei­te am schnells­ten mit Blitzen. Ich habe über 35 Lichtquellen in mei­ner Sammlung, des­halb ist es eine Frage der Location, was ich davon mit­neh­me. Ich lie­be mei­nen 2m-​Profoto-​Schirm, der eine wun­der­ba­re Lichtqualität hat, aber ich mag das Licht von so vie­len Geräten, dass es schwer zu sagen ist. Ich mag auch die Kino-​Leuchten wegen ihres wei­chen Lichts und weil ich sie mit den Augen statt mit der Kamera kon­trol­lie­ren kann.

So, mor­gen geht es an die­ser Stelle wei­ter. Dann kom­men die span­nen­den Fragen zu Bildagenturen, Microstock, der Arbeit mit Models und der Zukunft des Bildermarkts.

Stockfotografie-​Interview: Dr. Martina Mettner (Fotografen-​Coach)

Heute las­se ich mal wie­der ande­re reden. In mei­ner Interview-​Reihe fra­ge ich Leute aus der Stockfotografie-​Branche. Diesmal ist Dr. Martina Mettner an der Reihe. Sie ist „Photoconsultant“ und berät Fotografen, die mehr Erfolg haben wol­len. Wer nach dem Lesen gleich eini­ge Tipps von ihr haben möch­te, fin­det auf ihrer Webseite ein aus­führ­li­ches, lesens­wer­tes Karriere-​Tutorial für Fotografen. Außerdem schreibt sie den Blog „Fotofeinkost“. Los geht’s mit den Fragen.

Dr. Martina Mettner

Sie nen­nen sich Photoconsultant. Was ist das eigent­lich und wie kamen Sie dar­auf, Fotografen zu bera­ten?

Hierzulande kennt man sonst nur Art Consultants, die bei­spiels­wei­se beim Aufbau einer Kunstsammlung bera­ten. Ich bin stu­dier­te Soziologin, und habe mich wäh­rend des Studiums inten­siv theo­re­tisch mit Fotografie befasst, unter ande­rem in Form einer Diplom- und einer Doktorarbeit. Während des Studiums habe ich nicht nur in Büros, son­dern vor allem an und für Fotozeitschriften gear­bei­tet, in der ers­ten Fotogalerie in Frankfurt mit­ge­wirkt und auch Fotografie unter­rich­tet. Nach dem Abschluss konn­te ich des­halb direkt die Position einer Chefredakteurin zunächst von einer, dann spä­ter von zwei Fotozeitschriften über­neh­men. In die­ser Funktion habe ich ja lau­fend mit Fotografen gear­bei­tet und ihnen ihr Bildmaterial neu sor­tiert. Im Umschau Verlag ent­wi­ckel­te ich auch das Magazin „Schwarzweiss“, das inhalt­lich etwas anders aus­ge­rich­tet war als heu­te. Immerhin exis­tiert es noch. Nach mehr als zehn Jahren im Verlag wech­sel­te ich in die Unternehmenskommunikation, erst ange­stellt, spä­ter frei. Ich schrieb Romane und ver­miss­te die Fotografie. Die Idee, mein Wissen, die Erfahrung und vor allem mei­ne ana­ly­ti­schen Fähigkeiten zum Nutzen von Fotografen anzu­bie­ten, hat­te ich in den USA als ich dort die Ausstellung „In Their Mothers’ Eyes“ kura­tier­te. Dort gibt es den Beruf ja schon län­ger, wobei sie sehr viel stär­ker auf kom­mer­zi­ell arbei­ten­de Fotografen fokus­siert sind als ich.

Es gehört viel Vertrauen dazu, eine Beratung zu buchen. Sich hel­fen zu las­sen fällt doch gera­de Fotografen nicht leicht, oder?

Auf jeden Fall, und ich weiß es sehr zu schät­zen, dass Fotografen oft­mals von weit her (Holland, Österreich, Schweiz, Italien, sogar aus Shanghai und dem­nächst einer aus Russland) kom­men, um mit mir zu spre­chen. Aber ich arbei­te auch dar­an, indem ich über mei­ne Internetpräsenzen vie­le Tipps und Artikel ver­öf­fent­li­che, die mei­ne Haltung trans­pa­rent machen. Wer kommt, weiß in der Regel, dass es ans Eingemachte geht. Das Gute aus mei­ner Sicht ist, dass es den Fotografinnen und Fotografen immer viel mehr bringt, als sie erwar­tet haben. Manche kom­men wirk­lich ver­zwei­felt, weil sich seit Jahren die Gedanken im Kreis dre­hen und kei­ne Lösung in Sicht scheint. Manche wol­len „nur“ wis­sen, wo sie ste­hen und wie sie sich ver­bes­sern kön­nen. Gerade bei Seiteneinsteigern ist so ein pro­fes­sio­nel­les Feedback immens wich­tig. Eine Analyse, die die eige­ne Biografie, den Stand der Fotokenntnisse eben­so umfasst wie die zukünf­ti­gen Entwicklungen, die sich in der Branche abzeich­nen, hilft letzt­lich jedem Fotografen, die eige­nen gedank­li­chen Grenzen zu über­win­den und ein kla­res Ziel zu sehen. Je kla­rer das Ziel, des­to leich­ter ist es, sich mit Élan an des­sen Erreichung zu machen.

Was sind die Bereiche, in denen die meis­ten Fotografen bei Ihnen Rat suchen?

Da die Beratungen indi­vi­du­ell sind und jeder mit sei­ner beson­de­ren Geschichte, sei­nen Wünschen und Problemen kommt, fällt es mir schwer, pau­schal zu ant­wor­ten. Man kann wohl drei Gruppen benen­nen: kom­mer­zi­ell arbei­ten­de Fotografen, die mer­ken, dass Ihnen die klas­si­schen Auftragsbereiche weg­bre­chen und die klug genug sind, zwecks Neuorientierung zu kom­men; Amateure und Seiteneinsteiger, die glau­ben, die Fotografie sei die Erlösung aus ihrem Büro- oder IT-​ler oder BWL-​ler-​Dasein. Und Fotografinnen. Es ist sicher eigen­ar­tig, sie geson­dert zu nen­nen, aber es gibt tat­säch­lich geschlechts­spe­zi­fi­sche Unterschiede. Frauen man­gelt es oft­mals an Selbstbewusstsein, erst recht, wenn sie nach einer Erziehungspause wie­der ein­stei­gen wol­len. Die gan­ze Branche hat sich inzwi­schen ver­än­dert, was es für sie nicht leich­ter macht.

Raten Sie Fotografen zur Stockfotografie?

Prinzipiell hal­te ich die Stockfotografie für eine Option, den Lebensunterhalt zu ver­die­nen oder zu ihm hin­zu­zu­ver­die­nen. Aber es sind weni­ge Fotografen von ihrer Veranlagung her zur Stockfotografie geeig­net. Nicht jeder ist so akri­bisch wie Sie! Und das soll­te man sein. Ich hal­te die­se Sparte der Fotografie für die schwie­rigs­te über­haupt, weil sie eine extre­me hand­werk­li­che Perfektion ver­langt und zugleich die Fähigkeit, abs­trak­te Begriffe zu visua­li­sie­ren, vom gan­zen Handlingaufwand nicht zu reden. Ich per­sön­lich fin­de die Stock-​Fotografie aber auch ste­ril. Überwiegend im Studio vor wei­ßem Hintergrund zu foto­gra­fie­ren und dann stun­den­lang zu ver­schlag­wor­ten – das muss man wirk­lich wol­len.

Welche Voraussetzungen soll­te Ihrer Meinung nach ein guter Stockfotograf mit­brin­gen?

Er soll­te per­fek­tio­nis­tisch sein und extrem auf dem Laufenden, was in der Gesellschaft pas­siert, denn er oder sie muss ja im Idealfall das Bildmaterial jetzt pro­du­zie­ren, für das es erst in der nahen Zukunft einen Bedarf geben wird. Das ist schon ein gro­ßer Unterschied zur Auftragsfotografie, wo der Fotograf auf eine klar for­mu­lier­te Anforderung hin pro­du­ziert.

Was hal­ten Sie von Microstocks?

Das ist nicht ein­mal die Zukunft, son­dern die Gegenwart. Das hat sich von lan­ger Hand abge­zeich­net. Die Fotografie ist in einem dra­ma­ti­schen Umbruch, der nichts mit digi­ta­ler oder ana­lo­ger Aufzeichnung zu tun hat, son­dern mit einer kom­plet­ten Umstrukturierung der Arbeitsfelder und neu­en Werten foto­gra­fi­schen Handelns. Im Übrigen bin ich neu­er­dings Fan von Yuri Arcurs, weil er ana­ly­tisch an die Technik der Microstock-​Fotografie und die Anforderungen her­an­geht. Der zeigt in einem Workshop-​Video (http://www.fototv.de/microstock_fotografie) wie man das machen muss, um ratio­nell zu arbei­ten. Wenn man einen Bereich ana­ly­tisch durch­drun­gen hat, kann man leicht erklä­ren wie’s funk­tio­niert. Und das Gegenüber kann es leicht nach­voll­zie­hen. Das mache ich genau so. Ich erklä­re, wie die Fotografie funk­tio­niert, und war­um es wich­tig ist, sich jetzt mit den geän­der­ten Bedingungen aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Fotografieren Sie eigent­lich selbst?

Ich lie­be die Fotografie! Meinen Sie, auf das Glück, das ernst­haf­tes Fotografieren bedeu­tet, woll­te ich ver­zich­ten? Kommerziell arbei­te ich aller­dings nicht, zum einen, weil ich das, was mir so am Herzen liegt, nicht Marktgesetzen preis­ge­ben will, zum ande­ren möch­te ich nicht, dass Klienten sich zu mir in einer Konkurrenzsituation sehen. Fotografen sind da sehr sen­si­bel!
Ich bin gera­de in den letz­ten Jahren durch eige­ne Fotoprojekte ver­ständ­nis­vol­ler bei der Bildbeurteilung gewor­den, und gebe, wo es ange­bracht ist, prak­ti­sche Tipps zur Bildaufteilung oder Fotobearbeitung. Bei vie­len Beratungsgesprächen kann ich aus per­sön­li­cher Erfahrung ermu­ti­gen, über den eige­nen Schatten zu sprin­gen, und, bei­spiels­wei­se, ein frei­es Projekt zu begin­nen.

Wenn Sie selbst nicht kom­mer­zi­ell foto­gra­fie­ren, woher neh­men Sie Ihr gan­zes Know-​how?

Das ist nun eben der Unterschied zwi­schen Handwerk und Wissenschaft: Machen oder Analysieren – und Schlussfolgerungen zie­hen. Durch die vie­len Beratungen bekom­me ich die Situation in ganz unter­schied­li­chen Berufs- und Ausbildungssituationen geschil­dert und gewin­ne dadurch einen guten Überblick. Ich den­ke wirk­lich viel dar­über nach, was im Moment in der Fotografie pas­siert, gucke mir, wenn gera­de kein Fotograf hier ist, Fotoarbeiten im Internet an. Momentan schrei­be ich an einem Fotolehrbuch, das hof­fent­lich noch in die­sem Jahr erschei­nen wird, was zusätz­lich zwingt, kla­re Aussagen zu machen. Zudem kommt mir mei­ne beruf­li­che Erfahrung natür­lich eben­so zugu­te wie mein foto­gra­fi­sches Wissen. Womit ich jedoch die Fotografen am meis­ten ver­blüf­fe, ist, dass ich Fehler, Schwächen, aber auch Vorzüge ein­zel­ner Fotografien spon­tan in Worte fas­sen kann. Das geht nur dank lebens­lan­gem Training.

Sie sagen ja, die Fotografen soll­ten in ein, zwei Sätzen ihr beruf­li­ches Profil erläu­tern kön­nen. Sagen Sie in zwei Sätzen, was die Fotografen bei Ihnen erwar­tet.

Alle, die zu mir kom­men, wer­den, egal auf wel­chem Stand sie sind, wirk­lich ernst genom­men und gehen nicht ohne fri­sche Perspektive und neue Ideen. Sie bekom­men klar gesagt, wor­an sie arbei­ten müs­sen, um das gesteck­te Ziel zu errei­chen, und sie müs­sen die­ses inspi­rie­ren­de, aber auch umwäl­zen­de Gespräch nicht mit lee­rem Magen durch­ste­hen.

Heißt Ihr Blog des­halb Fotofeinkost?

Ganz genau. In mei­nem Online-​Magazin gibt es Denkanstöße zur Fotografie, jedoch kei­ne Rezepte.

Vielen Dank für das Interview!

Falls nach Fragen offen sind, könnt ihr sie ger­ne in den Kommentaren stel­len. Vielleicht kann Frau Dr. Mettner sie euch dann beant­wor­ten oder eine aus­führ­li­che Beratung emp­feh­len.

Martin interviewt mich zum Thema Stockfotografie

Vorgestern haben Martin Gommel (von kwerfeldein.de) und ich so lan­ge an unse­ren Webcams, Monitoren und Soundkarten gespielt, bis wir via Skype eine coo­le Videokonferenz hin­be­kom­men haben. Martin hat mich dann gleich zum Thema „Stockfotografie“ inter­viewt und das Video ges­tern in sei­nem Blog ver­öf­fent­licht. Das Video könnt ihr in die­sem Beitrag von ihm sehen.

P.S. Nicht wun­dern, wenn ich stän­dig an der Kamera vor­bei­schaue, aber ich habe eher Martin auf mei­nem Monitor ange­schaut… 🙂

Deutschsprachige Fotoblogs – Wo sind sie denn?

Martin stellt in sei­nem Blog Kwerfeldein den deutsch­spra­chi­gen Fotoblogs eini­ge Fragen.

Journalistin mit Notizblock

Hier sind mei­ne Antworten:

Was hat Dich dazu bewegt, über Fotografie zu blog­gen?

Da ich als Fotoproduzent arbei­te, bie­tet es sich an, über das zu schrei­ben, was ich kann: Fotografieren. Ich las­se mei­ne Leser hin­ter die Kulissen des Berufsalltags bli­cken und durch die stän­di­ge Beschäftigung mit den Themen ler­ne ich auch immer noch etwas dazu.

Über wel­che Themen schreibst Du selbst am liebs­ten?

Beim Start mei­nes Blogs habe ich gemerkt, dass es zwar vie­le Fotoblogs gibt, die schö­ne Fotos zei­gen, aber nur sehr weni­ge, die sich auf die beruf­li­che Seite der Fotografie kon­zen­trie­ren. Deswegen gibt es bei mir Analysen zum Bildermarkt, Umsatzzahlen und Trends in der Fotobranche.

Welche Artikel sind die wich­tigs­ten Deines Blogs (ca. 2–5)?

Gemessen am Leserinteresse sind das:

Weisst Du schon, was die Leser Deines Blogs 2009 erwar­ten wird?

Ich arbei­te dar­an, mehr Interviews zu machen und hof­fe, wei­ter­hin Meldungen und Themen zu ver­öf­fent­li­chen, die bei kaum einem ande­ren Blog so zu fin­den sind.

Wieviele Artikel ver­öf­fent­lichst Du im Schnitt pro Woche?

Pro Woche schaf­fe ich durch­schnitt­lich 3–4 Artikel. Ziel ist es, dass an jedem zwei­ten Werktag ein Text online geht.