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Rezension: „200 Best Ad Photographers Worldwide 2010/11“ von Lürzer’s Archive Special

Ich schaue mir gerne Fotobücher guter Fotografen an, um zu lernen und mich inspirieren zu lassen. Die meisten Fotobücher gibt es jedoch von „künstlerisch“ arbeitenden Fotografen. Damit meine ich, dass diese eine künstlerische Vision haben und die meisten Fotos nur der Kunst, aber nicht einem Kunden oder dem Bildermarkt verpflichtet sind. Das hat den Vorteil, dass auch abstrakte Motive, Nischenthemen und wirtschaftlich völlig uninteressante Sujets behandelt werden.

Gleichzeitig empfinde ich das aber oft als Nachteil, da meine Art der beruflichen Fotografie – die Stockfotografie – genau das Gegenteil ist. Hier geht es um Verkäuflichkeit, um eine direkte, aufmerksamkeitsheischende Bildsprache, welche die Betrachter sofort „anspringt“. Zum Beispiel kann ich mir für die schön grafischen Pflanzendetails in Schwarz-Weiß des Fotografen Karl Blossfeldt* kaum Verwendungen in der Werbung vorstellen. Gleiches gilt für die bewegten Aufnahmen aus einem New Yorker Taxi* oder die Typologien industrieller Bauten* von Bernd und Hilla Becher.

Verstehen wir uns nicht falsch: Ich weiß diese Art Fotobücher zu schätzen und schaue sie mir auch gerne an. Aus purer Lust an der Ästhetik. Beruflich helfen mir jedoch mehr Fotobücher, welche Werbefotos versammeln.

200 best ad photographers wordwide 2010

Eines der besten ist das alle zwei Jahre erscheinende Buch „200 Best Ad Photographers Worldwide„* aus dem Verlag Lürzer’s Archive. Dort wird auch die gleichnamige Zeitschrift herausgeben, in der regelmäßig die besten Print- und TV-Werbekampagnen vorgestellt werden. Im Buch werden auf über 400 durchgängig farbigen Seiten die besten Fotos der letzten Zeit gesammelt und ohne Werbetexte oder Produktabbildungen gezeigt, die von den Fotos ablenken würden.

Für diese Fotos wurde – bis auf einige Self-Promotion-Werke der beteiligten Fotografen – von Kunden viel Geld bezahlt. Sie hängen nicht nur in Galerien, sondern wurden gemacht, um etwas zu verkaufen oder Zeitschriften so zu illustrieren, dass sich die Leser das Heft auch wegen der Bilder kaufen. Unter den Fotos stehen die Namen der beteiligten Fotografen – teilweise auch die Werbeagenturen, Art Directoren und Photoshopper – und die Kunden. Die Liste deckt viele Automarken, Bankfirmen und große Konzerne ab, aber auch Auftragsarbeiten für Zeitschriften wie National Geographic, Elle, FHM oder Wired und Organisationen wie Aktion Mensch, Greenpeace, Zoos, Museen und mehr.

Für 29,90 Euro erhalten Stockfotografen hier die perfekte Quelle, um zu sehen, welche Motive gefragt sind, was für Licht, welche Stimmung, der Umgang mit Models und vieles mehr. Genau das unterscheidet solche Fotobücher auch von den Bildkatalogen der Bildagenturen, welche früher in ebenso dicker, gedruckter Form existierten und heute meist eher online anzusehen sind. Die Agenturkataloge sind für Stockfotografen eine Quelle, um zu sehen, was angeboten und welche Techniken und Motive bei den Fotografen beliebt sind. Die Fotobücher mit Werbefotos zeigen, was von Kunden auch gekauft wird. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied.

Wer jetzt denkt, ach, Werbefotos sind doch genauso langweilig und uninspiriert wie Microstock-Topseller, der vergleicht normale TV-Werbung mit den Beiträgen des Cannes Lions International Advertising Festival. Fast alle Fotos im Buch können in punkto Originalität und Schönheit mit den klassischen Coffeetable-Fotobüchern oder auch Bildbänden berühmter Fotografen mithalten. Nur wollen sie eben auch etwas verkaufen.

Foto von Alex Telfer

Besonders in Erinnerung sind mir nach mehrmaligem Durchschauen des Buches die auf alt geschminkten Kinderportraits von Alex Telfer (Foto oben) für die Kinderschutzorganisation Enfance et Partage, die bunten Flaschen-Stills von Neil Corder oder das Mädchen mit dem zerbrochenen Puppen-Gesicht am Küchentisch von Julia Fullerton-Batten (Foto unten), ebenfalls für eine Kinderschutzorganisation.

Foto von Julia Fullerton-Batten

Mal wieder eine klare Buchempfehlung, die ich ausspreche, diesmal nicht zum Lesen, sondern zum Schmöckern.

* Affiliate-Link
(Fotos mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

10 beeindruckende Fotografen

Die wenigsten Fotografen werden mit ihrer Bildsprache und ihrem Stil geboren. Meist gibt es für jeden Fotografen viele andere, die ihn beeindruckt, inspiriert und geprägt haben. Auch ich habe einige Fotografen, deren Werke mich immer wieder staunen oder schmunzeln lassen, die mich neidisch machen oder denen ich in meiner Anfangszeit versucht habe, nachzueifern. Deshalb ziehe ich mal den Vorhang beiseite und lasse Euch teilhaben an meiner – nicht nach Rangordnung sortierten – Liste von 10 Fotografen und Fotografinnen, die mich beeindruckt haben. Vielleicht entdeckt ihr ja auch einen neuen Liebling.

1. Friedrich Seidenstücker (Street Photography)
Ich besitze zwar viele Bücher über Fotografie, auch einige Sammel-Bildbände und viele Kataloge von Bildagenturen, aber Bildbände von einzelnen Fotografen habe ich wenig. Einer davon ist Friedrich Seidenstücker, ein deutscher Fotograf, der vor allem von 1920 bis 1960 in Berlin fotografiert hat. Entdeckt habe ich seine Fotos 2006 während einer Fotoausstellung parallel zur Photokina in Köln. Die große Gabe von Seidenstücker ist es, sehr humorvolle Schnappschüsse einzufangen. Auch im Berliner Zoo hat er sich bevorzugt aufgehalten und die komischen Interaktionen von Menschen und Tieren festgehalten. Seidenstücker hat übrigens inden 1920er Jahren auch eine Serie von Frauen gemacht, die über Pfützen springen und damit dieses Foto von Henri Cartier-Bresson im Jahr 1932 vorweggenommen. Leider sind die meisten Bildbände von ihm nur antiquarisch erhältlich, so auch das Buch „Der humorvolle Blick. Fotografien 1923 – 1957„.

friedrich-seidenstuecker-01

2. Arthur Leipzig (Street Photography)
Die Bilder von Arthur Leipzig fielen mir vor ca. einem halben Jahr in der Zeitschrift „Schwarz/Weiss-Fotografie“ auf. Leipzig ist ein us-amerikanischer Fotograf, der durch seine Straßenszenen von New York City in den 1940er und 1950er Jahren bekannt wurde. Vor allem seine Bildstrecke über die Renovierung der Brooklyn Bridge ist atemberaubend. Einen Einblick in seine Fotos gibt diese Bildserie. Soeben ist auch ein Bildband im Prestel-Verlag von ihm erschienen.

Brooklyn Bridge, 1946 / © Arthur Leipzig/Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

3. Sebastian Niehoff (Werbefotografie)
Wer auf Weitwinkelfotos steht, wird diesen Fotograf lieben: Mit seinen extremen Blickwinkeln auf flippige Models hat der junge Fotograf aus Wanne-Eickel schon mehrere Preise gewonnen und renommierte Firmen überzeugt. Wenn es ein Wort gibt, was seine Fotos am besten beschreibt, ist es: Fun!

Sebastian Niehoff - Sandschlacht

4. Radka Linkova (Stockfotografie)
Früher nannte ich sie „mein heimliches Vorbild“. Mittlerweile weiß sie hoffentlich, dass ich ihre Fotos großartig finde und schon von weitem erkenne. Radka ist eine Fotografin aus Prag, die vor allem People-Aufnahmen macht. Ich glaube zwar nicht, dass es eine „weibliche Bildsprache“ gibt, aber trotzdem wirken ihre Bilder auf mich immer sehr romantisch und verspielt.

Radka Linkova - 1511

5. Matthew Rolston (Celebrity-Fotografie)
Dieser Fotograf aus Los Angeles hat mehr Prominente vor der Kamera gehabt als ich je in meinem Leben von weitem sehen werde. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir sein Foto, auf dem sich Jack Nicholson mit seinem irren „Shining“-Blick Blut von seinen Fingern leckt. Aber auch das Video zum Song „Candyman“ von Christina Aguilera, welches er im Pin-Up-Stil gedreht ist, sieht cool aus.  Es gibt auch einen sehr großen, aber leider auch teuren Bildband von ihm.

Matthew Rolston - Jack Nicholson

6. Slavica Ziener (Musikfotografie)
Die zweite und leider schon letzte Frau in dieser Liste ist die Münchnerin Slavica Ziener. Aufmerksam wurde ich auf sie durch das Album „Zurück zum Glück“ von den Toten Hosen. Die Musik war – na ja -, aber die Bandfotos im Booklet waren knackig, wild und rebellisch, viel besser als der Sound. Später habe ich festgestellt, dass sie sehr viele Fotos von der Band gemacht hat und ich finde, dass diese im Vergleich zu ihren anderen Fotos, wie z.b. von den Sportfreunden Stiller oder DJ Hell, am besten sind. Aber sie kann auch anders und hat z.B. ganz brav das Portrait von der Chefredakteurin Petra Gessulat im Editorial der Cosmopolitan fotografiert.

slavica-ziener-toten-hosen-01
7. Alexander Kulla (Stockfotografie)
Alexander ist einer meiner Foto-Kollegen und arbeitet hauptberuflich als Gesundsheits- und Krankenpfleger. Das erklärt auch die Serie, durch die ich auf ihn aufmerksam geworden bin. Er hat eine umfangreiche, technisch gut gemachte Serie von Fotomontagen, die ihn winzig in Krankenhaus-Uniform bei der Arbeit mit riesigen Medikamenten zeigen. So nach dem Motto „Liebling, ich habe den Arzt geschrumpft“… Diese Fotos sind witzig, viel schöner ist aber seine Serie von Blumenfotos, die alle im gleichen Stil bearbeitet wurden und mittlerweile über 30 Blumensorten umfasst.

Aexander Kulla - Calla

8. Jason Lee (Kinderfotografie)
Kommen wir zu den unvermeidlich süßen Geschöpfen: Kleinen Kindern. Der Fotograf Jason Lee aus San Francisco hat zwei davon. Wenn er nicht gerade Hochzeiten oder andere Kinder fotografiert,
müssen seine beiden Töchter Kristin und Kayla als Models mitmachen. Wenn sie groß sind, werden sie wohl die beiden Geschwister mit den coolsten Baby- und Kinderfotos der Welt sein. Die Bilder von Jason Lee leben von einem immer stimmigen Konzept und perfekt umgesetzten Fotomontagen. Die Geschwister haben auch einen eigenen Blog und wer dort länger als eine Minute rumklickt, wird unweigerlich grinsen müssen.

Foto by Jason Lee "Sisters"

9. Julian Stratenschulte (Fotojournalismus)
Die meisten journalistischen Fotos langweilen mich, aber die Fotos von Julian Stratenschulte begeistern mich immer wieder durch ihre ungewöhnlichen Perspektiven. Das sehen auch andere so und deshalb gewann er auch 2007 unter anderem den Preis  „dpa – Picture of the Year“. Und da war er erst 20 Jahre jung! In dem Alter habe ich noch für ein lokales Käseblatt 2-3 Fotos im Jahr gemacht, aber er liefert da an dpa und AP. Respekt! Das fotografische Auge muss wohl in der Familie liegen, denn auch sein Zwillingsbruder ist als Fotojournalist unterwegs. Für jeden Fotojournalisten ist der Blog von Julian Stratenschulte ein Muss.

julian-stratenschulte-sports-02
10. Julian Röder (Fotojournalismus)
Kommen wir zum letzten Fotografen in der Liste. Das erste Mal habe ich die Fotos des Berliner Fotografen Julian Röder 2002 auf dem Titelbild des Wettbewerbsbuches des „Deutschen Jugendfotopreis“ gesehen. Gewonnen hat er mit Bildern von Demonstrationen gegen den G8-Gipfel 2001 in Genua. Zu der Zeit machte er seine Ausbildung in der Fotografenagentur Ostkreuz, für die er heute wieder arbeitet. Soziale Themen sind sein Arbeitsgebiet. Die Demonstrationen lassen ihn jedoch nicht los und er begleitet weiterhin die Proteste gegen die G8-Gipfel in Heiligendamm, Evian oder Hokkaido. Was ich an seinen Fotos toll finde, ist der persönliche Touch. Demonstranten wirken bei ihm nicht wie eine homogene Masse, sondern liebevoll portraitiert er die Individuen, z.B. den vermummten Kämpfer vom Schwarzen Block, der mit vielen Pflastersteinen vor seinen Füßen verwirrt auf den Stadtplan schaut.

Julian Roeder - Genua

Jetzt bist Du dran:
Schreibe in Deinem Blog oder in den Kommentaren, welche Fotografen Dich beeindruckt haben und warum. Vielleicht entdecke ich so ja noch neue Lieblinge.