Geld verdienen auf Warez‐Seiten? Interview über ein Experiment

Nach die­sem Artikel vor eini­gen Tagen gab es sehr vie­le, teils kon­tro­ver­se Kommentare. Die Leserin Anchan wies mich hier dar­auf hin, dass ich doch ein­fach mal eine der Beteiligten beim Projekt „Stockalliance.org“ fra­gen könn­te, die aus pro­biert hat, ob sie mit ihren Bildern auch auf Warez‐Seiten Geld ver­die­nen kön­ne.

Das habe ich ger­ne gemacht und des­we­gen gibt es jetzt ein Interview mit der Illustratorin Elena, die ihre Bilder bei Shutterstock, Dreamstime, 123rf, iStock, Depositphotos und eini­gen ande­ren Bildagenturen ver­kauft über Warez‐Seiten und den Ursprung der stockalliance‐Webseite.

Robert Kneschke: Kannst Du dich bit­te kurz vor­stel­len?

Elena (art_of_sun): Ich hei­ße Elena (auch bekannt als art_of_sun) und woh­ne in Russland.Ich habe ca. zehn Jahre als Grafikdesignerin gear­bei­tet (Polygraph, Illustrationen, Kinderspiele für das iPad und so wei­ter) und seit den letz­ten andert­halb Jahren bin ich Vollzeit‐Stocker.

Portrait von Elena
Portrait von Elena

Wie hast Du mit Microstock begon­nen?

Zuerst lern­te ich dar­über 2007–2008 vom Blog eines Freundes ken­nen. Viele Leute schlu­gen damals vor, deren Referral‐Links zur Anmeldung zu benut­zen. Also regis­trier­te ich mich bei eini­gen Bildagenturen und ver­such­te, etwas Geld zu ver­die­nen, aber ohne rich­ti­gen Erfolg. Ich bekam ca. 20–30$ im Monat. Aber vor andert­halb Jahren ver­an­stal­te­te einer der Leute in mei­ner Freundesliste (Oleg SkillUp) einen „Mega‐Workshop“ und woll­te allen bei­brin­gen, wie man 1000$ im Monat bei Shutterstock ver­dient, wenn man sich mit sei­nem Referral‐Link anmel­det. Ich war unzu­frie­den mit mei­nem Job zu der Zeit, also hör­te ich damit auf und woll­te es ver­su­chen. Und es hat geklappt 🙂

Wie vie­le Bilder hast Du online bei den Microstock‐Seiten und wie viel ver­dienst Du damit im Monat?

Bei Shutterstock habe ich aktu­ell 4170 Bilder (ca. 2500 Vektoren plus Rasterkopien davon und eini­ge Fotos), bei den ande­ren Agenturen weni­ger. Bei allen Bildagenturen zusam­men mache ich zwi­schen 2000$ und 3000$ Umsatz im Monat.

Wie kam die Idee, dei­ne Bilder auf Warez‐Seiten zu ver­tei­len?

Das war eine gemein­sa­me Idee. Wir waren in einem Chat mit den Leuten, die am Mega‐Workshop teil­ge­nom­men haben und vie­le von uns hat­ten Probleme mit den Piraten‐Seiten. Also dach­ten wir über einen Weg nach, wie wir das stop­pen könn­ten. Zu der Zeit schrieb ich vie­le DMCA‐Meldungen. Nach einer davon mel­de­te sich fotoram­ka [sie­he die­ser Artikel; Anmerkung R.K.] bei einer von uns im Chat, weil sie so nied­li­che DMCA‐Meldungen ver­schick­te mit Bildern, aber ver­ges­sen hat­te, die Links zu erwäh­nen und er half uns, die DMCA‐Meldungen kor­rekt aus­zu­fül­len und schlug vor, die Dateien direkt von Letitbit zu löschen ohne DMCA‐Meldungen, indem wir ihn ein­fach über Skype anschrei­ben.

Er erzähl­te uns, wie Warez‐Seiten funk­tio­nie­ren. Tatsächlich kön­nen die Piraten mit ihren Aktivitäten das glei­che Geld ver­die­nen wie wir im Microstock, des­halb mach­te jemand den Witz, dass wir unse­re Bilder viel­leicht auf den fal­schen Seiten anbie­ten. Dann kam die Idee auf, dass wir ver­such­ten könn­ten, unver­kauf­te Bilder (und eini­ge Bilder, die bei den Warez‐Seiten beliebt waren) dort mit unse­rer eige­nen Lizenz anzu­bie­ten (ähn­lich wie das Leute machen, die Fonts ver­kau­fen) und mit einem Text und Link in der Art „Dieses Bild ist nur für die nicht‐kommerzielle Nutzung. Die kom­mer­zi­el­le Lizenz ist hier erhält­lich…“ Ich ent­schied, das zu pro­bie­ren, weil ich ein gro­ßes Portfolio habe und sich vie­le mei­ner Bilder nicht bei Shutterstock ver­kauf­ten.

Warst Du die ein­zi­ge, die das aus­pro­biert hat?

Ja.

Wie vie­le Bilder waren beim Test dabei?

Ich hat­te fünf Posts wie die­sen hier, es waren also ca. 40 Bilder (7–10 in einem Archiv).

Verkleiner Ausschnitt, für eine vollständige Ansicht bitte klicken.
Verkleinerter Ausschnitt, für eine voll­stän­di­ge Ansicht bit­te kli­cken.

Wie genau funk­tio­nier­te der Upload‐Prozess?

Wir haben mir einen Account bei eini­ge Filehosting‐Seiten ange­legt, nicht nur da, wo Fotoramka arbei­tet, son­dern auch bei ande­ren, wo man Geld für Download bekom­men konn­te. Außerdem habe ich mich bei drei Warez‐Seiten regis­triert: Gfxtra, Allday and Heroturko, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re. Dann habe ich das rote Titelbanner gemacht (sie­he oben) und zusam­men mit fotoram­ka haben wir eine Lizenz geschrie­ben.

Danach such­te ich die Bilder aus, mach­te Vorschau‐Bilder, ein gepack­tes Archive mit den Bildern und der Lizenz und lud die­se zu den Filehostern hoch. Dann haben wir von mei­nem Computer aus die Posts für die Warez‐Seiten gemacht (fotoram­ka schrieb die Posts mit den HTML‐Tags, Links und Beschreibungen).

Bei wel­chen Filehostern hast Du Dich regis­triert?

Letitbit, Keep2Share und Rapidgator.

Wie wür­dest Du den Upload‐Aufwand gegen­über dem Hochladen bei den Microstock‐Agenturen ver­glei­chen?

Es braucht fast die glei­che Zeit wie das Vorbereiten von Bildern für CreativeMarket zum Beispiel. Und etwas mehr Zeit beim Hochladen. Deshalb war die zwei­te Idee (wenn das Experiment funk­tio­niert), eine unab­hän­gi­ge Seite zu machen mit den Vorschau‐Bildern, Archiven und Postings.

Stockalliance.org?

Ja.

Die Lizenz, die Du ange­bo­ten hast, erlaub­te nur pri­va­te Nutzung, kei­ne kom­mer­zi­el­le Nutzung?

Ja, die Lizenz sieht so aus.

Glaubst Du, die Leute, wel­che Warez‐Seiten besu­chen, sche­ren sich um die­sen Unterschied?

Fotoramka arbei­tet ja beim Support eines Filehosters und erzähl­te mir, dass er manch­mal Anfragen von Leuten hat, die etwas „kos­ten­los“ run­ter­ge­la­den hat­ten und dann wis­sen woll­ten, wo sie es legal kau­fen kön­nen. Ich hat­te in der Zeit des Experiments auch eini­ge Verkäufe von Bildern, die ich bei Warez‐Seiten ver­öf­fent­licht hat­te und von Bildern aus der glei­chen Serie, die vor­her kei­ne Verkäufe hat­ten.

Meiner Meinung nach dem Experiment ist es nur ein sehr klei­ner Teil der Leute, die Bilder von Warez‐Seiten neh­men und sich um Rechte küm­mern. Vielleicht jemand, der wirk­lich nicht weiß, dass es nicht kos­ten­los und legal ist und viel­leicht eini­ge, die es wegen der the­ma­ti­schen Zusammenstellung popu­lä­rer Bilder nut­zen, aber die meis­ten inter­es­sie­ren sich wirk­lich nicht.

Wie viel Geld kann man mit die­sen kos­ten­lo­sen Downloads ver­die­nen?

Ich habe nichts ernst­haft ver­dient, nur eini­ge Dollar, aber soweit ich weiß, wenn Leute Bilder von Dir run­ter­la­den und dafür den „schnel­len Download“ kau­fen [Premium‐Zugang beim Filehoster; Anmerkung R.K.], kannst Du dafür bis zu 60$ erhal­ten.

Kannst Du sehen, wie vie­le Leute dei­ne Dateien run­ter­ge­la­den haben?

Ja, das kann ich in den Statistiken in mei­nem Account bei den Filehostern sehen.

Wie lan­ge waren Deine Bilder online und wie vie­le Downloads hat­ten sie zusam­men?

Ungefähr einen Monat. Hier ist die Statistik für November 2013, wo wir das Experiment ange­fan­gen haben:

Klicken zum Vergrößern
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Die Spalten sind von links nach rechts: Datum, Downloads, Verkäufe, Rating.

Lese ich das rich­tig, dass das 0,80$ Einnahmen für November 2013 sind?

Ja, das ist rich­tig. Ich habe her­aus­ge­fun­den, dass Du, wenn Du Geld auf Warez‐Seiten ver­die­nen willst, viel Material jeden Tag ver­öf­fent­li­chen müsst. Und es muss unter­schied­li­ches Material sein. Das ist ein­fach, wenn Du vie­le gestoh­le­ne Bilder hast, aber sehr schwer mit dei­nen eige­nen Bildern.

Aber wir haben auch ein ande­res Ergebnis: Die Piraten sahen unser Projekt und in der Zeit, in der ich mei­ne Bilder hoch­ge­la­den habe, haben sie ihre Posts mit mei­nen Bildern gelöscht. So hör­ten sie fast voll­stän­dig auf, mei­ne Bilder zu neh­men.

Das ist ja gut für dich.

Ja, nicht schlecht… 🙂

Warum hast Du auf­ge­hört, bei den Warez‐Seiten hoch­zu­la­den?

Es kos­tet eine Menge Zeit, die Bilder, Archive und Posts vor­zu­be­rei­ten und ich has­se es, mei­nen Tag damit zu begin­nen, Warez‐Seiten nach gestoh­le­nen Bildern von mir zu durch­su­chen. Und es demo­ti­viert auch irgend­wie. Ich bevor­zu­ge es, neue Bilder zu zeich­nen und sie zu Bildagenturen hoch­zu­la­den, um Geld zu ver­die­nen statt nur für die PR bei sol­chen dubio­sen Seiten zu arbei­ten. Ich mei­ne, das ver­brauch­te fast die gan­ze Zeit, in der ich neue Bilder hät­te machen kön­nen.

Hast Du die Möglichkeit, dei­ne Bilder auf den Warez‐Seiten zu löschen?

Klar, ich habe fast alle mei­ne Archive gelöscht nach dem Ende des Experiments im Dezember 2013.

Was waren dei­ne gesam­ten Einnahmen von dem Experiment?

2$, eini­ge Verkäufe der ver­öf­fent­lich­ten Bilder bei Bildagenturen (wobei ich nicht bewei­sen kann, dass das durch das Experiment kam) und 90% weni­ger gestoh­le­ne Bilder aus mei­nem Portfolio auf den Warez‐Seiten.

Gab es Verträge, um Deine Bilder auf den Warez‐Seiten zu ver­trei­ben?

Nein, nur Veröffentlichungs‐Regeln.

Was für Regeln?

Lass sie mich raus­su­chen:

- Benutze das Admin‐Panel, um dei­ne News am bes­ten zu desi­gnen.
– Alle Informationen wie Informationen und Bilder müs­sen im Hauptfenster zen­triert sein.
– Benutze nicht radikal.ru, photobucket.com, rapidshare.com als Bild‐Hoster.
– Maximale Bildweite ist 500 Pixel. Bitte benut­ze nicht unse­ren Skript‐Resizer. Bearbeite dei­ne Bilder mit einem Bildbearbeitungsprogramm, um die Bildweite zu redu­zie­ren.
– Du soll­test unse­re Wasserzeichen bei der Vorbereitung der Vorschaubilder nut­zen, die du hier run­ter­la­den kannst.

Kennst Du die Leute, mit denen Du gear­bei­tet hast?

Du meinst die Leute bei Stockalliance? Ja, klar.

Gibt es noch irgend­was, was wich­tig wäre?

Ich den­ke, es ist wich­tig, dass nach­dem Dein Artikel und ein ähn­li­cher Artikel in rus­si­scher Sprache erschie­nen ist, vie­le Leute begon­nen haben, zu den­ken, der Boykott sei von „Warez‐Leuten“. Aber das ist falsch, nicht nur wegen unse­rem Ruf, son­dern auch weil sie die wirk­li­che Situation nicht sehen und was Fotolia gera­de mit dem Dollar Photo Club macht und war­um das schlecht für die Industrie ist.

Danke für das Interview!

6 Gedanken zu „Geld verdienen auf Warez‐Seiten? Interview über ein Experiment“

  1. Vom rein geschäft­li­chen Standpunkt loh­nen sich Warez Seiten zum Geldverdienen nur, wenn man gro­ße Datenmengen anbie­tet. Deshalb sind die Anbieter dort auch inter­es­siert z.B. an Filmen oder Spielen, die eine gro­ße Datenmenge und eine gro­ße Beliebtheit auf­wei­sen. Bei Bildern wür­de es sich nur finan­zi­ell loh­nen, wenn man über eine geklau­te Kreditkarte an Tausende von Bildern kommt und die als Paket anbie­tet. Aber selbst da müss­ten es die Motive sein, die „gern genom­men“ wer­den von der Zielgruppe. Wie z.B. Bilder eines Künstlers, der Totenköpfe, Adler, Flammen, Motorräder etc bei Stockagenturen anbie­tet und sehr gebeu­telt ist vom Piraten‐Interesse an sei­nen Werken.
    Fazit – Fotos sind auf Warez Seiten nicht der gro­ße „Bringer“, was für Fotografen und Illustratoren schon wie­der ein biss­chen tröst­lich ist.

  2. Das wirk­lich schlim­me an die­sen Diskussionen ist, dass hier nicht mehr auf das Kulturgut Bild mit dem guten deut­schen / euro­päi­schen Schutz und Wertschätzung ein­ge­gan­gen wird, son­dern voll­kom­men auf die ame­ri­ka­ni­sche kom­mer­zia­li­sie­rung von Bildern ein­ge­gan­gen wird.

    Wenn der Verfall an Identität in dem Tempo wei­ter geht, ist die­ser Blog in 2–3 Jahren über­flüs­sig, Bilder wer­den dann kei­nen Wert mehr haben, wie wäre ein Grafik Bildpreisentwicklung der letz­ten 6 Jahre?

  3. Die ame­ri­ka­ni­sche Kommerzialisierung von Bildern ?
    Das ist eher eine logi­sche Entwicklung des Marktes. Anfang 2000 hat es nach Jim Pinckerell, einen welt­wei­ten Markt für Stockfotos in der Höhe von etwa $1,4 Milliarden gege­ben. Diese Summe ist bis heu­te nicht unwe­sent­lich gestie­gen. Diesen Markt haben Anfang 2000, etwa 30.000 bis 50.000 Stockfotografen bedient. Damals haben Produktionskosten von über $10.000, noch Gewinn abge­wor­fen. Nun wird der sel­be Markt von etwa 300.000 bis 400.000 Stockfotografen bedient.
    Die Bildpreise sind bei dem Überangebot gefal­len und sehr teu­re Produktionen wer­fen unter Umständen kei­nen Gewinn mehr ab.
    Microstock hat am Anfang unglaub­li­che Wachstumsraten gehabt, die­ses Wachstum ist jetzt weg. Der DPC ist eher eine Marketingsache um Kunden ab zu wer­ben, stei­gern aber den Umsatz für die Fotografen nicht wirk­lich.
    Die Warez Sache kommt mir ähn­lich vor. Da ver­sucht ein Anbieter mit unver­käuf­li­chen Werken, als Gratis Angebot für pri­va­te Verwendung, Kunden an zu locken. Mit dem Hintergedanken für nicht pri­va­te Verwendung Lizenzen zu ver­kau­fen.
    Der Aufwand scheint sich für Elena, bei der Warez Sache nicht zu rech­nen. Es ist auf jeden Fall aber ein inter­es­san­ter Einblick, in die­se art von „Guerilla Marketing“.

  4. @max II: Wenn es eine logi­sche Entwicklung des Marktes ist, dann kann man sich ja mal die Verfallsraten der Bildpreise der letz­ten Jahre anse­hen, da geht die Kurve steil nach unten, ein wei­te­rer Schritt ist das z.T. kos­ten­lo­se Bild, even­tu­ell noch durch Klicks finan­ziert. Das ist kein Modell mehr für Profifotografen, wer davon leben möch­te oder muß, der kann sich den güns­ti­gen Preisen nur ent­zie­hen. Die von Elena erziel­ten Honorare mögen ja für Russland noch ganz ok sein, als Selbständiger davon zu leben ist nicht mach­bar, das ist der direk­te Weg in die Armut, bes­ten­falls ein Zuverdienst.

  5. @RobertMeins: Gerade im „Klick‐finanzierten‐Bild“ sehe ich eine Chance der Profis. Auch der Dollar‐Photo‐Club spielt eigent­lich den Profis in die Hände. Wenn sich die durch­set­zen wer­den sich sehr, sehr vie­le Anbieter vom Markt zurück zie­hen. Die Bilderflut (vor allem die guten Bilder) wird ein­ge­dämmt und der Makromarkt wird davon pro­fi­tie­ren.

    Die guten alten Zeiten wie vor 10 Jahren wer­den wir nicht mehr bekom­men, aber ich den­ke schon, dass es sich wie­der in die ande­re Richtung (Makro) bewe­gen wird.

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