Kategorie-Archiv: Frag den Fotograf

Frag den Fotograf: Maximaler ISO-Wert für Stockfotos?

Kürzlich habe ich wieder eine Frage bekommen, die vielleicht auch einige andere Leserinnen und Leser interessieren könnte.

Stefan schrieb mir:

„Hallo Robert,

lese weiterhin sehr interessiert deinen Blog.
Habe Dich damals bei der Übersetzung deines Fotolia-Ranking-Rechners ins Spanische unterstützt.

Stelle mir schon länger die Frage, bis zu welchem maximalen ISO-Wert die Agenturen unsere Bilder noch annehmen?
Manchmal hat man in größeren Räumen nicht genügend Licht und der Hintergrund wird zu finster bei ISO 100-200. Bei sehr offener Blende bekommt man evtl. die Schärfe nicht exakt genug auf die Augen der Models. Arbeite meistens mit 2 Systemblitzen und Durchlichtschirm.

Der Wert ist natürlich abhängig von der Kamera. Da aber laut einer Deiner letzten Veröffentlichungen sehr viele mit der 5D arbeiten wäre diese Info eventuell auch für einen größeren Kreis interessant. Ich selber habe seit kurzem eine 6D, also auch Vollformat. (Vorher habe ich 4 Jahre Bilder von einer 600D hochgeladen. ISO 400 hatten aber viele Agenturen schon nicht mehr angenommen. Natürlich auch mehr Rauschen bei APSC).

Würde mich über eine Antwort sehr freuen. Falls interessant, kannste die Frage auch gerne in „Frag den Fotograf“ aufnehmen.

Schöne Grüße! Stefan“

Wie Stefan schon richtig erkannt hat, gibt es keine pauschale Aussage, weil die Bildqualität auch bei einem identischen ISO-Wert stark von der Sensorgröße beeinflusst wird. Kameras mit einem kleineren Sensor fangen bei höheren ISO-Werten schneller an zu rauschen als Kameras mit einem großen Bildsensor.

ISO-Werte eines Shootings on Location
ISO-Werte eines Shootings on Location

Erschwerend kommt hinzu, dass der ISO-Wert früher bei den analogen Filmen genormt war, aber jetzt, wo der „ISO-Wert“ die „digitale Lichtempfindlichkeit“ benennen soll, die Hersteller sich nicht mehr der Norm verpflichtet fühlen. Das heißt: Verschiedene Digitalkameras würden bei der Aufnahme des identischen Motivs mit dem gleichen ISO-Wert unterschiedlich helle Bilddateien erzeugen. Leider finde ich die Quelle nicht mehr, der Test, den ich gesehen habe, ist schon einige Jahre alt.

In der Praxis arbeite ich mit der Vollformatkamera Canon EOS 5D Mark III*, meine Aussagen beziehen sich also auf einen Vollformat-CMOS-Sensor.

Im Studio, wo ich volle Kontrolle über die Lichtverhältnisse habe, bleibt die Kamera stur auf ISO 100 gestellt, nur in Ausnahmefällen nehme ich ISO 50, wenn ich zum Beispiel für bestimmte Nahaufnahmen eine geringere Schärfentiefe erreichen möchte, ohne die Helligkeit des Blitzlichts regulieren zu müssen.

On location fange ich meist auch mit ISO 100 an, merke aber oft, dass ich damit nicht flexibel genug bin, um an den Variablen Belichtungszeit und Blende drehen zu können, weshalb ich schnell zu ISO 200 wechsle. Dort bleibe ich auch lange, nur in Ausnahmefällen schalte ich auf ISO 400. Ich hatte auch schon Shootings, bei denen Bilder mit ISO 640 akzeptiert wurden, aber spätestens bei ISO 800 nimmt die Bildqualität doch soweit ab, dass ich die Bilder nicht mehr ohne Rauschreduzierung rausschicken würde.

Ich arbeite unterwegs in der Regel mit Kompaktblitzen, wie ich hier oder hier genauer gezeigt habe, da komme ich bei ISO 200 üblicherweise auf eine Belichtungszeit zwischen 1/100 und 1/160 Sekunde bei einer Blende von f2 bis f4. Das ist ganz schön knapp kalkuliert, aber es bringt mir ja nichts, wenn ich den Blendenwert vergrößere oder die Belichtungszeit verkürze, um schärfere Fotos zu erhalten, das aber wieder von einem höheren ISO-Wert, der rauschiger ist und damit ebenfalls Unschärfe ins Bild bringt, zunichte gemacht wird.

Die Hauptfrage kann ich jedoch leider nicht beantworten. Klar nehmen Agenturen auch mal Bilder mit ISO 800 an, aber das kommt natürlich auch auf das Motiv an, auf die Qualität der Bearbeitung, wie sorgfältig „entrauscht“ wurde und einige andere Faktoren.

Was war euer höchster ISO-Wert, mit dem ein Bild bei einer Bildagentur angenommen wurde?

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Frag den Fotograf: Keywords alphabetisch sortieren mit Adobe Lightroom?

In letzter Zeit bin ich unbemerkt dazu übergegangen, Fragen an mich per Email ebenfalls per Email zu beantworten.

Da das aber wieder dazu führt, dass ich die gleichen Fragen mehrmals beantworte, will ich die Rubrik „Frag den Fotograf“ wieder verstärkt befüllen, um bei sich wiederholenden Fragen auf dieses „FAQ“ verlinken zu können.

Ein Fotograf schrieb mir heute:

„Hallo Robert,

ich hätte 2 Fragen zur Fotolia Verschlagwortung.

Fotolia fordert ja eine Gewichtung der Suchbegriffe. (Die ersten 7 Wörter wären wohl die wichtigsten.)

Beim Importieren oder auch später in Lightroom vergebene Stichwörter werden von diesem – unabhängig von der Reihenfolge ihrer Eingabe – penetrant in eine alphabetische Reihenfolge sortiert und so in die IPTC-Daten geschrieben. Ich bin nicht in der Lage, diese Sortierwut von LR auszuschalten. Wie gehst Du mit diesem Problem um?

Kann ich bei Fotolia mit ruhigem Gewissen mit Umlauten und „ß“ verschlagworten und spielt Groß-Klein-Schreibung eine Rolle?

Danke und viele Grüße
Frank“

Die erste Frage kann ich leicht, wenn auch für viele leider nicht zufriedenstellend, beantworten:

Beispiel (m)einer Verschlagwortung mit Adobe Bridge
Beispiel (m)einer Verschlagwortung mit Adobe Bridge

Adobe Lightroom erlaubt derzeit leider keine manuelle Sortierung der Suchbegriffe!
Diese werden immer alphabetisch sortiert.
Das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich Lightroom nicht nutze, sondern stattdessen das altbewährte Adobe Bridge benutze, um meine Suchbegriffe den IPTC-Daten hinzuzufügen.

Im Rahmen der Vorstellung von Adobe Stock konnte ich mich mit einigen Produktentwicklern von Adobe unterhalten und habe zusammen mit anderen Stockfotografen noch mal betont, wie wichtige die Sortiermöglichkeit von Suchbegriffen in Adobe Lightroom wäre. Vielleicht tut sich ja was.

Wer ebenfalls dazu beitragen möchte, kann in diesem Feedback-Thread von Adobe eine Nachricht hinterlassen. Eine weitere Möglichkeit wäre, diesen Wunsch hier bei „Dear Adobe“ zu hinterlassen.

Die zweite Frage ist ebenfalls leicht zu beantworten:
Wenn als Sprache „deutsch“ eingestellt ist, kommt die Bildagentur Fotolia* mit deutschen Umlauten und dem „ß“ problemlos klar, eher im Gegenteil führen ausgeschriebene Umlaute wie „oe“ statt „ö“ zu weniger Suchergebnissen. Ich habe es mit „Störche“ vs. „Stoerche“ probiert, sowohl auf der deutschen als auch us-amerikanischen Webseite von Fotolia.

Groß- und Kleinschreibung hingegen spielt meiner Erfahrung nach keine Rolle, das könnt ihr ebenfalls einfach selbst testen, indem ihr Begriffe auf der Seite in beiden Varianten eingebt.

Welches Programm nutzt ihr zum Eintragen eurer Metadaten?

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Frag den Fotograf: Lieber wenige Keywords oder viele?

Als Kommentar zu meinem Artikel über die beliebtesten Smartphone-Fotos schrieb einer meiner Leser folgendes:

„Hallo Robert,

erst einmal danke für die interessante Analyse. Einen Punkt kann ich allerdings nicht so ganz nachvollziehen bzw. vielleicht missverstehe ich das Argument auch nur. Du äußerst die Vermutung, dass eine Beschränkung der Keywords auf wenige treffende Wörter den Bildern einen Verkaufsvorteil verschafft (weil unter den ersten zehn Fotos sechs mit sehr wenigen Keywords sind). Das würde ja bedeuten, dass der Such/Anzeige-Algorithmus von Fotolia solche Bilder ganz gezielt nach vorne spült, weißt du dazu genaueres? Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass mehr (zutreffende) Keywords eigentlich immer besser sind (oder zumindest nicht schaden können), da das Bild so von mehr Menschen und für unterschiedliche Konzepte gefunden werden kann. Ich könnte mir eher vorstellen, dass insgesamt viele Bilder der Instant-Kollektion weniger Keywords haben, da es doch etwas nerviger ist auf dem Smartphone zu verschlagworten. Dass nun unter den zehn am besten verkauften auch sechs mit wenigen Keywords sind, wäre dann einfach Zufall bzw. eine normale Stichprobe der Instant-Kollektion. Sie sind dann nicht wegen der wenigen Keywords so oft verkauft worden, sondern trotz dieser geringen Anzahl (und aufgrund des guten Bildinhaltes natürlich).

Beste Grüße,
Franz“

Da diese Frage vermutlich mehr Leute interessiert, möchte ich versuchen, sie öffentlich zu beantworten.

Junge Frau mit Kopfhörer nutzt Smartphone
Ein Hinweis vorweg: Über die Funktionsweise des Suchalgorithmus von Fotolia* stelle ich hier nur begründete Vermutungen basierend auf meiner Erfahrung an, ich keiner leider nicht garantieren, dass er erstens wirklich so funktioniert und zweitens so bleiben wird.

In einem Punkt hat Franz auf jeden Fall Recht: Die Verschlagwortung auf einem Smartphone ist nervig und mühsam, was sehr wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass die Bilder aus der Instant-Kollektion im Durchschnitt weniger Keywords enthalten als ein „normales“ Stockfoto.

Aber: Weniger Keywords können trotzdem einen Verkaufsvorteil bedeuten. Lassen wir erst mal außer Acht, dass Fotolia die ersten sieben Keywords stärker gewichtet, dazu kommen wir später.

Machen wir ein Rechenbeispiel: Wir nehmen zwei identische Bilder. Das erste bekommt von uns zehn Suchbegriffe, das andere fünfzig Wörter, aktuell das maximale Limit bei Fotolia. Wenn jetzt ein Kunde nach einem Wort sucht, was in den zehn Suchbegriffen enthalten ist, hat dieses Wort beim ersten Bild ein Gewicht von „10%“, weil das Wort zehn Prozent der gesamten Verschlagwortung ausmacht. Beim zweiten Bild wiegt das Wort nur „2%“. Es ist also ca. fünf Mal so wahrscheinlich, dass das Bild mit den weniger Suchbegriffen besser oder weiter vorne angezeigt wird und damit mehr Verkäufe erzielen kann.

Wer mitgedacht hat, mag jetzt einwenden, dass das andere Bild durch die 40 weiteren Wörter, die beim ersten Bild nicht enthalten sind, dadurch jedoch insgesamt die gleichen Chancen hätte, weil jedes Wort zwar nur ein Fünftel Gewicht hat, dafür aber 5x so viele Wörter enthalten sind.

Dazu sage ich: Ja, aber.
Denn nicht jedes Wort wird gleich häufig gesucht. Wenn wir die klassische 80/20-Regel anwenden, könnten wir vermuten, dass das Bild mit weniger Keywords 60% mehr Verkaufskraft hat als das Bild mit vielen Kewords. Zumindest im Idealfall, wenn der Fotograf es schafft, wirklich die 10 meistgesuchten Wörter aus dem Pool der 50 Wörter zu fischen.

(Mein Rechenweg: 80 Prozent der Pareto-Regel * 10 Bilder * 10 Prozent Gewicht macht 8000 im Vergleich zu 80 Prozent der Pareto-Regel * 10 Bilder * 2 Prozent Gewicht plus 20 Prozent der Pareto-Regel * 40 Bilder * 2 Prozent Gewicht ergibt 3200.)

Zusätzlich belohnt Fotolia sogar die ersten sieben Wörter und sie erhalten vermutlich etwas mehr Gewicht als der Rest. Damit würde sich die Waage noch stärker zu Vorteil der Bilder mit wenigen Keywords neigen.

Noch stärker neigt sich die Waage, wenn wir noch das Verhältnis von Klicks und Verkäufen berücksichtigen würden. Ich vermute, dass Bilder, die mehr Verkäufe bei der gleichen Anzahl von Klicks erzielen, besser bewertet werden als Bilder mit weniger Verkäufen pro Klick. Es liegt auf der Hand, dass Bilder mit 10 passenden Keywords leichter einen guten Ratio in dieser Hinsicht erzielen können. Hier dazu ein Praxisbeispiel von mir.

Warum verwenden dann die meisten Fotografen doch mehr als zehn Suchbegriffe?

Wenn jeder Fotograf nur das Minimum an Suchbegriffen verwenden würde, wäre das für den Käufer zwar schön, weil die Treffer sehr genau wären, aber der „Long Tail“ würde verloren gehen. Die guten Suchtreffer würden sich auf die Top-Suchbegriffe konzentrieren und exotischere Suchbegriffe würden kaum zu Treffern führen.

Deswegen können sich einige Fotografen gut in „Nischen“ einrichten, wenn sie – am besten zusätzlich zu den Top-10-Suchbegriffen – noch einige Wörter verwenden, welche zwar nicht so häufig gesucht werden, dafür aber auch viel weniger Konkurrenz haben.

Meine Empfehlung ist deshalb genau die, welche jede Bildagentur ihren Fotografen mitgibt: Verschlagworte so genau wie es geht mit so viel Suchbegriffen wie nötig, aber so wenig Keywords wie möglich.

Bei meinen People-Gruppenaufnahmen pendelt sich das aktuell zwischen 40-50 Begriffen ein, bei Paaraufnahmen bei ca. 30-40, bei Einzelaufnahmen bei ca. 20-30 und bei Freistellern von Food oder Objekten können es auch mal nur 10-20 Begriffe sein.

Etliche nützliche Tools und Links zur besseren Verschlagwortung findet ihr auch hier in dieser Artikel-Aufwahl von mir.

Wie verschlagwortet ihr? Nutzt ihr viele oder wenige Begriffe und warum?

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Gast-Geschichte: Al Quaida(TM) von Andreas Eschbach

Wenn ich nicht gerade fotografiere, lese ich sehr gern. Mit Abstand mein Lieblingsautor ist dabei Terry Pratchett mit seiner Scheibenwelt-Saga, gefolgt von Klassikern wie Mark Twain, Erich Fried, aber auch Autoren wie T.C. Boyle, John Scalzi und Andreas Eschbach. Von letzterem habe ich den Großteil seiner Romane mit Vergnügen gelesen und meine letzte Lektüre von ihm war sein Kurzgeschichten-Band „Eine unberührte Welt„*.

Darin befindet sich auch die Kurzgeschichte „Al QuaidaTM„, welche ich sehr gelungen fand. Sie kann auf mehreren Ebenen gelesen werden, als Medienkritik oder als Kommentar zum Umgang mit dem Markenrecht. Vor allem letzteres fand ich spannend, weil das ein Punkt ist, der uns Stockfotografen bei der täglichen Arbeit ebenfalls oft berührt, wenn wir unzählige Logos, Markennamen und erkennbare Elemente aus unseren Bildern retuschieren müssen, bevor wir sie zur Lizenzierung anbieten können.

Deshalb habe ich den Autor kontaktiert, um die Geschichte für euch – sozusagen als Weihnachtsgeschenk zum Lesen – zu lizenzieren.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, frohe Weihnachten, erholsame Feiertage und einen guten Rutsch uns Neue Jahr!

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Al QuaidaTM (Andreas Eschbach)

Der »meistgesuchteste Terroristenführer«, wie ihn manche Zeitungen ebenso gern wie grammatikalisch falsch bezeichneten, hielt sich nicht wirklich in einer unzugänglichen Höhle an einem unbekannten Ort versteckt, wie besagte Zeitungen hartnäckig kolportierten. Bei dem Unterschlupf Usama Bin Ladens handelte es sich vielmehr um ein kleines Gehöft im steinigen Niemandsland des Hindukusch, um das herum Ziegen grasten – oder es jedenfalls versuchten – und über dem sich ein weiter Himmel von unglaublichem Blau spannte. Und zumindest den Geheimdiensten war dieser Aufenthaltsort auch nicht ganz so unbekannt, wie der Öffentlichkeit gegenüber behauptet wurde. In ganz Afghanistan und Pakistan zusammen gab es kein Anwesen, auf dem so viele Hirten so wenige Ziegen hüteten – das fiel sogar auf Satellitenbildern auf.

Die Hirten waren in Wirklichkeit natürlich Wachen, und die kamen eines Tages aufgeregt an. Da sei ein Mann, ein amerikanski, und er wolle den sheikh sprechen!

»Kennen wir ihn?«, fragte Usama Bin Laden und strich sich nachdenklich durch den langen Bart.

»Nein, sheikh. Ein Fremder.«

Der Terroristenführer mit den sanften Augen überlegte einen Moment, dann befahl er: »Bringt ihn her. Bleibt an der Tür stehen. Wenn ich mich an den Turban fasse, hierher« – er zeigte die Stelle –, »dann erschießt ihn sofort.«

Es würde wohl nicht nötig werden. Der Mann sah harmlos aus und wirkte in seinem anthrazitfarbenen dreiteiligen Anzug und mit dem dünnen Aktenkoffer in der Hand ausgesprochen deplatziert in dieser Gegend der Welt. Er schien eine erhebliche Strecke zu Fuß zurückgelegt zu haben, jedenfalls waren seine Schuhe staubig und zerkratzt, sein Hemd durchgeschwitzt, der Kragen verfärbt und der Anzug an einigen Stellen eingerissen.

»Guten Tag, Scheich«, begrüßte er den Terroristenführer mit einer knappen Verbeugung. Sein schwarzes, gescheiteltes Haar klebte ihm am Kopf, das jungenhafte Gesicht wirkte matt. Er griff in seine Brusttasche (was die Zeigefinger der Wachen an der Tür nervös zucken ließ) und brachte eine Visitenkarte zum Vorschein. »Gestatten Sie? Mein Name ist Waits. Eduard Earnest Waits. Ich bin Rechtsanwalt.«

Usama Bin Laden studierte die Karte. »Aus Boston, USA.«

»So ist es. Studium in Washington, danach Partner einer New Yorker Sozietät, seit einigen Jahren alleiniger Inhaber einer Kanzlei, die sich auf Marken- und Urheberrecht spezialisiert hat – und dies, wie ich in aller Bescheidenheit hinzufügen möchte, überaus erfolgreich.«

»Marken- und Urheberrecht«, wiederholte der Terroristenführer mit nicht geringer Verwunderung. Beinahe hätte er sich am Kopf gekratzt, unterließ es aber rechtzeitig, weil ihn der Mann zu neugierig gemacht hatte, als dass er ein Missverständnis hätte riskieren wollen. »Und was führt Sie dann hierher, wenn ich fragen darf?«

»Ja. Das würde ich Ihnen gern erklären. Wenn ich mich vielleicht –«

»Selbstverständlich«, nickte der Mann mit dem Turban hoheitsvoll und deutete einladend auf die Teppiche vor sich. »Nehmen Sie bitte Platz.«

»Danke.« Der Anwalt ließ sich merklich ungeübt auf den Boden nieder, zog seinen Koffer neben sich und öffnete ihn, was die Wachen ein weiteres Mal die Waffen heben ließ. Doch der amerikanski zog nur einige mit bunten Diagrammen bedruckte Papiere heraus. »Um gleich zum Kern der Sache zu kommen: Meines Erachtens ist Ihnen, Scheich, nicht in vollem Umfang klar, wie viel Geld die Medien überall auf der Welt mit Ihrem Namen verdienen. Hier habe ich eine Statistik von Absatzzahlen, Einschaltquoten und Werbeeinnahmen, aufgegliedert danach, ob Ihr Name oder die Bezeichnung al-Qaida in den Schlagzeilen auftaucht oder nicht.« Er legte das Blatt vor den Terroristenführer hin. »Bitte sehr. Wie Sie sehen, bewirken Sie Gewinnsteigerungen von bis zu fünfzig Prozent. Ohne dass Sie etwas davon hätten, wohlgemerkt!«

Usama – der Vorname bedeutete so viel wie »der Löwe« – Bin Laden nickte. »Das ist der verachtungswürdige Kapitalismus, wie er im Land des Satans gepflegt wird.«

»Kapitalismus, genau.« Der Anwalt nickte ebenfalls. »Was ich Ihnen dringend raten möchte, ist, die Markenrechte an Ihrem Namen sowie an dem von Ihnen populär gemachten Begriff al-Qaida zu erwerben. Das würde Ihnen ermöglichen –«

Der Terroristenführer hob die Hand. »Sind Sie nur gekommen, um mir diesen Vorschlag zu unterbreiten?«

Der Anwalt nickte. »In der Tat.«

»Dann haben Sie eine große Mühe vergebens auf sich genommen.«

»Vielleicht«, erwiderte der Mann, »sollten Sie mich erst einmal ausreden lassen. Es geht nur vordergründig um Geld. Sollten Sie, Scheich, geneigt sein, meinen Ausführungen noch einige Minuten Ihr Ohr zu leihen, werden Sie erkennen, dass es sich beim amerikanischen Rechtssystem im Grunde um die wirkungsvollste Waffe handelt, die es gibt.«

Bei dem Wort »Waffe« hoben sich die ausdrucksvollen Augenbrauen des Terroristenführers. Er strich sich mit gespreizten Fingern durch den Bart und sagte schließlich: »Sprechen Sie weiter.«

»Beginnen wir«, erläuterte der Anwalt, seine Ausführungen mit sparsamen Gesten unterstreichend, »mit Ihrem Namen. Faktisch – und das ist in Fragen des Wettbewerbsrechts von entscheidender Bedeutung – ist Ihr Name heute ein Markenzeichen von hoher Prägungskraft, vergleichbar mit Namen wie Walt Disney, McDonald’s oder Hewlett-Packard. All dies sind als Markenzeichen eingetragene Namen, die seither von Dritten nicht oder nur eingeschränkt verwendet werden dürfen. Bei dem Begriff ›al-Qaida‹ wird sich mit Aussicht auf Erfolg argumentieren lassen, dass es sich hierbei um Ihr geistiges Eigentum handelt, mithin also die Bestimmungen des international gültigen Urheberrechts zur Anwendung kommen müssen. Sowohl das Wettbewerbswie auch das Urheberrecht – und damit sind wir bei dem Punkt, der für Ihre Anliegen von Interesse ist – erlauben es, sich gegen missbräuchliche Benutzung geschützter Begriffe zur Wehr zu setzen. Konkret würden wir mit Abmahnungen und strafbewehrten Unterlassungserklärungen gegen alle vorgehen, die die dann Ihnen marken- und urheberrechtlich gehörenden Begriffe in entstellendem, herabwürdigendem oder sonstwie zu beanstandendem Sinne verwenden. Wir würden die notwendigen Prozesse durchfechten, um Schadensersatzzahlungen, Strafgebühren und eben die Unterlassung derartiger Äußerungen zu erreichen.«

»Das hieße, wenn jemand etwas über uns und unsere Absichten berichtet, das uns nicht gefällt –?«

»Kriegt er einen Prozess an den Hals, dass ihm schwarz vor Augen wird.«

»Das würde funktionieren?«

»Ohne Zweifel.« Der Anwalt spreizte die Finger. »Was Ihren Namen anbelangt, ist offensichtlich, dass er von Medien in Gewinnerzielungsabsicht verwendet wird. Zeitungen und Fernsehsender sind schließlich kommerzielle Unternehmen und daher kommerziellen Regeln unterworfen. Es ist allerdings nötig, deren Einhaltung einzuklagen – von selbst geschieht es nicht.«

»Und was ist mit dem in Ihrem Land angeblich so hoch geschätzten«, begann Usama Bin Laden und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck des Abscheus, »Recht auf freie Meinungsäußerung?«

Der Anwalt unterzog den Zustand seiner Fingernägel einer eingehenden Betrachtung. »Nun, ich gebe zu, früher wäre das ein Problem gewesen. Aber inzwischen hat sich in dieser Hinsicht sehr viel sehr grundlegend gewandelt. Das Markenrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung haben miteinander gerungen, und das Markenrecht ist dabei, zu gewinnen.«

Der Terroristenführer ließ sich das alles durch den Kopf gehen. »Was ist Ihr Interesse daran?«, fragte er schließlich. »Ich meine, was hätten Sie davon?«

»Ich arbeite auf Provisionsbasis. Üblicherweise erhalte ich dreißig Prozent von allen erstrittenen Entschädigungszahlungen.«

Der Mann mit dem Turban strich sich durch den Bart. »Zehn Prozent«, erwiderte er.

»Fünfundzwanzig«, schlug der Anwalt vor. »Bedenken Sie, ich muss die Gehälter meiner Mitarbeiter bezahlen. Das sind alles hochqualifizierte Experten mit entsprechend hoch dotierten Anstellungsverträgen.«

»Fünfzehn Prozent«, hielt der Mann mit dem Turban dagegen. »Wenn das Geschäft so profitabel ist, wie Sie sagen, machen Sie trotzdem einen guten Schnitt.«

Sie einigten sich schließlich auf achtzehn Prozent. Während Usama Bin Laden die Vollmacht ausfüllte und unterschrieb, fragte er: »Warum machen Sie das? Sie sind doch Amerikaner?«

»In erster Linie«, erwiderte Eduard E. Waits, »bin ich Anwalt.«

* * *

Die Kanzlei Eduard E. Waits & Partners beantragte die Eintragung der Namen ›Usama Bin Laden‹ (in allen Schreibweisen der Transkription aus dem Arabischen) sowie ›al-Qaida‹ (dito, was die Schreibweisen anbelangte) als Markenzeichen im wettbewerbsrechtlichen Sinne.

Die Anträge wurden abgelehnt. Daraufhin klagte die Kanzlei Eduard E. Waits & Partners, sehr zur Erheiterung diverser Kommentatoren und Leitartikler führender Tageszeitungen.

Doch die USA waren ein Land, in dem man einer Frau Schadensersatz in Millionenhöhe zugesprochen hatte, weil sie sich selber heißen Kaffee über die Hose geleert hatte, in dem flüchtende Verbrecher die sie verfolgenden Polizisten mit Erfolg verklagt hatten, weil diese sie unsanft zu Boden geworfen hatten, und in dem Richter Klägern Glauben geschenkt hatten, die beteuerten, nicht gewusst zu haben, dass Rauchen schädlich für die Gesundheit sei: War zu irgendeinem Zeitpunkt ernsthaft zu befürchten, dass in einem solchen Land die Klage eines weltweit gesuchten Terroristenführers auf Eintragung seines Namens als Markenzeichen scheitern würde? Natürlich nicht. Das Verfahren ging durch sämtliche Instanzen, und jedes Mal gab das Gericht der Kanzlei Eduard E. Waits & Partners recht. Den Schlussstrich zog eine Entscheidung des Supreme Court: Der Antrag sei rechtens, ihm sei stattzugeben.

Ein Kommentator meinte, nun sei wohl damit zu rechnen, dass massenhaft T-Shirts, Kaffeetassen und Bettwäsche mit dem Konterfei des bärtigen Hasspredigers auf den Markt kämen, und er sei gespannt auf die Reaktion des amerikanischen Verbrauchers darauf.

Ein Late-Night-Showstar prophezeite, nun würden die Erben Che Guevaras auch vor amerikanische Gerichte ziehen und im Nachhinein Lizenzgebühren in Millionenhöhe für die zahllosen Plakate des bärtigen Revoluzzers verlangen, die seit den Sechzigern die Wände von Studentenbuden geziert hatten.

Sie irrten sich beide.

* * *

Kurz darauf kam es zu dem Anschlag auf die U-Bahn von Kopenhagen. In der Station Christianshavn explodierten zwei Bomben, mehrere Dutzend Menschen starben, viele Hundert wurden verletzt, und auf Überwachungsvideos identifizierte man Angehörige einer islamistischen Terrorzelle als Urheber des Attentats. Reporter aus aller Welt drängelten sich in dem viel zu kleinen Presseraum der dänischen Staatsanwaltschaft, jede sich öffnende Tür auf den Fluren davor zog ein Blitzlichtgewitter nach sich, und eine Flut von E-Mails und Telefonaten spülte die aktuellsten Nachrichten in die Redaktionen von Zeitungen und Fernsehsendern überall auf dem Planeten.

Nachrichten, in denen die Bezeichnungen ›al-Qaida‹ und ›Usama Bin Laden‹ freizügig verwendet wurden, wie man sich denken konnte.

Auch Eduard E. Waits dachte sich das. Deswegen klingelte er auf die erste Meldung hin sein gesamtes Kanzleipersonal aus dem Bett und eine Hundertschaft Richter dazu, und innerhalb weniger Stunden gingen bei allen namhaften Zeitungen, Sendern und sonstigen Medien einstweilige Verfügungen ein, wonach jegliche Berichterstattung über den Anschlag von Kopenhagen zu unterlassen sei, insoweit darin mit Gewinnerzielungsabsicht Gebrauch von besagten markenrechtlich geschützten Bezeichnungen gemacht werde, unter Androhung von Ordnungsgeldern sowie Ordnungshaft in schweren Fällen.

Die Reaktionen darauf fielen unterschiedlich aus. Manche Zeitungen brachten vorsichtshalber erst einmal nur neutral gehaltene Berichte, andere Medien ignorierten die Verfügungen und räumten mit groß aufgemachten Berichten ab. Die Inhaber der Letzteren waren es, die sich kurz darauf vor Gericht wiederfanden und mit detaillierten Aufstellungen konfrontiert sahen, wie viel Gewinn sie mit der widerrechtlichen Verwendung geschützter Markenzeichen erzielt hatten: Der Vergleich mit den Absatzzahlen und Einschaltquoten jener Zeitungen und Sender, die den vorsichtshalber erlassenen einstweiligen Verfügungen gefolgt waren, ermöglichte eine überzeugende Vergleichsrechnung. So folgten die Gerichte in den meisten Fällen den Anträgen der klagenden Partei und verurteilten die beklagten Medien zur nachträglichen Zahlung von Lizenzgebühren und darüber hinaus zu Geldstrafen wegen Verstoßes gegen das Marken- und Urheberrecht sowie Zuwiderhandlung gegen eine rechtsgültige einstweilige Verfügung.

Die betroffenen Zeitungen und Sender reagierten daraufhin damit, nicht mehr über den Terroranschlag zu berichten, sondern stattdessen über das Tun und Treiben der Kanzlei E. E. Waits & Partners. »Der Anwalt des Teufels« lautete die Schlagzeile einer Illustrierten, in der es Eduard E. Waits auf die Titelseite schaffte.

Doch wie sich kurz darauf herausstellte – die Reporter hatten vergessen, dies zu recherchieren –, hatte sich Waits in kluger Voraussicht auch der Markenrechte an seinem eigenen Namen versichert und verklagte die betreffenden Zeitschriften und Fernsehmagazine seinerseits wegen unerlaubter Verwendung, missbräuchlicher und diskriminierender Darstellung und so weiter. Die Anklageschrift umfasste sechshundert Seiten, und die beklagten Parteien gingen mit Pauken und Trompeten ein zweites Mal unter.

Als die nächste Bombe hochging, geschah dies irgendwo in England. Genaueres erfuhr die Öffentlichkeit aber nicht mehr, denn im Handumdrehen waren in allen Redaktionen wieder einstweilige Verfügungen eingetroffen.

Und das war nur der Anfang.

* * *

Der Chefredakteur des SVENSKA DAGBLADET schaute noch einmal unauffällig auf seinen Notizblock, als der junge Reporter hereinkam, schüchtern grüßte und artig die Tür hinter sich zumachte. Sven Söderström hieß er. Hatte vor drei Wochen angefangen, frisch von der Journalistenschule. Höchste Zeit, ihm das beizubringen, was sie an den Schulen offenbar versäumt hatten.

»Es geht um den Artikel für die morgige Ausgabe«, erklärte er dem blonden jungen Mann, der ihn mit kaninchenhaftem Blick ansah. »Über die Explosion in Malmö, die Sie als Terroranschlag beschreiben –«

»Ja. Ist Fakt. Ganz ohne Zweifel«, nickte der junge Mann heftig. Er glühte förmlich vor Begeisterung. »Der erste Terroranschlag seit langem. Eine Sensation! Wenn wir damit aufmachen, ist die morgige Auflage im Nu ausverkauft –«

»Eins nach dem anderen«, unterbrach ihn der Chefredakteur. »Darf ich fragen, wie Sie zu der Annahme kommen, dass es sich um eine Bombe handelte?«

»Ich habe mit den Leuten von der Spurensicherung gesprochen. Die sagen, daran bestehe kein Zweifel.«

»Hmm«, machte der Chefredakteur. »Und was veranlasst Sie, zu schreiben, es sei ein Terroranschlag?«

»Die Polizei hat ein entsprechendes Bekennerschreiben erhalten. Der Anschlag galt einem islamkritischen Regisseur. Der war allerdings gar nicht da; er nimmt in den USA gerade einen Filmpreis entgegen. Hätten die Täter übrigens aus dem Internet erfahren können.«

»Hmm«, machte der Chefredakteur wieder. Schade, er hatte gehofft … Es war immer schwer, einem jungen, aufstrebenden Kollegen die Illusionen über ihren Beruf nehmen zu müssen. Insbesondere in letzter Zeit.

»Die Sache ist die«, begann er widerstrebend, »dass unser Haus seit geraumer Zeit die Linie verfolgt, grundsätzlich nicht mehr über Terroranschläge zu berichten. Die Explosion: Ja. Dass es eine Bombe war: Eventuell. Aber dass Terroristen dahinterstecken: No way. Terroristen kommen in unserem Blatt nicht mehr vor.«

Dem jungen Reporter fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Wie bitte? Wieso das denn?«

Der Chefredakteur seufzte. »Das letzte Mal, als wir über Terrorismus berichtet haben – das war vor Ihrer Zeit, ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben …«

»Die Artikelserie über al-Qaida? Zum Jahrestag des 11. September? Klar. Kenne ich. Habe ich aufbewahrt.«

Der Chefredakteur seufzte ein zweites Mal. »Nun – wir hatten nicht beachtet, dass ›Usama Bin Laden‹ und ›al-Qaida‹ damals schon in den USA eingetragene Marken waren. Was uns das an Strafen, Gerichtskosten, Anwaltshonoraren und Lizenzgebühren gekostet hat, wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir.«

»Sie meinen, Sie mussten Gegendarstellungen bringen?« Der junge Reporter schnappte nach Luft. »Von Usama Bin Laden?«

»Keine Gegendarstellungen.« Der Chefredakteur schüttelte betrübt das Haupt. »Das wäre ja Presserecht. Nein – wir durften überhaupt nichts bringen. Das ist Markenrecht. Das neue jedenfalls.«

»Aber …« Sein junges Gegenüber verstand die Welt nicht mehr. »Aber das ist doch amerikanisches Recht! Was geht uns das an?«

Der Chefredakteur schob die Ausdrucke des Artikels wieder zusammen. »Ich wollte es erst auch nicht glauben, aber in den letzten Jahren ist es anscheinend üblich geworden, dass irgendwelche Länder sich anmaßen, ihr Recht auf der ganzen Welt durchzusetzen. Jedenfalls hat mich der Herausgeber angerufen und zur Schnecke gemacht, und er wiederum ist vom Premierminister angerufen und zur Schnecke gemacht worden, und deshalb« – er reichte die Papiere über den Tisch – »wird kein Artikel über Terrorismus mehr in diesem Blatt erscheinen, solange ich auf mein Gehalt angewiesen bin.«

»Aber das ist ja …« Der junge Mann war blass vor Entrüstung. Ach, die Jugend und ihre Ideale! So war er auch einmal gewesen. »Und was ist mit der Pressefreiheit? Unserem Informationsauftrag? Der Presse als vierter Gewalt?«

»Ich schlage vor, Sie denken jetzt erst einmal darüber nach, inwieweit Sie auch auf Ihr Gehalt angewiesen sind«, entgegnete der Chefredakteur. »Und dann schreiben Sie den Artikel noch einmal. Und das alles bis siebzehn Uhr, wenn möglich.«

Der junge Mann schluckte. Sven Söderström war den Unterlagen zufolge frisch verheiratet und hatte einen fünf Monate alten Sohn. »Aber was soll ich denn schreiben über die Hintergründe der Tat?«, fragte er schließlich.

»Schreiben Sie einfach«, riet ihm der Chefredakteur, »dass der Täter vermutlich geistesgestört war.« Er verzog das Gesicht. »Das ist ja zumindest nicht falsch.«

* * *

Einige Monate später erhielt Eduard E. Waits einen Anruf des Terroristenführers, über eine Telefonleitung von bemerkenswert guter Qualität, wenn man bedachte, über wie viele Satelliten und Zwischenschaltungen sie gehen musste.

»Mister Bin Laden!«, rief der Anwalt. »Wie geht es Ihnen? Haben Sie die Gelder erhalten?« Er hatte den komplizierten Finanznetzwerken der Terrororganisation inzwischen einen dreistelligen Millionenbetrag an Entschädigungszahlungen anvertraut.

»Ja, ja, das hat alles funktioniert. Deswegen rufe ich nicht an; Geld haben wir sowieso mehr als genug«, erklärte der Anrufer. »Es geht um das, was Sie tun. Ich habe gehört, dass Sie neuerdings auch Zeitungen verklagen, wenn die bloß das Wort ›Terror‹ oder ›Anschlag‹ verwenden –«

»Richtig. Das ist notwendig, um Ihre Marke zu schützen«, bestätigte der Anwalt. »Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie aufgeweicht wird, wie man sagt, und verloren geht. In Ihrem Fall ist es so, dass Sie als weltweit führende Terrororganisation als hauptsächliche gestalterische Kraft dieser Art Unternehmungen zu betrachten sind, sodass hier bereits das Urheberrecht greifen muss, um Ihre Investitionen in dieses Gebiet und Ihr geistiges Eigentum an den zugrunde liegenden Konzepten und Verfahrensweisen zu schützen. Oder einfach gesagt: Wenn es Sie und Ihre Organisation nicht gäbe, wären Terroranschläge aller Art viel weniger berichtenswert und damit gewinnsteigernd, als sie es heute sind – unabhängig davon, ob ein Anschlag im Einzelfall von Ihren Leuten ausgeführt wurde oder nicht.«

»Das ist verrückt«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Das ist amerikanisches Recht«, erwiderte Edward E. Waits.

»Hören Sie, so habe ich mir das nicht vorgestellt«, kam es aus dem Hörer. »Die meisten Zeitungen und Fernsehsender wagen es inzwischen überhaupt nicht mehr, über die Hintergründe unserer Aktionen zu berichten. Das macht alles sinnlos. Was bringt es, Dutzende von Leuten in die Luft zu sprengen, wenn nachher niemand davon erfährt?«

»Wieso? Man erfährt es doch. ›Explosion in Kandahar tötet 23 Menschen.‹ Ich habe die Zeitung vor mir liegen.«

»Ja, aber da steht nicht, dass es ein Anschlag war«, heulte die weiche Stimme des Terroristenführers auf. »Wer das liest, muss ja denken, es sei einfach eine Gasleitung explodiert oder so was.«

»Ich kann den Zeitungen nicht vorschreiben, was sie berichten sollen. Ich bin schon froh, dass ich ihnen bestimmte Berichte verbieten kann.«

Die Stimme im Telefon murmelte etwas, das wie ein arabischer Fluch klang. »Sie verstehen nicht. Für uns … Gotteskrieger ist die Presse ein Verbündeter. Wir führen Anschläge aus, um Angst und Schrecken zu verbreiten – aber für diese Verbreitung sind wir auf die Medien angewiesen! Wenn die Medien es aufgrund Ihrer Aktivitäten gar nicht mehr wagen, zu berichten, dann funktioniert das alles nicht mehr. Ein Bombenattentat, über das nicht berichtet wird …« Er rang nach Worten. »Das ist, als hätte es überhaupt nicht stattgefunden. Da kann man das Bombenwerfen genauso gut sein lassen!«

Ein Beobachter dieses Telefonats hätte den Anflug eines Lächelns gesehen, das über Eduard E. Waits’ Gesicht huschte. Für einen winzigen Moment. Dann fuhr der Anwalt fort: »Nun, wenn Sie das sagen …«

»Ich brauche die westlichen Medien. Al-Jazeerah und ein paar Blätter in Palästina, Syrien und so weiter berichten wie gehabt, ja. Aber auf CNN kommt nichts mehr! Das beeindruckt die Jugend nicht! Wenn das so weiter geht, kriegen wir ernsthafte Nachwuchsprobleme!«

»Ich verstehe«, sagte Eduard E. Waits.

»Sie müssen aufhören mit all dem«, verlangte der Mann am anderen Ende der Telefonverbindung. »Sofort. Unsere Abmachung ist ab sofort null und nichtig.«

Eduard E. Waits hob die Augenbrauen und erklärte förmlich: »Sie werden verstehen, dass ich ein mir erteiltes Mandat nicht auf Grund eines Telefonanrufs beenden kann. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass Sie tatsächlich der sind, der Sie zu sein behaupten.«

»Sie wissen genau, dass ich es bin. Wer sonst wüsste über alles Bescheid?«

»Sie missverstehen mich, Mister Bin Laden. Das liegt nicht in meinem Ermessen. Ich bin, was die diesbezügliche Vorgehensweise anbelangt, an die Standesregeln meines Berufes gebunden. Würde ich tun, was Sie verlangen, würde ich mich des Vertrauensmissbrauchs schuldig machen und meine Zulassung als Anwalt verlieren.«

»Aber Sie müssen damit aufhören!«

»Das kann ich tun, aber ich fürchte, dazu müssten Sie sich in meine Kanzlei bemühen, um die Vollmacht hier vor Zeugen zu widerrufen.«

»Sie wissen genau, dass das unmöglich ist. Man würde mich sofort verhaften.«

»Ich gebe zu, das ist ein Problem. Aber immerhin wäre ich danach nicht mehr verpflichtet, die Berichterstattung über Ihre Festnahme, Ihren Prozess und Ihre Hinrichtung, zu der es vermutlich kommen würde, gerichtlich untersagen zu lassen.«

»Das ist doch Unsinn. Sie müssen wieder zu mir kommen.«

»Ich fürchte, das wird sich so schnell nicht einrichten lassen. Sie müssen verstehen – dazu habe ich aufgrund Ihres Mandats einfach viel zu viel zu tun.«

* * *

Einige Wochen später betrat ein bärtiger Mann, der sechzig Jahre oder älter sein mochte und einen Anzug pakistanischer Machart trug, das Büro der Kanzlei E. E. Waits & Partners. Er wies ein umfangreiches Schreiben vor, das ihn als bevollmächtigten Abgesandten Usama Bin Ladens auswies, berechtigt, in seinem Namen zu sprechen und Abmachungen zu treffen.

Rechtsanwalt Eduard E. Waits prüfte die Dokumente genau. Es hatte alles seine Richtigkeit. Also empfing er den Besucher in seinem großen, repräsentativ eingerichteten Büro, in dem der Blick aus zwei großen Fenstern weit über die City von Boston ging. An einer Wand prangte ein in Gold gerahmtes Porträt eines Mannes, der Eduard E. Waits ähnlich sah, aber etwas älter war. Die gegenüberliegende Wand wurde von einem dunkelblauen Vorhang verborgen. Hinter dem wuchtigen Ledersessel des Anwalts hingen Urkunden, Sportabzeichen und ein abgenutzter Baseball-Schläger.

Der greise Mann nahm in dem angebotenen Sessel Platz und erklärte ohne Umschweife: »Sie wissen, weswegen ich komme. Scheich Usama Bin Laden hat mich beauftragt und bevollmächtigt, die Vereinbarung, die zwischen ihm und Ihnen getroffen wurde, zu widerrufen.«

Eduard Earnest Waits faltete die Hände. »Das habe ich mir gedacht.«

»Ich soll Ihnen außerdem ausrichten«, fuhr der Besucher fort, »dass Scheich Usama Bin Laden das Gefühl hat, von Ihnen hintergangen worden zu sein. Er glaubt, dass Sie ihm Ihren Plan einzig und allein deshalb unterbreitet haben, um Geld zu verdienen.«

Eduard Earnest Waits nickte gelassen. »Auch das habe ich mir gedacht.«

»Ich soll Ihnen darüber hinaus sagen, dass …« Der alte Mann zögerte. »Sind wir hier unter uns?«

Eduard Earnest Waits nickte wieder. »Sie können ganz offen sprechen. Nichts, was in diesem Raum gesprochen wird, verlässt ihn. Alles andere wäre ein Verstoß gegen die anwaltliche Schweigepflicht.«

»Gut«, sagte der Besucher. »Also – ich soll Ihnen sagen, dass Ihr Verhalten unwürdig ist und geahndet werden wird.«

Eduard Earnest Waits nickte ein drittes Mal. »Ich will ebenfalls ganz offen mit Ihnen sprechen. Erstens: Ich werde Ihren Besuch ignorieren und weitermachen wie bisher –«

»Aber –«, begehrte der Besucher auf.

»Zweitens«, fuhr Eduard Earnest Waits fort, »irrt sich Ihr Auftraggeber, was meine Motive anbelangt.«

Er stand auf und zog den Wandvorhang beiseite. Dahinter hing ein gerahmtes Foto, das das brennende World Trade Center zeigte.

»Im Jahre 2001«, fuhr er fort, »gehörte ich der Sozietät Wayne, Miller and Partners an, die ihren Sitz im 99. Stockwerk des Gebäudes hatte, das Sie hier brennen sehen. Mein Bruder – dessen Porträt Sie hier drüben sehen – gehörte ebenfalls dieser Sozietät an. Die meisten Partner waren meine Freunde. Ich war der Einzige, der am Morgen des 11. September nicht im Büro war. Ein Termin beim Zahnarzt hat mir das Leben gerettet.«

»Oh«, sagte der Besucher leise.

»Nach diesem Tag«, fuhr Eduard E. Waits fort, »tat ich mehr oder weniger dasselbe wie unser damaliger Präsident – ich beschloss, den Terror zu bekämpfen. Doch während unser Präsident sich, wie wir heute wissen, unwirksamer Mittel bediente und ungangbare Wege beschritt, suchte ich nach einer anderen Strategie.«

Er kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück. »Zunächst bewegten sich meine Vorstellungen eher in konventionellen Bahnen – Rechtsbeistand für Terroropfer, Beschlagnahme von finanziellen Mitteln und dergleichen –, doch dann kam es zu dem Anschlag von Madrid. Hunderte Tote. Ein Massaker.« Er lehnte sich zurück. »Und ich bekam davon überhaupt nichts mit.«

Der bärtige Pakistani schnappte nach Luft. »Was? Aber wie ist das –?«

»Ich befand mich damals auf einem zweiwöchigen Urlaub in den Rocky Mountains. Nur ich, ein Rucksack, ein Gewehr und endlose Wälder. Ich musste vor einem Bären ausreißen, verlief mich mehrmals und trank Wasser aus Wildbächen. Und als ich zurück in die Zivilisation kam, stellte ich fest, dass ich einen Terroranschlag verpasst hatte.« Der Anwalt faltete die Hände. »Weil mich keinerlei Nachrichten erreicht hatten. Erstaunlich, nicht wahr? Ich begann, mich zu fragen, was wohl aus dem Terrorismus werden würde, wenn alle Zeitungen, Fernsehsender und so weiter übereinkämen, nicht mehr darüber zu berichten.«

Der greise Mann im Besuchersessel hörte ihm schweigend zu, mit Augen, in denen Angst stand. Angst vor dem Zorn seines Auftraggebers, vermutlich.

»Eine illusorische Vorstellung, dachte ich zunächst«, fuhr Eduard E. Waits fort. »Auf freiwilliger Basis niemals zu erreichen. Doch musste es denn auf freiwilliger Basis geschehen?« Er lächelte kalt. »Als ich Mister Bin Laden gegenüber sagte, das amerikanische Rechtssystem sei die wirkungsvollste Waffe, die es gibt, hat er einfach nicht verstanden, dass ich von Anfang an vorhatte, sie gegen ihn zu richten. Das ist alles.«

© 2007 Andreas Eschbach

Auszug aus:

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Frage von Photography Q & A – Welche Blitze nutzt Du?

Im Rahmen meiner Rezension des Buchs „Photography Q & A“ hatte ich euch Leserinnen und Leser zu Fragen in den Kommentaren ermuntert.

Einige dieser Fragen will ich in loser Folge beantworten. Fangen wir mit Manne an, der fragte:

„Nutzt du eher natürliches vorhandenes Licht oder Blitze?
Wenn Blitze, was ist dein Lieblingslichtformer?“

Klare, einfache Fragen.

Früher hatte ich Angst vor Blitzen. In meinen Augen waren sie unberechenbar. Ich fotografierte lieber Blumen und Landschaften.

Als ich dann jedoch Ende 2005 das erste Mal begann, Menschen für Bildagenturen zu fotografieren, nahm ich als Lichtquellen zuerst auch keine Blitze, sondern erst weißes Papier als Aufheller für das Tageslicht, dann baute ich mir abenteuerliche Konstruktionen aus billigen Baustrahlern mit weißen Bettlacken als Diffusor. Im Nachhinein betrachtet sehr gefährliche, aber unschlagbar billige Aufbauten. Trotzdem hatten sie den Vorteil, dass es Dauerlicht war und ich mich nicht um Blitze kümmern musste. Schnell merkte ich aber, dass Halogenlicht von der Farbtemperatur und Lichtleistung ungeeignet für schöne Portraits ist.

Ich kaufte mir also ein paar Studioblitze und arbeitete mich langsam in das richtige Blitzen ein. Für das Verständnis sehr geholfen hat mir neben Tutorials im Internet auch das Buch „Heute schon geblitzt?„, was sich vor allem mit den kleinen Systemblitzen beschäftigt und einem gut die Angst für diesen heimtückischen Lichtwerfern nehmen kann.

Outdoor-Foto
Heute bin ich zwar sicher immer noch kein perfekter Blitzfotograf, weil die Lichtanforderungen der Stockfotografie (helles, weiches Licht) relativ einfach sind und mich nicht aus meiner „Komfortzone“ zwingen. Trotzdem merke ich, dass ich mich ein Shooting ohne künstliche Lichtquellen kaum noch zu planen traue.

Im Studio arbeite ich immer mit einer großen Octobox* an einem Studioblitz (500W), meist mit 90 cm Durchmesser, manchmal auch mit 150 cm.

On location, also in anderen Räumlichkeiten als meinem Studio nehme ich immer diesen Blitzaufbau für entfesseltes Blitzen. Von diesem Aufbau habe ich meist zwei Versionen gleichzeitig im Einsatz, mit eine 60x60cm und eine mit 38x38cm-Softbox. Beim Shooting sieht das dann so aus wie hier. Dieser Aufbau hat den großen Vorteil, dass ich nicht nach Steckdosen suchen muss, niemand über Kabel stolpert und alles so leicht und kompakt ist, dass es auch ohne Auto im Koffer transportieren kann. So sieht das dann aus.

Ich liebe die Lastolite-Softboxen*, sowohl was die weiche Lichtwirkung als auch den unschlagbar einfachen und schnellen Auf- und Abbau angeht. Da bin ich richtiggehend verwöhnt und ärgere mich jedes Mal, wenn ich die widerspenstigen Stäbe in mein Studio-Softbox frimmeln muss.

Wenn ich komplett draußen fotografiere, kommt entweder der obige Blitzaufbau mit nur einem Blitz zum Einsatz oder noch öfter einfach nur dieser Ringblitz auf Aufheller und zur Kontrastkontrolle. Gegenüber dem entfesselten Blitzen hat der Ringblitz den Vorteil, dass er bei Wind nicht einfach umkippt, dass ich nicht immer bei einem Ortswechsel von einigen Metern den Blitz umstellen oder mitnehmen muss und er ist auch zusammengepackt noch mal viel kompakter.

Wenn ich die Ausgangsfrage gestellt würde: Wie würdet ihr sie beantworten?

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