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Geld verdienen auf Warez‐Seiten? Interview über ein Experiment

Nach die­sem Artikel vor eini­gen Tagen gab es sehr vie­le, teils kon­tro­ver­se Kommentare. Die Leserin Anchan wies mich hier dar­auf hin, dass ich doch ein­fach mal eine der Beteiligten beim Projekt „Stockalliance.org“ fra­gen könn­te, die aus pro­biert hat, ob sie mit ihren Bildern auch auf Warez‐Seiten Geld ver­die­nen kön­ne.

Das habe ich ger­ne gemacht und des­we­gen gibt es jetzt ein Interview mit der Illustratorin Elena, die ihre Bilder bei Shutterstock, Dreamstime, 123rf, iStock, Depositphotos und eini­gen ande­ren Bildagenturen ver­kauft über Warez‐Seiten und den Ursprung der stockalliance‐Webseite.

Robert Kneschke: Kannst Du dich bit­te kurz vor­stel­len?

Elena (art_of_sun): Ich hei­ße Elena (auch bekannt als art_of_sun) und woh­ne in Russland.Ich habe ca. zehn Jahre als Grafikdesignerin gear­bei­tet (Polygraph, Illustrationen, Kinderspiele für das iPad und so wei­ter) und seit den letz­ten andert­halb Jahren bin ich Vollzeit‐Stocker.

Portrait von Elena
Portrait von Elena

Wie hast Du mit Microstock begon­nen?

Zuerst lern­te ich dar­über 2007–2008 vom Blog eines Freundes ken­nen. Viele Leute schlu­gen damals vor, deren Referral‐Links zur Anmeldung zu benut­zen. Also regis­trier­te ich mich bei eini­gen Bildagenturen und ver­such­te, etwas Geld zu ver­die­nen, aber ohne rich­ti­gen Erfolg. Ich bekam ca. 20–30$ im Monat. Aber vor andert­halb Jahren ver­an­stal­te­te einer der Leute in mei­ner Freundesliste (Oleg SkillUp) einen „Mega‐Workshop“ und woll­te allen bei­brin­gen, wie man 1000$ im Monat bei Shutterstock ver­dient, wenn man sich mit sei­nem Referral‐Link anmel­det. Ich war unzu­frie­den mit mei­nem Job zu der Zeit, also hör­te ich damit auf und woll­te es ver­su­chen. Und es hat geklappt 🙂

Wie vie­le Bilder hast Du online bei den Microstock‐Seiten und wie viel ver­dienst Du damit im Monat?

Bei Shutterstock habe ich aktu­ell 4170 Bilder (ca. 2500 Vektoren plus Rasterkopien davon und eini­ge Fotos), bei den ande­ren Agenturen weni­ger. Bei allen Bildagenturen zusam­men mache ich zwi­schen 2000$ und 3000$ Umsatz im Monat.

Wie kam die Idee, dei­ne Bilder auf Warez‐Seiten zu ver­tei­len?

Das war eine gemein­sa­me Idee. Wir waren in einem Chat mit den Leuten, die am Mega‐Workshop teil­ge­nom­men haben und vie­le von uns hat­ten Probleme mit den Piraten‐Seiten. Also dach­ten wir über einen Weg nach, wie wir das stop­pen könn­ten. Zu der Zeit schrieb ich vie­le DMCA‐Meldungen. Nach einer davon mel­de­te sich fotoram­ka [sie­he die­ser Artikel; Anmerkung R.K.] bei einer von uns im Chat, weil sie so nied­li­che DMCA‐Meldungen ver­schick­te mit Bildern, aber ver­ges­sen hat­te, die Links zu erwäh­nen und er half uns, die DMCA‐Meldungen kor­rekt aus­zu­fül­len und schlug vor, die Dateien direkt von Letitbit zu löschen ohne DMCA‐Meldungen, indem wir ihn ein­fach über Skype anschrei­ben.

Er erzähl­te uns, wie Warez‐Seiten funk­tio­nie­ren. Tatsächlich kön­nen die Piraten mit ihren Aktivitäten das glei­che Geld ver­die­nen wie wir im Microstock, des­halb mach­te jemand den Witz, dass wir unse­re Bilder viel­leicht auf den fal­schen Seiten anbie­ten. Dann kam die Idee auf, dass wir ver­such­ten könn­ten, unver­kauf­te Bilder (und eini­ge Bilder, die bei den Warez‐Seiten beliebt waren) dort mit unse­rer eige­nen Lizenz anzu­bie­ten (ähn­lich wie das Leute machen, die Fonts ver­kau­fen) und mit einem Text und Link in der Art „Dieses Bild ist nur für die nicht‐kommerzielle Nutzung. Die kom­mer­zi­el­le Lizenz ist hier erhält­lich…“ Ich ent­schied, das zu pro­bie­ren, weil ich ein gro­ßes Portfolio habe und sich vie­le mei­ner Bilder nicht bei Shutterstock ver­kauf­ten.

Warst Du die ein­zi­ge, die das aus­pro­biert hat?

Ja.

Wie vie­le Bilder waren beim Test dabei?

Ich hat­te fünf Posts wie die­sen hier, es waren also ca. 40 Bilder (7–10 in einem Archiv).

Verkleiner Ausschnitt, für eine vollständige Ansicht bitte klicken.
Verkleinerter Ausschnitt, für eine voll­stän­di­ge Ansicht bit­te kli­cken.

Wie genau funk­tio­nier­te der Upload‐Prozess?

Wir haben mir einen Account bei eini­ge Filehosting‐Seiten ange­legt, nicht nur da, wo Fotoramka arbei­tet, son­dern auch bei ande­ren, wo man Geld für Download bekom­men konn­te. Außerdem habe ich mich bei drei Warez‐Seiten regis­triert: Gfxtra, Allday and Heroturko, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re. Dann habe ich das rote Titelbanner gemacht (sie­he oben) und zusam­men mit fotoram­ka haben wir eine Lizenz geschrie­ben.

Danach such­te ich die Bilder aus, mach­te Vorschau‐Bilder, ein gepack­tes Archive mit den Bildern und der Lizenz und lud die­se zu den Filehostern hoch. Dann haben wir von mei­nem Computer aus die Posts für die Warez‐Seiten gemacht (fotoram­ka schrieb die Posts mit den HTML‐Tags, Links und Beschreibungen).

Bei wel­chen Filehostern hast Du Dich regis­triert?

Letitbit, Keep2Share und Rapidgator.

Wie wür­dest Du den Upload‐Aufwand gegen­über dem Hochladen bei den Microstock‐Agenturen ver­glei­chen?

Es braucht fast die glei­che Zeit wie das Vorbereiten von Bildern für CreativeMarket zum Beispiel. Und etwas mehr Zeit beim Hochladen. Deshalb war die zwei­te Idee (wenn das Experiment funk­tio­niert), eine unab­hän­gi­ge Seite zu machen mit den Vorschau‐Bildern, Archiven und Postings.

Stockalliance.org?

Ja.

Die Lizenz, die Du ange­bo­ten hast, erlaub­te nur pri­va­te Nutzung, kei­ne kom­mer­zi­el­le Nutzung?

Ja, die Lizenz sieht so aus.

Glaubst Du, die Leute, wel­che Warez‐Seiten besu­chen, sche­ren sich um die­sen Unterschied?

Fotoramka arbei­tet ja beim Support eines Filehosters und erzähl­te mir, dass er manch­mal Anfragen von Leuten hat, die etwas „kos­ten­los“ run­ter­ge­la­den hat­ten und dann wis­sen woll­ten, wo sie es legal kau­fen kön­nen. Ich hat­te in der Zeit des Experiments auch eini­ge Verkäufe von Bildern, die ich bei Warez‐Seiten ver­öf­fent­licht hat­te und von Bildern aus der glei­chen Serie, die vor­her kei­ne Verkäufe hat­ten.

Meiner Meinung nach dem Experiment ist es nur ein sehr klei­ner Teil der Leute, die Bilder von Warez‐Seiten neh­men und sich um Rechte küm­mern. Vielleicht jemand, der wirk­lich nicht weiß, dass es nicht kos­ten­los und legal ist und viel­leicht eini­ge, die es wegen der the­ma­ti­schen Zusammenstellung popu­lä­rer Bilder nut­zen, aber die meis­ten inter­es­sie­ren sich wirk­lich nicht.

Wie viel Geld kann man mit die­sen kos­ten­lo­sen Downloads ver­die­nen?

Ich habe nichts ernst­haft ver­dient, nur eini­ge Dollar, aber soweit ich weiß, wenn Leute Bilder von Dir run­ter­la­den und dafür den „schnel­len Download“ kau­fen [Premium‐Zugang beim Filehoster; Anmerkung R.K.], kannst Du dafür bis zu 60$ erhal­ten.

Kannst Du sehen, wie vie­le Leute dei­ne Dateien run­ter­ge­la­den haben?

Ja, das kann ich in den Statistiken in mei­nem Account bei den Filehostern sehen.

Wie lan­ge waren Deine Bilder online und wie vie­le Downloads hat­ten sie zusam­men?

Ungefähr einen Monat. Hier ist die Statistik für November 2013, wo wir das Experiment ange­fan­gen haben:

Klicken zum Vergrößern
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Die Spalten sind von links nach rechts: Datum, Downloads, Verkäufe, Rating.

Lese ich das rich­tig, dass das 0,80$ Einnahmen für November 2013 sind?

Ja, das ist rich­tig. Ich habe her­aus­ge­fun­den, dass Du, wenn Du Geld auf Warez‐Seiten ver­die­nen willst, viel Material jeden Tag ver­öf­fent­li­chen müsst. Und es muss unter­schied­li­ches Material sein. Das ist ein­fach, wenn Du vie­le gestoh­le­ne Bilder hast, aber sehr schwer mit dei­nen eige­nen Bildern.

Aber wir haben auch ein ande­res Ergebnis: Die Piraten sahen unser Projekt und in der Zeit, in der ich mei­ne Bilder hoch­ge­la­den habe, haben sie ihre Posts mit mei­nen Bildern gelöscht. So hör­ten sie fast voll­stän­dig auf, mei­ne Bilder zu neh­men.

Das ist ja gut für dich.

Ja, nicht schlecht… 🙂

Warum hast Du auf­ge­hört, bei den Warez‐Seiten hoch­zu­la­den?

Es kos­tet eine Menge Zeit, die Bilder, Archive und Posts vor­zu­be­rei­ten und ich has­se es, mei­nen Tag damit zu begin­nen, Warez‐Seiten nach gestoh­le­nen Bildern von mir zu durch­su­chen. Und es demo­ti­viert auch irgend­wie. Ich bevor­zu­ge es, neue Bilder zu zeich­nen und sie zu Bildagenturen hoch­zu­la­den, um Geld zu ver­die­nen statt nur für die PR bei sol­chen dubio­sen Seiten zu arbei­ten. Ich mei­ne, das ver­brauch­te fast die gan­ze Zeit, in der ich neue Bilder hät­te machen kön­nen.

Hast Du die Möglichkeit, dei­ne Bilder auf den Warez‐Seiten zu löschen?

Klar, ich habe fast alle mei­ne Archive gelöscht nach dem Ende des Experiments im Dezember 2013.

Was waren dei­ne gesam­ten Einnahmen von dem Experiment?

2$, eini­ge Verkäufe der ver­öf­fent­lich­ten Bilder bei Bildagenturen (wobei ich nicht bewei­sen kann, dass das durch das Experiment kam) und 90% weni­ger gestoh­le­ne Bilder aus mei­nem Portfolio auf den Warez‐Seiten.

Gab es Verträge, um Deine Bilder auf den Warez‐Seiten zu ver­trei­ben?

Nein, nur Veröffentlichungs‐Regeln.

Was für Regeln?

Lass sie mich raus­su­chen:

- Benutze das Admin‐Panel, um dei­ne News am bes­ten zu desi­gnen.
– Alle Informationen wie Informationen und Bilder müs­sen im Hauptfenster zen­triert sein.
– Benutze nicht radikal.ru, photobucket.com, rapidshare.com als Bild‐Hoster.
– Maximale Bildweite ist 500 Pixel. Bitte benut­ze nicht unse­ren Skript‐Resizer. Bearbeite dei­ne Bilder mit einem Bildbearbeitungsprogramm, um die Bildweite zu redu­zie­ren.
– Du soll­test unse­re Wasserzeichen bei der Vorbereitung der Vorschaubilder nut­zen, die du hier run­ter­la­den kannst.

Kennst Du die Leute, mit denen Du gear­bei­tet hast?

Du meinst die Leute bei Stockalliance? Ja, klar.

Gibt es noch irgend­was, was wich­tig wäre?

Ich den­ke, es ist wich­tig, dass nach­dem Dein Artikel und ein ähn­li­cher Artikel in rus­si­scher Sprache erschie­nen ist, vie­le Leute begon­nen haben, zu den­ken, der Boykott sei von „Warez‐Leuten“. Aber das ist falsch, nicht nur wegen unse­rem Ruf, son­dern auch weil sie die wirk­li­che Situation nicht sehen und was Fotolia gera­de mit dem Dollar Photo Club macht und war­um das schlecht für die Industrie ist.

Danke für das Interview!

Die Warez‐Verbindung der Stockalliance

In den letz­ten bei­den Wochen war es ziem­lich ruhig bei mir im Blog, was dar­an lag, dass ich viel im Hintergrund recher­chiert habe.

Auslöser war die Boykott‐Aktion gegen den Dollar Photo Club (DPC) von Fotolia, wel­chen ich schon im März hier im Blog kurz vor­ge­stellt hat­te. Damals hat­ten das Preismodell und die Ausgestaltung nur eini­ge Fotografen gestört, aber kon­kre­te Aktionen wur­den nicht unter­nom­men.

Am 25. April brach plötz­lich jedoch ein gro­ßer Sturm der Entrüstung los, nach­dem am glei­chen Tag die­ses Interview in Russland mit Fotolia‐Gründer Oleg Tscheltzoff erschien. Im größ­ten rus­si­schem Microstock‐Forum microstock.ru began­nen Leute, aus Protest eini­ge ihrer Dateien zu löschen und das in die­sem Thread bekannt­zu­ge­ben.

Am glei­chen Tag wur­de die Webseite boycottfotolia.org von einer anony­men Person regis­triert und dort wur­de begon­nen, die Proteste gegen Fotolia zu kana­li­sie­ren und zu bün­deln. Die Hauptforderung war die Abschaffung des DPC, sonst wür­den die Fotografen ihre Bilder zum Stichtag 1. Mai löschen. Innerhalb weni­ger Tage betei­lig­ten sich hun­der­te ver­är­ger­te Fotografen an der Aktion und lösch­ten schon zig­tau­sen­de Bilder.

Wer steckt hinter dieser Webseite?

Jetzt wird es span­nend. Ich frag­te in der größ­ten Microstock‐Community Microstockgroup (MSG) nach, wer die Organisatoren sei­en. Dort mel­de­te sich vor allem ein User namens „fotoram­ka“ im Namen der Protestbewegung zu Wort, der sich dort auch erst am 25.4.2014 ange­mel­det hat­te, dem Tag, als der Aufschrei los­brach.

Als ich in der MSG nach­frag­te, wer genau hin­ter der Seite ste­he, wur­den mei­ne Beiträge „run­ter­ge­wählt“. Das heißt, Nutzer geben an, dass mein Beitrag nicht hilf­reich sei und ab einer gewis­sen Anzahl die­ser Wählerstimmen wird mein Beitrag für ande­re Leser auf der Seite aus­ge­blen­det. Das geschah so schnell und mas­siv, wie es nicht zu der sach­li­chen Art mei­ner Frage pass­te. Nachdem ich wei­ter gebohrt habe, kam als Antwort, dass zwei Leute hin­ter der Protestaktion ste­cken wür­den. Erstens der User Frbird aus dem rus­si­schen Forum, der auf den Microstock‐Seiten mit sei­nem Usernamen „vec­tor­lib“ bekannt ist und auch eine gleich­na­mi­ge Webseite betreibt. Letztere benutzt übri­gens wie­der den oben genann­ten Anonymisierungsdienst.

Zweitens der schon erwähn­te fotoram­ka, der sich Andy nennt und der Programmierer der Seite ist. Als Kontaktadresse gibt die­ser die Emailadresse admin@stockalliance.org an.

Quelle: http://www.microstockgroup.com/index.php?topic=22487.msg376076#msg376076
Quelle: http://www.microstockgroup.com/index.php?topic=22487.msg376076#msg376076

Die Webseite stockalliance.org wie­der­um wur­de vom glei­chen Anonymisierungsdienst wie die Boykott‐Seite regis­triert, das heißt, der wah­re Eigentümer bleibt ver­bor­gen. Interessant ist das Datum der Registrierung: 23.10.2013. Das heißt, die Seite wur­de regis­triert, bevor der Dollar Photo Club exis­tier­te.

Der Name „Stock Alliance“ ist übri­gens nicht zu ver­wech­seln mit der Stock Artists Alliance. Letztere war eine seriö­se Interessengemeinschaft von Stockfotografen, wel­che 2001 gegrün­det wur­de und die im April 2011 lei­der ihren Betrieb ein­ge­stellt hat. Ich ver­mu­te stark, dass die Namensähnlichkeit der bei­den Webseiten stockalliance.org und stockartistsalliance.org absicht­lich ist, damit ers­te­re vom guten Ruf und Klang der letz­te­ren pro­fi­tiert.

Ich habe mir dann die Seite stockalliance.org im Google Cache ange­schaut.

Dort exis­tiert ein Screenshot vom 25.03.2014, auf dem sich die Beteiligten von stockalliance.org zu erken­nen geben:

  • allday2.com
  • Pixelbrush.ru
  • Grafamania.net
Übersetzung via Google Translate, der originale russische Screenshot liegt mir ebenfalls vor.
Übersetzung via Google Translate, der ori­gi­na­le rus­si­sche Screenshot liegt mir eben­falls vor.

Die drei genann­ten Seiten sind soge­nann­te Warez-Seiten, die ers­te davon ist mit die größ­te in Russland und gehört zu den 1000 meist­be­such­ten Webseiten in Russland.

Was sind Warez‐Seiten?

Zum Verständnis ein kur­zer Einschub. Warez ist eine Subkultur, wel­che sich um ille­ga­le Software und ande­re digi­ta­le Medien dreht. Dazu gehö­ren auch Fotos, Videos, Illustrationen und so wei­ter. Im enge­ren Sinne sind Warez‐Seiten Webseiten, auf denen urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Material kos­ten­los ange­bo­ten wird, also zum Beispiel hun­der­te bis tau­sen­de Bilder von Shutterstock, Videos von Pond5, Illustrationen von Fotolia und so wei­ter. Nur eben kos­ten­los und ille­gal. Die Seiten bewah­ren das ille­ga­le Material aber nicht selbst auf, son­dern ver­lin­ken zu soge­nann­ten Filehostern. Diese knei­fen oft ein bis zwei Augen zu, wenn es um die ille­ga­len Inhalte auf ihren Servern geht.

Wie verdienen Warez‐Seiten Geld?

Wie der Fall kino.to 2011 gezeigt hat­te, kön­nen sol­che ille­ga­len Warez‐Seiten meh­re­re Millionen Euro Gewinn erzie­len. Das geschieht unter ande­rem durch Werbebanner, Premiummitgliedschaften und Abofallen. Die ver­link­ten Filehoster gehö­ren manch­mal auch den glei­chen Betreibern oder es gibt per­so­nel­le Überschneidungen.

Schauen wir uns das kurz kon­kret an: Bei Allday2.ru wer­den ver­schie­de­ne Filehoster genutzt, zum Beispiel:

  • letitbit.net
  • depositfiles.com
  • littlebyte.net
  • oboom.com
  • Turbobit und eini­ge ande­re.
Quelle: http://allday2.com/index.php?newsid=716890
Quelle: http://allday2.com/index.php?newsid=716890

Nach eige­nen Angaben hat die Bildagentur Depositphotos übri­gens die glei­chen Investoren wie Depositfiles (und auch den glei­chen Gründer), was einer mei­ner Gründe ist, die Agentur zu mei­den. Zu letitbit.net kom­men wir gleich noch.

Depositfiles hat ein Affiliate‐Programm, bei dem die Leute dafür bezahlt wer­den, dass ihre hoch­ge­la­de­nen Dateien mög­lichst oft run­ter­ge­la­den wer­den. Das Programm wird hier ange­bo­ten und ver­linkt zu der Seite Halileo, die eben­falls den oben genann­ten Anonymisierungsdienst nutzt. Dort wird unter ande­rem damit gewor­ben, dass 1000 Download 25 Dollar brin­gen wür­den:

Quelle: http://halileo.com/earn
Quelle: http://halileo.com/earn

Bei letitbit.net zum Beispiel wer­den Affiliates von bis zu 17 US‐Dollar für 1000 Downloads ver­spro­chen:

Quelle: http://wm-panel.com/
Quelle: http://wm-panel.com

Das heißt: Jemand klaut sich ille­gal Stockfotos o.ä. zusam­men (wo das Material her­kommt, ist noch mal eine ande­re Geschichte), lädt die­se Dateien bei einem Filehoster hoch und ver­linkt auf die­se Datei auf einer Warez‐Seite, damit mög­lichst vie­le Leute die­se kos­ten­los run­ter­la­den kön­nen. Die bei­den Webseiten ver­die­nen über Werbung etc. und der Uploader erhält bis zu 2,5 US‐Cent pro Download.

Zurück zum Thema.

Nach dem Ablauf des Ultimatums an Fotolia am 1. Mai 2014 mel­de­te die Boykott‐Seite als Erfolg, dass min­des­tens über 400.000 Bilder dort gelöscht wur­den.

Fotolia führ­te die Möglichkeit ein, unter „Mein Konto/Profil/Anbieterparameter“ sei­ne Bilder aus dem DPC zu ent­fer­nen.

Während bis­her die Seite stockalliance.org nur auf die Boykott‐Seite wei­ter­ge­lei­tet hat­te, erschei­nen Anfang Mai 2014 dort wie­der eige­ne Inhalte. Als Beteiligte am Projekt wer­den aber kei­ne Warez‐Seiten mehr genannt, son­dern nur ein neu­es Forum und ande­re geplan­te Dienste. Im rus­si­schen Forum ver­such­ten die Betreiber mit einem Thread dar­auf auf­merk­sam zu machen, aber als die Warez‐Verbindung dort ange­spro­chen wur­de, wur­den die Beteiligten im Forum vor­über­ge­hend gebannt und der Thread erst gesperrt und spä­ter gelöscht.

Paar Tage spä­ter ver­such­ten sie des­halb, das in der Microstockgroup anzu­kün­di­gen. Als ich dort auf die Warez‐Verbindung hin­wies, ant­wor­te­te Fotoramka:

Quelle: http://www.microstockgroup.com/22487/22487/msg378857/#msg378857
Quelle: http://www.microstockgroup.com/22487/22487/msg378857/#msg378857

Sinngemäß über­setzt lau­tet die Erklärung:

Wir hat­ten die Idee, die Arbeiten von Stockfotografen mit weni­gen oder kei­nen Verkäufen auf Warez‐Seiten ein­zu­stel­len, um die Piraterie die­ser Werke zu ver­hin­dern.“

Ja, das könnt ihr ger­ne mehr­mals lesen, der Widerspruch steckt in sich. Nachdem eini­ge Leute noch mal nach­ge­bohrt haben, in wel­cher Beziehung fotoram­ka zu der Warez‐Szene steckt, gab die­ser hier zu, ein Mitarbeiter der Firma letitbit.net zu sein. genau die Firmen, wel­che für die Piraterie von Stockfotos und ande­ren Werken ver­ant­wort­lich sind und den lega­len Microstock‐Webseiten Geld und Kunden weg­neh­men, wol­len sich auf ein­mal als Rächer der Stockfotografen auf­spie­len und eine Möglichkeit bie­ten, die von ihnen selbst betrie­be­ne Piraterie zu ver­hin­dern? Perfide.

Die Firma, wel­che Geld damit ver­dient, das Leute ille­gal auf Kosten von Stockfotografen Werke bei Warez‐Seiten hoch­la­den, ruft aktiv zum Boykott und zum Löschen von Bildern bei Fotolia auf? Warum ist die Warez‐Szene so sau­er auf den Dollar Photo Club?

Wer etwas rus­sisch kann, fin­det die Antwort viel­leicht im oben genann­ten Interview mit Oleg Tscheltzoff, mit dem der Protest anfing. Darin wird er sinn­ge­mäß über­setzt gefragt:

- Was für Risiken sehen sie bei der Entwicklung die­ser Art von Geschäft [dem Dollar Photo Club] in Russland? Zum Beispiel haben Sie selbst erwähnt, dass die Leute Fotos von Google ver­wen­den. Haben sie kei­ne Angst vor Piraterie?

Dieses Projekt kämpft gegen das Phänomen der Piraterie. $ 10 sind teu­er, $ 1 sind eine sym­bo­li­sche Gebühr für ein Foto. Ich bin sicher, dass dies lang­sam in das Bewusstsein der Menschen ein­dringt. In Russland gibt es ein wei­te­res Problem, nicht alle haben eine Kreditkarte, und um Mitglied zu wer­den, ist das not­wen­dig. Wir wer­den nach und nach die neue Zahlungssysteme ein­füh­ren, loka­le und auch Yandex.“

Wenn es ein kos­ten­pflich­ti­ges Angebot schafft, einem kos­ten­lo­sen Angebot Angst zu machen, so sehr, dass die­ses zum Boykott auf­ruft, scheint die Warez‐Szene das Billigangebot als erns­te Bedrohung zu sehen. Während die Phase der Bilderlöschung abge­klun­gen ist, kon­zen­trie­ren sich die Boykott‐Organisatoren jetzt dar­auf, die Opt‐Out‐Möglichkeit zu beto­nen. Außerdem soll eine Art Community um die stockalliance.org Seite mit ver­schie­de­nen Dienstleistungen her­um auf­ge­baut wer­den, was ich nach den bekannt gewor­de­nen Hintergründen der Organisatoren kri­tisch sehe.

Auf der Boykott‐Seite ist davon die Rede, dass am 25. Mai eine „Informationskampagne“ geplant sei. Ich ver­mu­te, dass an die­sem Tag die stockalliance.org-Seite und das dazu­ge­hö­ri­ge neue Forum ins Englische über­tra­gen wer­den soll.

Die Warez‐Szene war jedoch nie ein Freund der Urheber, im Gegenteil. Jeder Fotograf, der schon mal dar­um kämp­fen muss­te, dass sei­ne Werke von einem Filehoster ent­fernt wer­den, weiß davon ein Lied zu sin­gen. Die Entscheidung, wie er wel­che Dateien zu wel­chen Bedingungen über wel­che Kanäle ver­kauft, muss jeder Fotograf selbst ent­schei­den. Ich fin­de, ihr habt aber auch das Recht dar­auf, zu wis­sen, wer euch dabei hel­fen will und was die Motivation die­ser Leute sein könn­te.

Fotolia reagiert übri­gens seit ges­tern, indem sie bis zu fünf Mal höhe­re Kommissionen bei Abo‐Downloads ver­spre­chen, wenn die Bilder auch im DPC ange­bo­ten wer­den:

Quelle: https://de.fotolia.com/Member/Modify/Contributor
Quelle: https://de.fotolia.com/Member/Modify/Contributor

Was sagt ihr zu den Hintergründen?
Ich wei­se vor­sorg­lich dar­auf hin, dass ich eine sach­li­che, nüch­ter­ne Debatte wün­sche.