Schlagwort-Archive: GEMA

Was ist die VG Bild-Kunst und wie hilft sie Fotografen?

Ab und zu kriege ich Anfragen von Fotografen, welche wissen wollen, was die VG Bild-Kunst ist und ob es sinnvoll ist, dort aktiv zu sein.

Deshalb schauen wir uns heute die VG Bild-Kunst genauer an.

Was ist die VG Bild-Kunst?

Das „VG“ steht für Verwertungsgesellschaft und ist eine Organisation, welche seit 1968 stellvertretend für Künstler und Urheber Rechte wahrnimmt. Überwacht wird die VG Bild-Kunst vom Deutschen Patent- und Markenamt.

Andere Verwertungsgesellschaften sind die VG Wort für Autoren und Journalisten oder die GEMA für Musiker, zusätzlich gibt es noch etliche kleinere Organisationen für spezielle Bereiche, zum Beispiel die Filmverwertungsgemeinschaft GÜFA.

Die VG Bild-Kunst hat über 54.000 Mitglieder und kümmert sich unter anderem um drei Aufgabenbereiche:

  1. Sie zieht Forderungen von pauschalen Urheberrechtsabgaben (zum Beispiel der Privatkopievergütung) ein und verteilt diese an die Urheber.
  2. Sie kümmert sich um die Lizenzierung von individuellen Urheberrechten, zum Beispiel den Reproduktionsrechten bildender Künstler.
  3. Sie engagiert sich für die Stärkung und den Schutz des Urheberrechts, zum Beispiel durch politische Lobbyarbeit und Aufklärungsarbeit.

Die VG Bild-Kunst hat keine eigenen wirtschaftlichen Interessen, sondern verfolgt nur treuhänderisch die Rechte ihrer Mitglieder.

Kurzes Beispiel zur Veranschaulichung:
Meine Fotos sind im Internet zu sehen, wenn Kunden diese über Bildagenturen kaufen. Nun könnte jemand so ein Foto auf seiner Festplatte speichern und ausdrucken, um es an die Wand zu hängen. Dann fände eine Nutzung statt, die ich nicht mitbekomme und für die ich auch nicht honoriert werden würden.

Deswegen müssen Hersteller von Druckern und anderen Geräten, welche Vervielfältigungen erlauben (Festplatten, Scanner, etc.) eine Pauschale für jedes Gerät an die entsprechenden Verwertungsgemeinschaften abführen, welche dann unter allen Mitgliedern aufgeteilt wird. Auch aus anderen Quellen erhält die VG Bild-Kunst Geld und leitet es weiter.

Wer kann Mitglied in der VG Bild-Kunst werden?

Mitglied der VG Bild-Kunst kann jeder werden, der im visuellen Bereich tätig ist, zum Beispiel:

  • Bildende Künstler (Maler, Bildhauer, etc.)
  • Fotografen
  • Illustratoren
  • Kameraleute
  • Kostümbildner
  • Karikaturisten
  • usw.

Da dies sehr unterschiedliche Arten von Künstlern sind, gibt es in der VG Bild-Kunst drei Berufsgruppen. Berufsgruppe I sammelt die Bildenden Künste, Berufsgruppe II die Fotografen sowie Illustratoren etc. und Berufsgruppe III die filmischen Berufe.

Neben den oben genannten Urhebern können auch deren Erben sowie Bildagenturen und Fotoarchive Mitglied werden.

Um Mitglied zu werden, kann hier bei der VG Bild-Kunst ein Vertrag angefordert werden, welcher unterschrieben in doppelter Ausführung zusammen mit einer Kopie des Personalausweises (Vorder- und Rückseite, nicht relevante Daten, insbesondere die Berechtigungsnummer, sollten geschwärzt werden) zurückgeschickt werden muss. Die Mitgliedschaft ist kostenlos.

Nach ca. 4-6 Wochen erhalten sie ein Exemplar des Vertrags zurück sowie ihre Meldeunterlagen. Es ist empfehlenswert, auch die Email-Adresse anzugeben, weil sie dann auch den Login für die Online-Meldung erhalten. Dazu später mehr.

Wie schüttet die VG Bild-Kunst Geld aus?

Damit die VG Bild-Kunst den „Kuchen“ korrekt verteilen kann, ist sie auf die Meldungen ihrer Mitglieder angewiesen.

Wer Meldungen über veröffentlichte Werke in Papierform abgeben möchte, muss das für die Hauptausschüttung bis Ende Juni für das vorherige Jahr machen, ich empfehle jedoch die Online-Meldung, bei der man bis zum 31. Oktober Zeit hat.

Gemeldet werden können:

  • Veröffentlichungen in Büchern oder Kalendern (welche eine ISB-Nummer haben)
  • Veröffentlichungen in digitalen Medien, zum Beispiel Coverfotos für CDs, DVDs, aber auch Veröffentlichungen auf Webseiten
  • Netto-Nutzungshonorare, zum Beispiel für die Veröffentlichung in Zeitungen, Zeitschriften, aber auch TV-Standbilder oder die Nutzung über Bildagenturen und Fotoarchive

Beim Melden von Büchern ist die Angabe des Titels, des oder der Autoren, der ISBN, des Verlags sowie das Erscheinungsjahr notwendig. Berücksichtigt werden bei der Ausschüttung nur Bücher, welche nicht mehr als 5 Jahre vor dem aktuellen Jahr erschienen sind. „Print-On-Demand“-Bücher werden nur berücksichtigt, wenn mindestens 250 Verkäufe nachgewiesen werden können. Veröffentlichungen in E-Books können leider nicht gemeldet werden.

Zusätzlich wird die Art des Buches abgefragt (Kinderbuch, Schulbuch, wissenschaftliches Werk, Sachbuch/Sonstiges) sowie die konkrete Anzahl an Fotos oder Illustrationen im Buch oder auf dem Titel oder Umschlag.

Es dürfen auch fremdsprachige Bücher gemeldet werden, der Anteil an der Ausschüttung ist hier jedoch noch deutlich geringer, bis die VG Bild-Kunst eine stärkere Zusammenarbeit mit den ausländischen Verwertungsgesellschaften etabliert hat.

Auch bei CD-/DVD-Veröffentlichungen werden nur die in den letzten fünf Jahren erschienenden Werke berücksichtigt. Dabei müssen Werke in digitaler Form auf der CD/DVD sowie im Booklet gedruckte Werke separat gemeldet werden.

Beispiel für ein Meldeformular der VG Bild-Kunst
Beispiel für ein Meldeformular der VG Bild-Kunst

Während Bücher und CDs/DVDs nur einmal gemeldet werden müssen, um in den nächsten (maximal fünf) Jahren wieder berücksichtigt zu werden, müssen Online-Nutzungen auf Webseiten jedes Jahr neu gemeldet werden.

Dafür können mehrere Bilder auf einer Domain zusammen gemeldet werden, gezählt werden jedoch höchstens 100 Bilder pro Domain. Dafür muss der Domainname angegeben werden und der Inhaber der Domain laut Impressum. Zusätzlich wird abgefragt, ob es die eigene, eine private Webseite oder ein gewerblicher oder institutioneller Internetauftritt ist. Zum Schluss wird die Anzahl der gezeigten Bilder in das Formular eingetragen, getrennt nach den Kategorien Kunst/Illustration/Foto.

Bilder in geschützten Bereichen (zum Beispiel durch Passwort-Sperre oder Privatsphäre-Filter bei Facebook) können nicht berücksichtigt werden, ebenso wie Suchmaschinen. Tauchen identische Bilder auf der Webseite mehrmals auf, ist das Bild nur einmal zu zählen.

Zwar ist es erlaubt, nur die Haupt-Domain zu melden ohne die konkrete Unterseite, aber da es die verstärkt stattfindenden Kontrollen der VG Bild-Kunst deutlich erleichtert, ist die Angabe der konkreten Seite (also z.B. www.beispiel.de/portfolio/portrait.html statt nur www.beispiel.de) erwünscht.

Es stimmt übrigens nicht, dass der Name des Urhebers im Impressum einer Webseite genannt zu werden, um Ansprüche als Fotograf bei der VG Bild-Kunst anzumelden. Diese Regelung betrifft nur Web-Designer, welche die Gestaltung einer Webseite selbst als Anspruch melden wollen.

Ausdrücklich ebenfalls gemeldet werden dürfen die Webseiten von Bildagenturen oder Galerien mit den eigenen Werken sowie Verkaufsplattformen, auf denen Publikationen von Werken, z.B. Bücher oder DVDs, angeboten werden.

Wichtiger Hinweis:
Wer nur „Online-Nutzungen“ meldet, muss weitere Einkünfte aus künstlerischer oder publizistischer Tätigkeit durch einen Steuerberater oder die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse oder einem geeigneten Berufsverband (z.B. Freelens, DJV, BVPA, AGD o.ä.) nachweisen.

Die Meldung der Nutzungshonorare (netto) ist in sechs Bereiche unterteilt:

  • ausschließlich redaktionelle Nutzung (hohe Verbreitung)
  • ausschließlich redaktionelle Nutzung (normale Verbreitung)
  • überwiegend redaktionelle Nutzung
  • überwiegend werbliche Nutzung
  • ausschließlich werbliche Nutzung
  • von Fernsehanstalten (stehende Bilder)

Gemeldet werden können nur Nutzungen in Deutschland und Auftraggeber, welche einen deutschen Firmensitz haben.

Als Beispiele für Firmen oder Bildagenturen mit einer ausschließlich redaktionellen Nutzung und einer hohen Verbreitung (Auflagen ab 300.000 Exemplaren) werden Nachrichtenagenturen oder Zeitschriften wie die DPA, Reuters, Imago, Action Press, Spigel, Stern, Zeit etc. genannt.

Medien mit ausschließlich redaktioneller Nutzung und normaler Verbreitung (Auflagen bis 300.000 Exemplaren) sind beispielsweise Tagesspiegel, Die Welt, Manager Magazin, usw.

Als überwiegend redaktionelle Nutzung zählt die Verwendung durch (Stock-)Bildagenturen oder kulturelle Auftraggeber wie Museen, als Beispiele nennt die VG Bild-Kunst hier laif, Mauritius, Look, iStock, Getty Images, Okapia, Corbis, ddp images, F1online, plainpicture, und ähnliche Agenturen.

Eine überwiegend werbliche Nutzung haben zum Beispiel Presseabteilungen von Direktkunden aus Industrie und Handel, Angehörige freier Berufe wie Architekten oder Verbände und andere öffentliche Auftraggeber.

Eine ausschließlich werbliche Nutzung findet beispielsweise in Werbeagenturen, Marketingabteilungen von Unternehmen oder Kundenmagazinen statt, beispielhaft genannt werden:
Fotolia, Lufthansa-Magazin, DB Mobil, Apotheken-Umschau, kostenlose Wochenblätter und mehr.

Wichtiger Hinweis:
Die VG Bild-Kunst behält sich eine Nachprüfung im Einzelfall vor. Sobald die Gesamtsumme der gemeldeten Honorare  30.000 Euro im Jahr übersteigt,wird eine Bestätigung durch einen Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer verlangt.

Dafür bietet die VG Bild-Kunst hier die Vorlage „Honorar Bestätigung Urheber“ an. Die Umsatzsteuer-Erklärung oder die Einnahmen-Überschussrechnung ist als Nachweis nicht ausreichend.

Die Auszahlung des Geldes erfolgt jeweils im Dezember für die Hauptausschüttung, gefolgt von der Nachausschüttung im darauf folgenden April.

Was heißt das konkret für Stockfotografen?

Stockfotografen können verschiedene Arten von Nutzungen melden:

So melde ich erstens meine Bilder auf den Webseiten der Bildagenturen sowie einige Domains, welche besonders viele Bilder von mir verwenden. Hier helfen Bildersuchmaschinen wie die Google Bildersuche oder auch komplexere Tools wie Pixray oder Plaghunter.

Außerdem melde ich die Bildnutzung in meinen eigenen Büchern sowie in anderen Büchern.

Beispiel für einen Treffer bei der Suche nach Fotografen-Namen bei Amazon.de
Beispiel für einen Treffer bei der Suche nach Fotografen-Namen bei Amazon.de

Letztere finde einfach, indem ich meinen vollen Namen (bzw. das Pseudonym, was ich bei den Bildagenturen verwende) bei Amazon.de oder der Google Büchersuche eingebe.

Beispiel für einen Suchtreffer in der Google Büchersuche.
Beispiel für einen Suchtreffer in der Google Büchersuche

Bildverwendungen in Zeitschriften oder Kundenmagazinen können zum Beispiel mit Issuu gefunden werden.

Zu guter Letzt melde ich die Nutzungshonorare, welche ich von Bildagenturen erhalten habe, welche auch einen Firmensitz in Deutschland haben, zum Beispiel Westend61, Pitopia, Zoonar, aber auch iStock (Getty Images) oder Fotolia. Da diese Einnahmen über 30.000 Euro jährlich betragen, schicke ich eine Bescheinigung meines Steuerberaters mit.

Wie viel kann ich durch die VG Bild-Kunst verdienen?

Leider lässt sich nicht im Voraus pauschal sagen, wie viel ein gemeldetes Buch oder das Bild auf einer Webseite „wert“ ist.

Die Einnahmen der VG Bild-Kunst speisen sich aus diversen Rechte-Wahrnehmungen wie Bibliothekstantiemen, Geräteabgaben, Lesezirkelvergütungen und so weiter. Dieser „Topf“ ist jedes Jahr unterschiedlich prall gefüllt.

Aus diesem Topf erfolgt eine prozentuale Verteilung der Gelder an alle Urheber, welche Werksnutzungen für das betreffende Jahr gemeldet haben. Die konkrete, kompliziert anmutende Verteilung ist diesem Verteilungsplan zu entnehmen.

Da der Topf nicht voller wird, nur weil sich mehr Urheber bei der VG Bild-Kunst anmelden, sinkt mit jeder neuen Meldung der Verdienst anderer Urheber.

Als ganz grobe Schätzung kann von ca. 2 Euro pro Online-Nutzung eines Bildes ausgegangen werden. Fest verankert ist im Verteilungsschlüssel jedoch die „Obergrenze der Ausschüttung für einen einzelnen Berechtigten“. Diese beträgt 0,075% der Ausschüttungssumme, das wären grob ca. 11.000 Euro.

In den letzten Jahren habe regelmäßig jährlich einen mittleren dreistelligen bis niedrigen vierstelligen Eurobetrag von der VG Bild-Kunst erhalten, je nachdem, wie viel Mühe ich mir bei der Meldung gegeben habe und wie viele Verwendungen ich nachweisen konnte.

Welche Verwertungsgesellschaften gibt es für die Schweiz und Österreich?

Die VG Bild-Kunst ist nur für Deutschland und Urheber aus Deutschland zuständig. In der Schweiz gibt es dafür seit 1974 ProLitteris, in Österreich seit 1977 die Organisation Bildrecht.

Dürfen Stockfotografen Mitglied in der VG Bild-Kunst sein?

Ja, dürfen sie.

Die Frage rührt daher, dass etliche Audio-Agenturen keine Mitglieder der Verwertungsgesellschaft GEMA akzeptieren. Das liegt aber nicht daran, dass es verboten wäre, sondern daran, dass die GEMA bei der Musiknutzung umständliche Nachweisenpflichten einfordert, vor der sich viele Käufer scheuen. Es gibt jedoch auch Audio-Agenturen (zum Beispiel Pond5), welche auch Musik von GEMA-Mitgliedern anbieten.

Gibt es Nachteile für die Mitglieder, zum Beispiel weil Firmenkunden eines Fotografen von der VG Bild-Kunst zur Kasse gebeten werden? Nein, weil sich die Einnahmen sich nicht durch die Kunden der Fotografen generieren, sondern um Geräte- und Betreiberabgaben, die von den jeweiligen Nutzerverbänden wie  Geräteherstellern, Copyshops, Bibliotheken etc. bezahlt werden.

Seid ihr auch in der VG Bild-Kunst? Was sind eure Erfahrungen?

(M)Ein Diskussionsbeitrag zur Reform des Urheberrechts

Durch den Erfolg der Piratenpartei hat sich die Diskussion über das aktuelle Urheberrecht zugespitzt. Die Spannbreite reicht von der Forderung, das Urheberrecht komplett abzuschaffen, über eine radikale Reform wie sie die AG Urheberrecht der Piraten fordert bis hin zur vehementen Verteidung des Urheberrecht durch Künstler (und *hüstel* durch CDU-Politiker).


Heute will ich einige der bisherigen Debattenbeiträgen verlinken und diskutieren. Denn auch wenn – oder besser: genau weil – ich als Fotoproduzent meine Einnahmen fast komplett durch das Urheberrecht erziele, gibt es sicher einige Punkte, die refomiert werden könnten. Und hier hilft es nichts, die Augen vor der erhitzten Diskussion zu verschließen und auf das Beste zu hoffen.

Einige Autoren haben schon angefangen und selbst Vorschläge in die Debatte eingebracht. Am interessantesten finde ich die folgenden Artikel, die ich jedem zur Information ans Herz lege, auch wenn die Inhalte vielleicht nicht alle erfreuen werden.

  • Bertold Seliger fordert im Freitag: „Schneiden wir den Kuchen neu an„. Neben einigen groben inhaltlichen Fehlern wie einer zu kurzen Patentdauer (in Wahrheit 20 statt 15 Jahre) und einem falsch dargestellten GEMA-Verteilungsschlüssel schlägt er fünf spannende Punkte zur Reform vor: Die Schutzdauer der Werke, ein Opt-In-Verfahren, eine automatische Rückübertragung an Urheber von verkauften Rechten, ein neuer Verteilungsschlüssel für Abrechnungssysteme und eine „Fair Use“-Klausel.
  • Janosch Schobin schlägt in der tageszeitung im Text „Der Sharer ist die Zukunft“ vor, die momentan illegalen Filesharer komplett zu umarmen und ihr Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit durch eine Art Schnellballsystem finanziell auszunutzen.
  • Keine Lösungsvorschläge aber eine Bestandsaufnahme der bisherigen Probleme bietet heise.de im Text „Urheberrecht: Neuer Gesellschaftsvertrag statt Kontrolle und Strafe?„.
  • Ebenfalls im Freitag analysiert Wolfgang Michael die Positionen der Piratenpartei zum Urheberrecht, was ebenfalls sehr hilfreich für eine Diskussion ist.
  • Daraufhin ruderte die Piratenpartei etwas zurück und ruft jetzt zu einer „offenen Diskussion“ über das Urheberrecht auf. Im gleichen Text stellt sie auch deutlich die zwölf Eckpunkte ihrer Urheberrecht-Forderungen dar.

Gut, nehmen wir sie beim Wort.

Eine der zentralen Reformforderungen der Piratenpartei (und siehe oben auch von Bertold Seliger) ist die Verkürzung der Schutzdauer urheberrechtlich geschützter Werke. Diese beträgt zur Zeit 70 Jahre und sie soll auf 10 Jahre gekürzt werden. Das halte ich für zu viel. Als häufig benutztes Beispiel werden hier die Erben von Bertolt Brecht herangezogen, die auch lange nach Brechts Tod oft Aufführungen seiner Werke verbieten, wenn ihnen die Interpretation nicht „werkgetreu“ genug ist. Dabei übersehen die Kritiker der Schutzdauer den eigentlichen Sinn dieser Klausel. Wer zu Lebzeiten eine Fabrik aufbaut, kann diese an seine Kinder und Enkel vererben, damit diese durch die harte Arbeit des Fabrikanten abgesichert sind. Bei Künstlern dient diese Schutzdauer der finanziellen Absicherung. Eine Verkürzung auf 50 Jahre könnte ich mittragen, zehn Jahre sind zuwenig.

Eine sehr elegante Idee ist die Opt-In-Variante. Das bedeutet, dass nur die Werke urreberrechtlichen Schutz genießen würden, die aktiv vom Urheber bei einer zentralen Stelle registriert wurden. Damit könnte ich sehr gut leben, unter der Bedingung, dass die Registrierung schnell und einfach geht und keine Kosten anfallen. So würde eine Hürde geschaffen, die viele Hobby-Fotografen davon abhalten würde, alle ihre Urlaubsbilder zu registrieren, aber gleichzeitig niedrig genug ist, dass ernsthaft arbeitende Newcomer-Bands z.B. sich die Registrierung leisten können.

Ein weiterer Punkt in der Debatte ist die sogenannten Kulturflatrate. Analog zum fahrscheinlosen Nahverkehr und dem Grundeinkommen soll mit einer Pauschalabgabe die Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken ermöglicht werden. Im Grunde werden damit Abo-Modelle beschrieben. Diesen Ansatz finde ich einerseits begrüßenswert, er hat aber vor allem zwei Schwachstellen. Die erste ist: Abo-Modelle gibt es schon zuhauf, für Musik gibt es z.B. Flatrates von Simfy, Rara, Musicload, Napster oder Spotify und trotzdem wird Musik illegal runtergeladen. Für Fotos gibt es unschlagbar günstige Abo-Modelle von Shutterstock, Fotolia, Depositphotos und so weiter, trotzdem kopieren Internetnutzer fröhlich und ungefragt Fotos, ohne zu bezahlen. Bücher können in Bibliotheken gegen eine Jahresgebühr kostenlos ausgeliehen werden, trotzdem beklagen sie Besucherrückgänge. Nur bei Filmen sieht das Angebot mit iTunes, Lovefilms oder Maxdome deutlich schlechter und teurer aus.

Die zweite Schwachstelle ist aber der Verteilungsschlüssel. Im Grunde begünstigen alle Abo-Modelle einerseits die großen Urheber, also Madonna oder die Rolling Stones bei Musikern, Yuri Arcurs oder Monkeybusiness bei Fotos und so weiter, weil sich die geringen Beträge nur über viel Masse zu einer lukrativen Einnahme addieren und diese Masse haben nur die, welche lange genug im Geschäft waren, um sie produzieren zu können. Andererseits verdienen bisher bei nicht eingelösten Abos (z.B. werden nur 100 von 300 erlaubten Fotos im Monat runtergeladen) nur die Dienste-Vermittler, nicht die Urheber. Mit einer Stärkung von Abo-Modellen würde sich die Schere zwischen Urhebern und Verwertungsgesellschaften also weiter öffnen statt sie zu schließen, was ja auch ein erklärtes Ziel der Piraten ist.

Die von Piraten gerne angeführte Kluft zwischen den „armen“ Künstlern und den „fiesen“ Verwertungsgesellschaften übersieht etwas: Die Mitgliedschaft sowohl in der GEMA als auch in der VG Bild-Kunst oder VG Wort ist freiwillig. Jedem Künstler steht es frei, ob er den Service dieser Gesellschaften nutzen will oder darauf verzichtet. Es sieht so als hätten die Piraten größere Probleme mit der GEMA als die Künstler selbst. Dafür wird notfalls gerne die Nazi-Keule aus dem Sack geholt. Eine Art Verwertungsgesellschaften gibt es auch in der Stockfotografie: Jeder Fotograf könnte selbst seine Fotos anbieten, statt eine Bildagentur zu nutzen, die dafür bis zu 85% der Umsätze für sich behält. Aber wenn die Piratenpartei einen Vorschlag hat, wie die Honorarverteilung gerechter zugunsten der Künstler geregelt werden soll, bin ich ganz Ohr. Ich befürchte nur, dass die international verstreuten Bildagenturen neue deutsche Gesetze nur milde lächelnd aus der Ferne betrachten würden.

Der nächste Punkt ist die geforderte „Fair Use“-Klausel. Die Nutzung von urheberrechtsgeschützten Werken für Wissenschaft, Bildung, Kinder und andere hehre Ziele soll automatisch und ungefragt erlaubt sein, am liebsten natürlich kostenlos. Gegen die automatische Erlaubnis habe ich nichts. Bei der Forderung nach kostenloser Nutzung muss jedoch differenziert werden. Es gibt etliche Beispiele, dass z.B. auch mit der Förderung von Wissenschaft viel Geld verdient werden kann. Aktuelles Beispiel ist der Streit um die Zeitschriftengebühren des Elsevier-Verlags, aber auch Schulbuchverlage wie Westermann verdienen gut. Warum sollten die Urheber ihre Werke kostenlos für solche Zwecke zur Verfügung stellen, wenn nur andere dann daran verdienen?

Der Kern der ganzen Urheberrechtsdiskussion ist aber ein anderer, nur explizit wird er selten genannt. Im Grunde geht es doch darum, dass Nutzer von urheberrechtlich geschützten Werken mehr Rechte bekommen und weniger zahlen sollen. Zumindest ist mir bisher kein Vorschlag aufgefallen, bei dem das Resultat unter dem Strich anders gewesen wäre. Da stellt sich automatisch die Frage, wie die Verluste der Künstler kompensiert werden könnten. Darauf wird jedoch keine Antwort geliefert und stattdessen polemisch auf künstlerische Großverdiener verwiesen, als würden diese repräsentativ für alle Künstler sein.

Welche Rechte machen die Verfechter einer Urheberrechtsreform jedoch geltend? Das Recht auf Bildung, Kunst, Kultur und Wissenschaft? Es gibt genug Geschäftsbereiche, die von dem Urheberrecht leben, ohne auch nur im Geringsten künstlerisch tätig zu sein. Software-Firmen sind ein Beispiel, Dieter Bohlen und seine DSDS-Klone ein anderes und wenn wir ehrlich sind, sind auch die meisten Stockfotos eher gut produzierte Klischees als Avantgarde-Fotokunst. Warum sollten Leute ein Recht bekommen, diese Produkte frei zu nutzen, nur weil sie digital vorliegen?

Philosophisch angehauchte Reformer behaupten ja (auch hier im Blog), dass digital Produkte nur Kopien seien und durch eine möglichst häufige, kostenfreie Weitergabe kein Schaden entstünde. Gerne wird dabei übersehen, dass zur Herstellung dieser digitalen Produkte trotzdem genügend Sachwerte notwendig sind. Bei Fotos beispielsweise Kamera, Objektive, Blitze, Models, Requisiten, Locations und vieles mehr. Mit diesen Kosten wären viele Bilder nicht verkäuflich, wenn die gesamten Kosten mit einem einzigen Verkauf abgedeckt werden müssten. Stattdessen wird das Bild mehrmals verkauft und die Käufer teilen sich sozusagen die notwendigen Kosten. Wer aber wie die Piratenpartei das Recht auf Privatkopien stärken will, meint heutzutage – da ja fast alle Medien digital vorliegen nichts anderes als kostenlose Filme und Musik. Das trifft natürlich die Branchen, die sich an Endverbraucher richten, ins Mark.

Solange diese offenen Fragen nicht geklärt sind, finde ich ein Urheberrecht, so wie es jetzt ist, besser. Das heißt aber nicht, dass im Laufe der Debatte vielleicht spannende Vorschläge aufkommen könnten, mit denen sich auf die Urheber selbst anfreunden können.

Was sagt ihr dazu? Welche Vorschläge findet ihr sinnvoll, welche nicht und warum? Ich bitte aus gegebenem Anlass diesmal ausdrücklich um eine sachliche Diskussion.