Warum gute Stockfotos immer auch Klischees sind

Es ist so leicht, sich über Stockfotos lus­tig zu machen: Der Handschlag zwi­schen zwei dyna­mi­schen Geschäftsleuten, die glück­li­chen Eltern mit ihren bei­den lachen­den Kindern auf dem Rücken oder der klei­ne Goldfisch, der aus dem einen run­den Aquarium in das ande­re springt.

2014_tanja_ralf_business_054_0175_kleinJeder kennt die­se Bilder, bun­te Farben, weich belich­tet, schö­ne Models, kei­ne Sorgen. Die Frage, die sich vie­len anschei­nend unwei­ger­lich stellt, ist, war­um es immer genau die­se Fotos sein müs­sen, um wirk­lich alles Mögliche zu bebil­dern?

Könnten die Fotografen nicht etwas krea­ti­ver sein und sich ande­re Konzepte, Zeichen und Symbole aus­den­ken, damit danach auch die Grafiker und Werber abwechs­lungs­rei­che­res Bildmaterial zur Auswahl haben? Stattdessen gibt es den immer glei­chen Einheitsbrei aus gebleich­ten Zähnen, rei­ner Haut und Wohlfühlwelten.

Dabei ist die Frage ganz falsch gestellt. Zumindest aus Sicht eines erfolg­rei­chen Stockfotografen.

Machen wir uns doch nichts vor: Bei über 100 Millionen bil­li­gen Stockfotos zur Auswahl gibt es genug Motive abseits des Mainstream, mit denen Grafiker auch abge­fah­re­ne­re Ideen illus­trie­ren könn­ten.

Ich behaup­te: Die meis­ten sind nur zu faul zum Suchen. Oder zu gei­zig. Denn neben den bil­li­gen Microstockagenturen gibt es ja immer noch die Macrostockagenturen mit ganz ande­ren Bildsprachen und deut­lich weni­ger häu­fig ver­wen­de­ten Bildern. Selbst die Microstock‐Agenturen haben mit Kollektionen wie Offset oder Adobe Premium vie­le Edel‐Bilder mit einem ganz ande­ren Look im Angebot. Nur kos­ten die­se eben auch mehr.

Das Geld ist hier der sprin­gen­de Punkt. Für Fotografen loh­nen sich Stockfotos umso mehr, je häu­fi­ger sich die Bilder eines Shootings ver­kau­fen. Damit die Voraussetzungen dafür gege­ben sind, ver­su­chen sie, die Bilder so uni­ver­sell wie mög­lich zu hal­ten, damit sie unab­hän­gig von Sprachbarrieren, Ländergrenzen oder Kulturen funk­tio­nie­ren.

Die Stockfotografie‐Klischees, über die sich Leute ger­ne lus­tig machen, funk­tio­nie­ren eben nur, weil die Stockfotografen ihre Arbeit gut gemacht haben. Nur uni­ver­sel­le Verwendungsmöglichkeiten brin­gen höchst­mög­li­che Verkäufe, die wie­der­um als Nebeneffekt eine gewis­se Sättigung ein­tre­ten las­sen, sodass Designer irgend­wann genervt sind, das nächs­te „Frau mit Headset im Callcenter“, Rebecca Ariane  Givens oder „Frau isst Salat“-Motiv zu sehen.

Das glei­che gilt übri­gens für das Argument der „Langeweile“. Erfolgreiche Stockfotos sind oft lang­wei­lig, weil „auf­re­gend“ oder „span­nend“ pola­ri­sie­ren kann, was wie­der­um bedeu­tet: Kunden abschre­cken kann.

Das eine geht nicht ohne das ande­re. Wenn ein Motiv oder eine bestimm­te Bildsprache so über­zeugt, dass sich ganz vie­le Kunden dar­auf stür­zen, wird die­ses Motiv oder die­ser Look irgend­wann zum Klischee wer­den. Bis dahin wird sich das Motiv blen­dend ver­kau­fen und die Stockfotografen von ihrer Arbeit leben kön­nen.

Wenn ein Grafiker par­tout etwas „ganz Anderes“ oder im wört­li­chen Sinne „noch nie Dagewesenes“ ver­wen­den will, muss er eben in den sau­ren Apfel bei­ßen und etwas mehr Geld aus­ge­ben, zum Beispiel, indem er einen krea­ti­ven Fotografen beauf­tragt.

Über zehn Jahre Microstock haben bei Designern die Erwartungshaltung geweckt, dass sich tech­nisch per­fek­te Motive mit tol­len Models und pas­sen­den Requisiten schnell für weni­ge Euro fin­den las­sen. Dieses System funk­tio­niert aber nur, wenn die Designer gleich­zei­tig ver­ste­hen, dass der Preis für die­se Schnäppchen eben eine wei­te­re Verbreitung der immer glei­chen kli­schee­haf­ten Motive ist. Denn es liegt auf der Hand: Ein auf­wän­di­ges Shooting kos­tet deut­lich mehr als die 2–3 Euro, die ein Bild in Webauflösung kos­tet. Da müs­sen schon vie­le Verkäufe zusam­men­kom­men, um die Kosten wie­der rein­zu­ho­len.

Ich habe kein Problem, dass ich mei­ne Bilder unter dem Herstellungspreis ver­kau­fe, solan­ge sich genug Verkäufe sum­mie­ren. Dann soll­ten sich Designer jedoch mit Spot über die häu­fi­ge Verbreitung der Bestseller‐Motive zurück­hal­ten. Oder ein­fach mehr bezah­len.

Was meint ihr?

Ein Gedanke zu „Warum gute Stockfotos immer auch Klischees sind“

  1. Irgendwie scheint die­se Diskussion an mir vor­bei gegan­gen zu sein. Da ich mich aber kaum mehr in Fotografie Foren rum­trei­be, bekom­me ich da nicht so viel mit. Mir ist aber frü­her auf­ge­fal­len dass in Fotografie Foren oft eine art künst­le­ri­scher Anspruch erho­ben wird. Wobei 99,99% der Bilder dort,auch nicht in gerings­tem als ernst­haf­te Kunst zu bezeich­nen sind. Mit oft recht schwüls­ti­gen Titeln wer­den halt ande­re Klischees bedient.
    Die Fotografie scheint durch die Smartphones gene­rell ein wenig im Umbruch zu sein. Zumindest fällt mir das bei mei­nen pri­va­ten Bildern auf. Habe ich frü­her noch kilo­wei­se Ausrüstung rum­ge­schleppt und simp­le Familienfotos mit einem 70–200/2,8 auf Vollformat auf­ge­nom­men. So habe ich heu­te nur mehr mein Smartphone dabei. Spontanität gegen tech­ni­schen Overkill bei Familienbildern. Wobei ich die­sen Trend zum Smartphone auch bei ande­ren beob­ach­te. Diese neue Authentizität der spon­tan geknips­ten Bilder steht schon ein wenig im Kontrast zu den gestell­ten Stockfotos. Kann sein, dass man die Klischees kri­ti­siert, weil den Stockbildern ein wenig die Spontanität und Authentizität fehlt. Aber solan­ge sich kli­schee­haf­te Stockfotos gut ver­kau­fen wird sich da nicht viel ändern.

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