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Copycats: Die Parasiten der Microstock-Branche kopieren Bestseller

Microstock-Bildagenturen haben die Stockfotografie in den letzten zehn Jahren massiv umgekrempelt.

Das betrifft aber nicht nur die Preise, sondern auch die Bildsprache und die Arbeitsweise. Die Technikaffinität der Microstock-Agenturen brachten sie auch einige Errungenschaften ins Spiel: Noch nie zuvor war es Fotografen so einfach möglich, zu sehen, welche ihrer Bilder sich am besten verkauften, sie konnten Trends erkennen, darauf reagieren, diese wiederum analysieren und so weiter.

Leider gibt es eine sehr dunkle Schattenseite dieser Errungenschaft: Da die Downloadzahlen lange nicht nur dem jeweiligen Fotografen vorlagen, sondern öffentlich auf der Webseite von allen anderen Leuten, sowie Kunden als auch anderen Fotografen, eingesehen werden können, entwickelten sich die „Copycats“. So nenne ich die Leute, die schamlos die Bilder anderer Fotografen kopieren und damit Geld verdienen.

Gerahmtes Portrait
Ich rede hier nicht von der einen oder anderen Bildidee, die wahrscheinlich die meisten Fotografen im Portfolio haben, die sie irgendwo anders mal gesehen und nachgeahmt haben. Das liegt in der Natur der Sache, weil Microstock-Motive nun mal sehr generisch und austauschbar sind.

Nein, Copycats sind für mich Leute, die systematisch Portfolios fremder Fotografen durchstöbern, nach Downloads sortieren und versuchen, die fremden Bestseller so identisch wie möglich nachzumachen, bis hin zur Kleidung der Models oder der Anordnung im Bild. Copycats sind Leute, die nicht ein Bild eines Fotografen kopieren, sondern gleich das komplette Shooting. Copycats sind Leute, bei denen der Großteil des Portofolios aus geklauten Bildideen besteht. Eine besonders radikale Gruppe von Copycats kopiert bei einigen Fotografen nicht nur die Bestseller, sondern vorsorglich die meisten der neuen Bilder mit dem Wissen, dass der beklaute Fotograf ein sehr gutes Gespür für Trends, Motive und Bestseller hat.

Ich bin nicht frei von Schuld und es lassen sich bei mir einige Motive finden, die andere vor mir sehr ähnlich umgesetzt haben. Andersrum bin ich als öffentlich bekannte Person auch davon betroffen, dass Fotografen oder Fotografinnen meine erfolgreichsten Shootings als Blaupause für ihre eigenen Shootings nehmen, inklusive Keywords und allem. Die betreffenden Leute wissen meist sehr gut, dass sie gemeint sind. Ich hatte mich vor paar Jahren mal via Twitter beschwert, dass ein von mir nicht genannter Fotograf bei einem Motiv meine Keywords 1:1 übernommen habe. Von meinen über tausend Followern meldete sich ausgerechnet genau der betroffene Fotograf und fragte via Privatnachricht: „Du meinst nicht etwa mich, oder?“

Was bedeuten die Copycats nun für die Stockfotografie?

Die Sicht der beklauten Fotografen

Meist haben die beklauten Fotografen einen unschätzbaren Vorteil: Sie haben das Original und sie sind die ersten mit diesem Motiv. Wenn sich ein Bild erst mal zum Besteller entwickelt hat, ist es schwer, das Original „vom Thron zu stoßen“. Besonders ärgerlich sind die Kopien aber, wenn sich aus irgendwelchen Gründen die Kopien besser verkaufen als das Original und bei den Suchergebnissen vor dem Original angezeigt werden.Das passiert immer öfter, weil die Suchalgorithmen vieler Bildagenturen mittlerweile neue Werke bevorzugen und die späteren Kopien deshalb gegenüber dem Original bevorzugt angezeigt werden. Noch ärgerlicher ist es, dass die Copycats einen Bestseller mit einem originellen Konzept nicht nur 1x kopieren, sondern gleich 10-20 ähnliche Varianten auf den Markt schmeißen (auch hier war ich kurz versucht, Beispiele zu zeigen…). Das führt dann dazu, dass das Original in dem Meer der ähnlichen Kopien visuell untergeht.

Einige Fotografen, die regelmäßig von den gleichen Leuten beklaut werden, haben es sich „aus Rache“ angewöhnt, neue Motive von den Copycats, welche noch nicht im eigenen Portfolio sind, zu kopieren. Das biblische Prinzip von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verfehlt jedoch öfters das Ziel, weil die neu kopierten Bilder dann meist auf Kopien anderer Fotografen beruhen.

Zu kompliziert? Ein anonymisiertes Beispiel aus der Praxis: Fotograf A macht Bild 1. Fotograf C(opycat) kopiert das Bild. Fotograf A kopiert aus Rache das Bild 2 aus dem Portfolio des Fotografen C. Fotograf B beschwert sich, dass Fotograf A sein Motiv kopiert habe. Daraufhin stellt sich heraus, dass auch Bild 2 eine Kopie war aus dem Portfolio von Fotograf B.

Rechtlich gesehen ist es leider schwer, gegen solche Kopien anzugehen, weil „nachgestellte Fotos“ im Gegensatz zu „identischen Fotos“ nicht automatisch einen Urheberrechtsverstoß bedeuten. Da kommt es darauf an, wie ähnlich sich Kopie und Original sehen und ist meist eine Auslegungssache des Gerichts. Wenn die Copycats dann noch in einem anderen Land sitzen oder die Kontaktdaten nicht mal bekannt sind, weil die Bildagentur diese nicht preisgeben will, sieht der juristische Weg noch viel steiniger aus.

Manchmal sind die Copycats auch so schnell, dass sie dem Original-Urheber die Chance auf eigene Varianten verbauen. Wenn ein Original-Konzept zum Bestseller wird und es schnell von 4-5 Copycats nicht nur einmal, sondern in zig Varianten kopiert wird, kann es passieren, dass eine Variante des Original-Fotografs wegen „zuviel Ähnlichkeit“ oder „davon haben wir schon genug Motive“ abgelehnt wird.

Die Sicht der Copycats

Trendrecherche ist anstrengend. Außerdem ist Microstock nur lukrativ, wenn genügend Bilder verkauft werden. Warum also das Risiko eingehen, selbst Nische zu suchen, zu finden und zu besetzen? Copycats können das andere Fotografen machen lassen kann und dann bequem jeden Monat deren aktuelle Bestseller kopieren. Ist ja egal, wenn die Kopie nur ein Zehntel Umsatz macht. Wenn der Bestseller sich 1000x verkauft hat, wären das immer noch 100 Verkäufe, welche die Arbeit an einem Bild lohnend machen.

Es ist außerdem enorm zeitsparend: Copycats sparen nicht nur die Zeit, herauszufinden, welche Motive sich gut verkaufen lassen, auch bei der Erstellung der Kopie wird Zeit gespart, weil der Original-Urheber sich schon die Gedanken um effektvolle Farbkombinationen, wirksame Komposition etc. gemacht hat. Die richtig frechen Copycats laden sich – vor allem bei Vektoren – die Originale auf illegalen Warez-Seiten runter und kopieren dann die Farbverläufe oder andere aufwändig erstelle Muster 1:1 in die Kopie rein, um noch mehr Zeit zu sparen. Außerdem ist es bei Vektorgrafiken viel leichter als bei Fotos, herauszufinden, wie das Original „gebaut“ wurde, weil die Elemente in der originalen Vektordatei ja einzeln auseinandergenommen werden können.

Andere Copycats schleimen sich vorher sogar bei den zu kopierenden Fotografen ein, fragen nach dessen Ausrüstung, Technik und Arbeitsweise, bis sie nicht nur die Motive, sondern auch die Art der Umsetzung fast identisch kopieren können. Ja, auch diese Fälle hatte ich schon.

Die Sicht der Kunden

Einige Kunden legen Wert darauf, dass sie Bilder kaufen, die noch nicht zu sehr „verbraucht“ wurden und orientieren sich beim Kauf an niedrigen Downloadzahlen. Wenn sie eine Kopie mit wenigen Downloads kaufen, ärgern sie sich vermutlich, wenn sie das Original entdecken, was schon die hundertfachen Downloads hat. Außerdem verstopfen fast identische Kopien die Suchergebnisse bei den Bildagenturen und führen zur Frust bei der Bildersuche, wenn man sich durch sehr viele, sehr ähnliche Bilder wühlen muss, die vielleicht auch noch unterschiedliche Preise habe, weil einige Leute exklusiv sind und andere nicht – egal, ob jetzt Original-Urheber oder die Copycats.

Rechtlich gesehen ist die Lage auch heikel: Sollte ein Gericht feststellen, dass die Copycat mit einer Kopie das Urheberrecht eines anderen Fotografen verletzt hat, hätte der Bildkunde das Foto unrechtmäßig erworben und dürfte es nicht mehr benutzen.

Die Sicht der Agenturen

Ich habe den Eindruck, dass Agenturen relativ wenig gegen Copycats unternehmen. Das mag an der rechtlichen Problematik liegen, weil die Abgrenzung zwischen „Kopie“ und „Imitation“ schwierig ist, aber liegt vielleicht auch daran, dass ein größeres Gesamtportfolio der Agentur zugute kommt. Welcher Fotograf genau den Download eines Kunden bekommt, ist der Agentur ja meist egal. Außerdem werden es eh immer mehr, auch immer mehr ähnliche Bilder, warum also ein großes Fass aufmachen?

Wichtige Fragen: Findet der Käufer das Original? Wo fängt die Schöpfungshöhe an?
Wichtige Fragen: Findet der Käufer das Original? Wo fängt die Schöpfungshöhe an?

Wenn sich ein Fotograf beschwert, erhält er – wenn überhaupt – eine Antwort wie diese, welche Fotolia zum Beispiel noch im Oktober 2013 standardmäßig rausschickte:

„Sehr geehrtes […],

natürlich haben wir Verständnis für Ihre Reaktion auf das „Kopieren“ einiger Ihrer Dateien. Dass sich daraus jedoch nicht zwingend ein Urheberrechtsverstoß ableiten lässt, möchten wir Ihnen durch nähere Betrachtung des zentralen „Werk“-Begriffs im Urheberrecht verständlich machen. Maßgebend ist insoweit, ob das von Ihnen erstellte Original überhaupt diesen weitgehenden Schutz genießt.

Denn ein urheberrechtlich geschütztes Werk muss eine gewisse Gestaltungshöhe aufweisen. Das Merkmal der Gestaltungshöhe bezieht sich auf den Grad der Individualität, den ein geistiges Erzeugnis besitzen muss, um eine persönliche geistige Schöpfung im Sinne des Urhebergesetzes zu sein. Hierdurch sollen einfache Alltagserzeugnisse ausgesondert werden. Die Rechtsprechung bestimmt den Grad der Individualität durch einen Vergleich zwischen dem zu beurteilenden Original mitsamt seiner prägenden Gestaltungsmerkmale und der Gesamtheit der vorbekannten Gestaltungen.

Grds. können auch Werbegrafiken Urheberrechtsschutz genießen. Künstlerisch individuell gestaltete Werbung in Prospekten oder Anzeigen kann als Werk geschützt sein. Schlichte Alltagswerbegrafik ist allerdings nicht umfasst. Die Schutzfähigkeit fehlt auch dann, wenn es sich lediglich um eine gelungene, originelle Darstellung handelt, die aber den Bereich der Durchschnittsgestaltung nicht übersteigt.

Ohne dabei eine Wertung hinsichtlich Qualität oder künstlerischem Gehalt der betroffenen Bildinhalte vornehmen zu wollen, müssen wir unsere ernstlichen Zweifel zum Ausdruck bringen, ob Ihre Originale tatsächlich den beschriebenen urheberrechtlichen Schutz genießen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Fotolia in derartigen Zweifelsfällen nicht tätig werden kann. Der Nutzen und die Kurzlebigkeit insbesondere von Werbegrafiken steht außer Verhältnis zu dem erforderlichen Arbeitsaufwand, den eine Prüfung und Verfolgung solcher Entlehnungen erfordern würde.

Wir möchten Ihnen abschließend raten, das „Kopieren“ ihrer Bilder als Kompliment aufzufassen und als Ansporn zu gebrauchen, handwerklich bessere und thematisch vorausschauendere Bildinhalte als die Konkurrenz zu gestalten.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Fotolia Team“ (Quelle: Fotolia-Forum)

Besonders der letzte Absatz verdient hier Beachtung.

Langsam scheinen die Microstock-Agenturen aber zu merken, dass das öffentliche Anzeigen von Downloadzahlen kontraproduktiv sein kann. Das Hauptärgernis werden hier sehr wahrscheinlich die Konkurrenten sein, welche fleißig und regelmäßig die Downloadzahlen bestimmter Dateien oder Portfolios notieren, um diese Daten extrapolieren zu lassen und damit Rückschlüsse auf die Umsätze einer Agentur schließen können.

Jedenfalls sind einige Microstock-Agenturen dazu übergegangen, die Downloadzahlen nicht mehr anzuzeigen. iStock hatte die Zahlen vor paar Jahren erst sehr grob gerundet und jetzt im Zuge des Design-Relaunchs komplett von der Suchergebnis-Seite getilgt. Auch Fotolia hatte vor paar Wochen komplett die öffentliche Anzeige der Downloads beendet, worüber sich bei mir ironischerweise mehr Fotografen als Kunden beschwert haben.

Mostphotos hat nach Beschwerde einiger Fotografen im November 2013 ebenfalls die Download-Anzeige abgeschafft und 123rf hatte das schon im Juni 2007 beendet. Andere Agenturen wie Shutterstock hatten diese Informationen noch nie angezeigt.

Was sagt ihr?

Wie geht ihr mit Copycats um? Ignorieren, rächen, melden?

Täuschung? Getty Images & der Pinterest-Deal

Die von der Carlyle Group gehaltene Bildagentur Getty Images agiert möglicherweise irreführend, wenn es um die Verlautbarungen über Einkommen, Verkäufe und Lizenzierung von Inhalten geht, die unter das kürzlich angekündigte Abkommen mit Pinterest fallen. Jetzt im Besitz der privaten Carlyle Group, ist wenig bekannt über die Geschäftsbeziehungen von Getty Images, aber hin und wieder gelangen interessante Neuigkeiten an die Öffentlichkeit.

Schauen wir uns zuerst den Blogbeitrag an, in welchem der Deal angekündigt wird. Hier sind einige relevante Auszüge aus dem Blogbeitrag gerade über das, wofür Pinterest Getty bezahlt – nur für Metadaten:

„Getty Images und Pinterest haben ein Abkommen zu Wege gebracht, das die Welt in eine stärker visuelle Zukunft führen wird, indem unsere umfangreichen Metadaten und attraktiver Inhalt kombiniert werden …“

Der Begriff Metadaten taucht im obigen Zitat auf, gefolgt von einer hochtrabenden Äußerung über die „tollen Fotografen von Getty Images…“ und Einzelheiten zu den Informationen (damit sind die Metadaten gemeint) über den Designer der Stiefel auf dem Foto:

„Nehmen wir an, Sie stöbern auf den Pinterest-Seiten und entdecken ein Bild von Beyonce, auf welchem Sie diese scharfen Stiefel trägt. Aber es fehlt jegliche Information darüber, wer die Stiefel entworfen hat oder wo du sie kaufen kannst! Es könnte auch schwer sein herauszubekommen, dass ein toller Fotograf bei Getty Images das Bild aufgenommen hat.“

Dann macht Getty klar, dass es Metadaten sind, die verkauft/lizenziert werden sollen und dass das Foto dann einen Bildnachweis und einen Link bekommt.

„Unsere neue Partnerschaft mit Pinterest bietet eine Lösung… wir verwenden unsere API-Schnittstelle „Connect“, um Pinterest wesentliche Informationen zur Verfügung zu stellen – einschließlich Bildnachweisen von Getty Images, wann und wo das Bild entstanden ist und mehr. Wir bringen einen Bildnachweis auf der Seite von Pinterest und einen Link zurück unter.“

An dieser Stelle verdeutlicht Getty, dass die Vergütung einzig für die Metadaten anfällt. Die folgende Aussage ist so klar umrissen wie die Aussage von Präsident Obama: Wenn Sie mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsplan zufrieden sind, können Sie ihn behalten. Da besteht kein Zweifel – Getty wird für „diese umfangreichen Metadaten“ bezahlt:

„Pinterest wird Getty eine Gebühr für diese umfangreiche Metadaten bezahlen, die wir mit den Anbietern teilen werden.“

Wenn für ein Foto Lizenzgebühren in Höhe von 1,00 Dollar anfallen, was schätzen Sie, wäre die Lizenzgebühr für die Metadaten? 0,01 Dollar? 0,10 Dollar? Sicherlich ist der Betrag ein Bruchteil dessen, was die Lizenzgebühr für das Bild ausmachen würde, und dann wird dieser Anteil des Lizenzeinkommens für das Bild zu einem ungleichen Prozentsatz zu Gettys Gunsten aufgeteilt.

Nirgendwo sagt Getty, dass Pinterest Lizenzgebühren für das Bild bezahlt.

Warum ist es wichtig, dass Getty unmissverständlich klarmacht, dass es eine Gebühr für die Metadaten ist? Lassen Sie uns einige Abschnitte des Vertrages genauer beleuchten, den Getty mit seinen Anbietern abschließt.

Zuerst erläutert Getty, dass die Vereinbarung für „Akzeptierte Inhalte“ gilt, um dann zu definieren was „Akzeptierte Inhalte“ sind:

“ Diese Vereinbarung betrifft alle Inhalte (gemäß der Definition im Abschnitt 1.2) , welche Sie früher eingereicht haben oder in Zukunft einreichen werden, die zum Vertrieb durch Getty akzeptiert wurden („Akzeptierte Inhalte„).“

1.2 Arten von Inhalten: Diese Vereinbarung gilt für folgende Arten von Inhalten („der Inhalt„):
(a) Fotografien, Illustrationen oder andere unbewegte visuelle Darstellungen („unbewegte Bilder„); (b) bewegte visuelle Inhalte in jeglicher Form, einschließlich Filme, Videobänder, digitale Dateien, Animationen und Clips („Filmmaterial„); und (c) Fonts, Audiodateien und jegliche andere durch Copyright geschützte Werke, in allen Fällen, in welcher Weise und in welchem Format und mit welchem Werkzeug auch immer erzeugt, einschließlich von Reproduktionen, Bearbeitungen und abgeleiteten Werke davon. „

Es wird in den vorangehenden Ausführungen deutlich, dass es sich bei „Inhalt“ (content) um „Fotografien“, nicht um Metadaten handelt. Im folgenden Abschnitt erklärt Getty zuerst, was selbstverständlich sein sollte – dass Sie die Rechte an Ihrem „Akzeptierten Inhalt“ besitzen, allerdings macht Getty dann unmissverständlich klar: „Getty Images besitzt alle Rechte, Titel und Rechtsansprüche, einschließlich aller Copyright-Rechte, die neben Ihrem Copyright an Ihren „Akzeptierten Inhalten“ entstehen, an allen Arbeiten durch oder für Getty Images, die vielfache Elemente „Akzeptierter Inhalte“ und/oder andere Inhalte enthalten.

1.13 Copyright an „Akzeptiertem Inhalt“ oder anderen Werken. Gegenstand der in dieser Vereinbarung gewährten Rechte ist, dass Sie alle Rechte, Titel und Rechtsansprüche einschließlich des Urheberrechts an allen „Akzeptierten Inhalten“ behalten, auch dann, wenn es Bestandteil abgeleiteter Werke Dritter ist. Getty Images erhält alle Rechte, Titel und Rechtsansprüche, einschließlich aller Copyright-Rechte, die neben Ihrem Copyright an Ihren „Akzeptierten Inhalten“ entstehen, für jegliche Arbeiten durch oder für Getty Images, dievielfache Elemente „Akzeptierter Inhalte“ und/oder andere Inhalte enthalten. Sowohl Sie, als auch Getty Images in Ihrem Namen, können das Copyright an jeglichem „Akzeptierten Inhalt“ bei der entsprechenden Behörde registrieren lassen.“

Danach besitzt Getty alles, außer dem eigentlichen Foto als Teil des „Akzeptierten Inhalts“ – Metadaten „und/oder andere Inhalte“.

Noch einmal: Anbieter werden honoriert mit einem Anteil an der Gebühr für die Metadaten anstatt für einen Anteil an den Lizenzgebühren für das Foto, denn Getty macht vollkommen klar, dass sie nur für Metadaten bezahlt werden.

Bis gestern [Anmerkung R.K.: Gemeint ist Donnerstag, der 12.12.2013].

Auf einer eintägigen Konferenz, die hier in der Nähe von Washington DC vom „US Patent and Trademark Office“ veranstaltet wurde – „Copyright Policy, Creativity, and Innovation in the Digital Economy“ (Details finden sie hier). Ich habe mir den Webcast angesehen, ein Teilnehmer der Konferenz war John Lapham, Senior Vice President und General Counsel bei Getty Images.

Hier ist das Video:

Wenn sie zur vorspulen zu Minute 19:10 im Video, beginnt die Diskussion über unser Thema.

Lapham bemerkt zuerst bezüglich des Pinterest-Abkommens:

„… ein geraumer Teil ihres Inhalts steht den Anbietern von Getty zu, und anstatt einen Schlagabtausch zu führen darüber, was mit Bildern auf Ihrer Webseite passieren sollte und was nicht, sagen wir, wenn Bilder hin- und her geschoben werden, verliert man die Metadaten, die Attribute. Und statt lauthals darüber zu streiten, ob man Bilder lizenzieren sollte oder nicht, lasst uns doch die Metadaten wieder korrekt mit diesen Bilddateien verknüpfen und lasst unseren Anbietern als Gegenleistung die Tantiemen zukommen, die ihnen für die Nutzung ihrer Inhalte zustehen. Das war das Ziel beim Bemühen um ein derartiges Abkommen…“

Die Moderatorin Ann Chaitovitz, Berater-Anwältin für das us-amerikanische Patentamt USPTO, hakte bei Lapham nach, weil alle früheren Aussagen von Getty dahingehend lauteten, dass nur für Metadaten bezahlt werden sollte. Sie wiederholte:

„Danke, ähm, also kann ich, nur zu meinem besseren Verständnis, es geht um Metadaten – Sie verknüpfen die Metadaten wieder, gab es da auch irgendeine Bezahlung oder war das, um sie für zukünftige Verwendung zu kennzeichnen?“

Lapham antwort:

“ Ahh, die Vereinbarung funktioniert so, dass äh, wir da eine Datenbank haben, eine Bilddatenbank, die, wissen Sie, Millionen von Bildern enthält, nicht nur unsere, sondern von Wettbewerbern, anderen Unternehmen, und wir können die Bilddatenbank abgleichen mit einer Webseite, um herauszufinden, welche Übereinstimmungen es gibt. Und durch die Anwendung dieser Erkennungstechnologie können wir sagen, wissen Sie, wir können sagen, wenn wir beispielsweise die UPSTO-Webseite nehmen, dass Sie dort 110.000 Fotos von Getty Images vorhalten, und diese Bilddateien haben keine Metadaten mehr, wir verknüpfen diese Metadaten wieder und die Gebühr, die dafür verlangt werden kann, könnte auf einer Basis pro Bild pro Monat erfolgen, so dass die Person, die das Werk geschaffen hat, im Gegenzug dafür entlohnt werden kann.“

Lapham bringt mehrere Argumente. In seinem Eingangsstatement:

“ lasst unseren Anbietern als Gegenleistung die Tantiemen zukommen, die ihnen für die Nutzung ihrer Inhalte zustehen.“

In seinem Folgebeitrag führt er aus:

“ wir verknüpfen diese Metadaten wieder, und die Gebühr, die dafür verlangt werden kann, könnte auf einer Basis pro Bild pro Monat erfolgen, so dass die Person, die das Werk geschaffen hat, im Gegenzug dafür entlohnt werden kann.“

Demnach ist die verlangte Gebühr für das Wiederverknüpfen der Metadaten? Wenn er sagt, „die Gebühr die dafür verlangt werden kann„, dann bezieht er sich offensichtlich auf die Tätigkeit im gleichen Satz davor: “ wir verknüpfen diese Metadaten wieder“ und dann, bezieht sich das „dafür entlohnt werden kann„, bezieht sich das „dafür“ auf das „dieses Werk geschaffen haben“ oder auf das Wiederverknüpfen?

Warum ist das wichtig?

Nun, in dem Vertrag von Getty Images übertragen die Anbieter ihr Recht, gegen eine Rechtsverletzung zu klagen oder Ansprüche zu erheben:

1.11 Recht auf Wahrnehmung von Rechtsansprüchen. Getty Images erhält das Recht nach bestem kaufmännischem Ermessen zu entscheiden, ob und in welchem Umfang gegen Dritte wegen unbefugter Verwendung „Akzeptierter Inhalte“ vorgegangen werden soll. Sie ermächtigen Getty Images und die Vertriebspartner, auf deren Kosten das exklusive Recht, jedwede Ansprüche im Zusammenhang mit Verletzungen des Copyrights an „Akzeptierten Inhalten“ und einem dazugehörenden geistigen Eigentum („Ansprüche“) geltend zu machen, zu regeln, beizulegen und abzuwehren.“

Wir stellen hier eine feinsinnige, aber schwerwiegende Frage. Lapham verdeutlicht, dass Bilder von Anbietern von Getty Images einen guten Teil der Bilder bei Pinterest ausmachen. Bis zu dem Abkommen war die Existenz dieser Bilder ein Verstoß gegen das Copyright der Eigentümer der Bilder.

Getty stellt fest, dass man nicht in einen Schlagabtausch mit Pinterest gehen will. Wir sprechen von Millionen von Bildern, und der Unterschied, was ein Fotograf als Anteil an der Metadaten-Gebühr im Gegensatz zu einem Einkommensanteil an einer Bild-Lizenz erhalten würde, könnte Millionen von Dollar ausmachen, die auf Kosten der Anbieter im Säckel von Getty landen, nur aufgrund der Art und Weise, wie die Vereinbarungen zwischen Getty und Pinterest sowie zwischen Getty und seinen Anbietern abgefasst sind.

Es scheint mir hintersinnig, ein Abkommen anzukündigen, bei welchem sich das Einkommen nach den Metadaten richtet, aber dann – auf einer keinem allzu breiten Publikum bekannten Veranstaltung, deren Beiträge nicht in zahllosen Presseartikeln wiederholt werden – eine abweichende Antwort dahingehend zu erhalten, dass Getty tatsächlich für Bildlizenzen bezahlt wird, was sie wiederum zu einem höheren Anteil den Anbietern verdanken. Offensichtlich hatte die Moderatorin ein anderes Verständnis, als sie die Frage stellte, und sie ist eine hochgeschätzte Anwältin, die die Regierung in Fragen des geistigen Eigentums berät, weshalb es durchaus von Bedeutung ist, dass sie verwirrt war von dem, was Lapham im Widerspruch zu dem zuvor angekündigten Abkommen sagte.

So lautet die offene Frage, auf deren Beantwortung die Anbieter von Getty Images einen Anspruch haben:
„Erhalten wir eine Vergütung für unseren „Akzeptierten Inhalt“ (d.h. Fotografien) oder erhalten wir eine Vergütung für Metadaten?“

Lapham verdeutlichte, dass diese bedingt sind durch deren Abgaben für die Nutzung ihrer Inhalte.

Die Frage die sich daraus ergibt, ist:
„Wie hoch sind die Bruttoeinnahmen pro lizenziertem Foto und wie hoch sind die Bruttoeinnahmen für das Wiederverknüpfen und die Anzeige der Metadaten.?“

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Dieser Artikel ist eine Übersetzung des Artikels „Deception? Getty Images & The Pinterest Deal“ aus dem Blog „Photo Business News“ von John Harrington. Die Übersetzung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ich habe zum besseren Verständnis einige Links eingefügt und teilweise einige Stellen anders markiert.

Argumente für und gegen Wasserzeichen in Online-Fotos

Der Fotograf Till Erdmenger hatte vor einigen Wochen in seinem Blog einen Artikel über das Auffinden nicht lizenzierter Fotos geschrieben.

Darin fiel mir folgender Absatz besonders auf:

„[…] Bei Fotografen wird immer wieder darüber diskutiert, wie man sich vor dem Bilder-Klau schützen kann. Oft lautet der Tenor: Man müsse ein Wasserzeichen auf die Bilder montieren. Stimmt grundsätzlich, ist aber vollkommen kontraproduktiv. Mit einem dicken Copyright-Hinweis schrecke ich vielleicht einige Bilderdiebe ab, es wird aber noch immer genug andere geben, die diese Bilder vollkommen schmerzfrei für eigene Zwecke einsetzen. Wichtigster Punkt: Wasserzeichen sind eine würdelose Verschandelung schöner Fotos.

Interessanterweise kommt in Unternehmen – völlig zu recht – niemand darauf, die aufwändig produzierten Werbefotos oder Imagemotive mit riesigen Urheberrechtshinweisen zu „verschönern“. An dieser Stelle ist man sich offenbar vollkommen einig, dass solche Wasserzeichen nichts auf einem Foto zu suchen haben. […]“


Ich war sehr erstaunt zu lesen, dass sich ein professioneller Fotograf gegen die Verwendung sichtbarer Wasserzeichen im Bild ausspricht. Aber nachdem ich im zweiten Absatz den Vergleich mit Werbefotos gelesen habe, wurde mir langsam klar, warum er zu diesem Thema vielleicht eine andere Meinung hat als ich.

Till ist „Businessfotograf“, er verdient sein Geld also hauptsächlich durch Fotoaufträge von Firmen, für die er Portraitfotos der Mitarbeiter, Bilder der Betriebsfeier und so weiter fotografieren soll. Er bekommt sein Geld also von den Firmen, liefert die Bilder ab und hat keine Verluste, wenn das Bild von der Firmenwebseite unerlaubt im Netz vervielfältigt wird.

Selbst bei Beispielfotos auf seiner Webseite braucht er wenig Angst zu haben, dass diese kopiert werden. Denn selbst wenn das der Fall wäre, werde er dadurch vermutlich nicht weniger Aufträge erhalten, denn die Referenzfotos auf seiner Webseite bleiben ihm ja erhalten.

Ähnlich sieht das bei den Werbekunden in seinem Blog-Beispiel aus. Die Firmen bezahlen viel Geld für ihre Werbefotos und bezahlen noch mal viel Geld, um diese Werbebilder möglichst attraktiv in Zeitungen, auf Litfaßsäulen, Plakatwänden und im Internet zu platzieren. Jeder, der ein Werbefotos irgendwo – unerlaubt – im Netz postet, hilft dem Unternehmen dadurch etwas, weil es bei Werbefotos, wie der Name schon sagt, kostenlose Werbung ist, wenn diese irgendwo gezeigt wird, ohne dass das Unternehmen dafür zur Kasse gebeten wird. Neuerdings geben Firmen ja sogar viel Geld aus, um diese organische Verbreitung im Internet durch zufällige Webnutzer möglichst echt aussehen zu lassen (Stichwort „virales Marketing“)

Bei einigen Fotografen liegt der Fall jedoch anders. Wenn Fotografen weniger durch Fotoaufträge Geld verdienen, sondern mehr durch den Verkauf ihrer fotografischen Werke selbst, wird die unerlaubte Nutzung im Internet zu einem größeren Problem. Betroffen hiervon sind zum Beispiel ganz stark die Stockfotografen, aber auch Fotografen, die ihre Bilder als Poster, Postkarten, Kalender etc. verkaufen.

Ein sichtbares Wasserzeichen auf dem Foto markiert damit das zu verkaufende Produkt, ähnlich wie es eine elektronische Diebstahlsicherung im Laden macht. Wird das Bild mit der Markierung benutzt, kann erstens davon ausgegangen werden, dass die betreffende Person das Foto nicht legal lizenziert hat (wobei ich in letzter Zeit einige Fälle hatte, bei denen selbst das nicht zutraf) und zweitens wirkt dann das Wasserzeichen wie eine Art Hinweis, wo das „Originalprodukt“ ohne die unschöne Markierung gegen Bezahlung erhältlich ist.

Diesen „Werbeeffekt“ eines sichtbaren Wasserzeichens verschenken Profi-Fotografen, die ihre Bilder ohne Wasserzeichen ins Netz stellen. Damit hätten sie selbst im Falle einer unerlaubten Verbreitung im Internet trotzdem noch einen kleinen Vorteil, der die unerlaubte Handlung zwar nicht aufwiegt, aber immerhin in ihrer negativen Wirkung etwas mildert.

Ob ein Fotograf lieber diese Werbewirkung und einen rudimentären Schutz ihrer Bilder mit Wasserzeichen haben mögen oder lieber darauf verzichten und sich gegen die „würdelose Verschandelung“ der eigenen Bilder entscheiden, damit die Fotos schöner wirken, dass muss jeder selbst entscheiden.

Wie macht ihr das: Bilder mit sichtbaren Wasserzeichen oder ohne? Und warum?

Studie: Social Media Webseiten entfernen Copyright-Informationen

Viele Social Media-Webseiten, welche das Hochladen von Bildern anbieten, entfernen dabei Copyright-Informationen und andere Metadaten. Zu diesem Schluss kommt eine Praxis-Studie des IPTC-Councils, welches für die Einhaltung des IPTC-Metadaten-Standards verantwortlich ist.

Für Fotografen ist die Erkenntnis nicht mehr überraschend, aber diese geballten Dreistigkeiten als Übersicht präsentiert zu bekommen, zeigt gut, wie ignorant viele deser Seiten mit Urhebern umgehen.

Zum Vergrößern das Bild anklicken

Im Zeitraum vom Oktober 2012 bis März 2013 hat eine Arbeitsgruppe des IPTC-Councils fünfzehn Webseiten getestet, indem dort mit Metadaten (EXIF/IPTC) versehene Bilder hoch- und runtergeladen wurden. Danach wurde geschaut, welche Metadaten auf der Webseite selbst angezeigt werden und welche nach dem Runterladen noch im Bild vorhanden waren. Getestet wurden unter anderem Facebook, Twitter, Flickr, Google+, Pinterest, 500px, Tumblr und mehr.

Die Ergebnisse

Die linke Spalte zeigt an, welche Daten auf der Webseite korrekt angezeigt werden, die mittlere Spalte zeigt, welche Daten im Bild blieben, wenn das Bild mit der Funktion „Speichern als…“ runtergeladen wurde und die rechte Spalte zeigt, welche Informationen erhalten blieben, wenn ein Download-Button o.ä. genutzt wurde, sofern dieser auf der Webseite angeboten wird.

Ein grüner Kreis zeigt an, dass alle Anforderungen erfüllt wurden, ein gelber Kreis zeigt, dass einige Anforderungen erfüllt wurden und der rote Kreis markiert ungenügende Ergebnisse, die verbessert werden sollten. Grau bedeutet, dass dieser Bereich nicht getestet wurde.

Die Auswertung

Erstaunlich ist, dass KEINE einzige Webseite komplett im grünen Bereich liegt. Bei genauerer Betrachtung der Versuchsanordnung würde ich das aber auch nicht so eng sehen, weil zum Beispiel der grüne Punkt bei der Copyright-Anzeige nur vergeben wurde, wenn alle vier IPTC-Copyright-Felder (Titel, Ersteller, Copyright-Vermerk und Credit) angezeigt werden. Da bei mir zum Beispiel Ersteller, Copyright und Credit sehr ähnlich sind, reicht mir da schon die gelbe Markierung.

Insofern hat Google+ am besten abgeschnitten was die Beibehaltung der Metadaten angeht, gefolgt von Dropbox. Am schlimmsten sieht ironischerweise bei den meistgenutzten Diensten Facebook, Flickr und Twitter aus. Dort werden Metadaten und Copyright-Informationen gnadenlos aus den Fotos gelöscht. Dabei schreiben sowohl Vorschriften der Europäischen Union als auch der USA vermeintlich klar vor, dass Urheberrechtsinformationen nicht aus digitalen Medien entfernt werden dürfen. Leider hat sich schon bei anderen Themen wie Datenschutz gezeigt, dass Facebook & Co. sich recht wenig um Gesetze scheren.

Die Lösung

Eine Lösung für das Problem liegt auf der Hand: Die betreffenden Webseiten nicht nutzen. Da aber Fotografen Social Media-Webseiten vorteilhaft für die Kundenpflege oder das Akquirieren von Aufträgen nutzen können, ist das nicht immer der beste Weg. Bis dahin bleibt wohl nur die Möglichkeit, eigene Fotos immer nur in kleiner Auflösung und mit einem sichtbaren Urheberrechtsvermerk auf den Bildern auf solche Webseiten zu laden. Ich habe einmal den Fehler gemacht, das nicht zu tun und sofort wurde das Bild massenhaft illegal im Netz verbreitet.

Wie geht ihr mit Social Media-Seiten um?

(M)Ein Diskussionsbeitrag zur Reform des Urheberrechts

Durch den Erfolg der Piratenpartei hat sich die Diskussion über das aktuelle Urheberrecht zugespitzt. Die Spannbreite reicht von der Forderung, das Urheberrecht komplett abzuschaffen, über eine radikale Reform wie sie die AG Urheberrecht der Piraten fordert bis hin zur vehementen Verteidung des Urheberrecht durch Künstler (und *hüstel* durch CDU-Politiker).


Heute will ich einige der bisherigen Debattenbeiträgen verlinken und diskutieren. Denn auch wenn – oder besser: genau weil – ich als Fotoproduzent meine Einnahmen fast komplett durch das Urheberrecht erziele, gibt es sicher einige Punkte, die refomiert werden könnten. Und hier hilft es nichts, die Augen vor der erhitzten Diskussion zu verschließen und auf das Beste zu hoffen.

Einige Autoren haben schon angefangen und selbst Vorschläge in die Debatte eingebracht. Am interessantesten finde ich die folgenden Artikel, die ich jedem zur Information ans Herz lege, auch wenn die Inhalte vielleicht nicht alle erfreuen werden.

  • Bertold Seliger fordert im Freitag: „Schneiden wir den Kuchen neu an„. Neben einigen groben inhaltlichen Fehlern wie einer zu kurzen Patentdauer (in Wahrheit 20 statt 15 Jahre) und einem falsch dargestellten GEMA-Verteilungsschlüssel schlägt er fünf spannende Punkte zur Reform vor: Die Schutzdauer der Werke, ein Opt-In-Verfahren, eine automatische Rückübertragung an Urheber von verkauften Rechten, ein neuer Verteilungsschlüssel für Abrechnungssysteme und eine „Fair Use“-Klausel.
  • Janosch Schobin schlägt in der tageszeitung im Text „Der Sharer ist die Zukunft“ vor, die momentan illegalen Filesharer komplett zu umarmen und ihr Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit durch eine Art Schnellballsystem finanziell auszunutzen.
  • Keine Lösungsvorschläge aber eine Bestandsaufnahme der bisherigen Probleme bietet heise.de im Text „Urheberrecht: Neuer Gesellschaftsvertrag statt Kontrolle und Strafe?„.
  • Ebenfalls im Freitag analysiert Wolfgang Michael die Positionen der Piratenpartei zum Urheberrecht, was ebenfalls sehr hilfreich für eine Diskussion ist.
  • Daraufhin ruderte die Piratenpartei etwas zurück und ruft jetzt zu einer „offenen Diskussion“ über das Urheberrecht auf. Im gleichen Text stellt sie auch deutlich die zwölf Eckpunkte ihrer Urheberrecht-Forderungen dar.

Gut, nehmen wir sie beim Wort.

Eine der zentralen Reformforderungen der Piratenpartei (und siehe oben auch von Bertold Seliger) ist die Verkürzung der Schutzdauer urheberrechtlich geschützter Werke. Diese beträgt zur Zeit 70 Jahre und sie soll auf 10 Jahre gekürzt werden. Das halte ich für zu viel. Als häufig benutztes Beispiel werden hier die Erben von Bertolt Brecht herangezogen, die auch lange nach Brechts Tod oft Aufführungen seiner Werke verbieten, wenn ihnen die Interpretation nicht „werkgetreu“ genug ist. Dabei übersehen die Kritiker der Schutzdauer den eigentlichen Sinn dieser Klausel. Wer zu Lebzeiten eine Fabrik aufbaut, kann diese an seine Kinder und Enkel vererben, damit diese durch die harte Arbeit des Fabrikanten abgesichert sind. Bei Künstlern dient diese Schutzdauer der finanziellen Absicherung. Eine Verkürzung auf 50 Jahre könnte ich mittragen, zehn Jahre sind zuwenig.

Eine sehr elegante Idee ist die Opt-In-Variante. Das bedeutet, dass nur die Werke urreberrechtlichen Schutz genießen würden, die aktiv vom Urheber bei einer zentralen Stelle registriert wurden. Damit könnte ich sehr gut leben, unter der Bedingung, dass die Registrierung schnell und einfach geht und keine Kosten anfallen. So würde eine Hürde geschaffen, die viele Hobby-Fotografen davon abhalten würde, alle ihre Urlaubsbilder zu registrieren, aber gleichzeitig niedrig genug ist, dass ernsthaft arbeitende Newcomer-Bands z.B. sich die Registrierung leisten können.

Ein weiterer Punkt in der Debatte ist die sogenannten Kulturflatrate. Analog zum fahrscheinlosen Nahverkehr und dem Grundeinkommen soll mit einer Pauschalabgabe die Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken ermöglicht werden. Im Grunde werden damit Abo-Modelle beschrieben. Diesen Ansatz finde ich einerseits begrüßenswert, er hat aber vor allem zwei Schwachstellen. Die erste ist: Abo-Modelle gibt es schon zuhauf, für Musik gibt es z.B. Flatrates von Simfy, Rara, Musicload, Napster oder Spotify und trotzdem wird Musik illegal runtergeladen. Für Fotos gibt es unschlagbar günstige Abo-Modelle von Shutterstock, Fotolia, Depositphotos und so weiter, trotzdem kopieren Internetnutzer fröhlich und ungefragt Fotos, ohne zu bezahlen. Bücher können in Bibliotheken gegen eine Jahresgebühr kostenlos ausgeliehen werden, trotzdem beklagen sie Besucherrückgänge. Nur bei Filmen sieht das Angebot mit iTunes, Lovefilms oder Maxdome deutlich schlechter und teurer aus.

Die zweite Schwachstelle ist aber der Verteilungsschlüssel. Im Grunde begünstigen alle Abo-Modelle einerseits die großen Urheber, also Madonna oder die Rolling Stones bei Musikern, Yuri Arcurs oder Monkeybusiness bei Fotos und so weiter, weil sich die geringen Beträge nur über viel Masse zu einer lukrativen Einnahme addieren und diese Masse haben nur die, welche lange genug im Geschäft waren, um sie produzieren zu können. Andererseits verdienen bisher bei nicht eingelösten Abos (z.B. werden nur 100 von 300 erlaubten Fotos im Monat runtergeladen) nur die Dienste-Vermittler, nicht die Urheber. Mit einer Stärkung von Abo-Modellen würde sich die Schere zwischen Urhebern und Verwertungsgesellschaften also weiter öffnen statt sie zu schließen, was ja auch ein erklärtes Ziel der Piraten ist.

Die von Piraten gerne angeführte Kluft zwischen den „armen“ Künstlern und den „fiesen“ Verwertungsgesellschaften übersieht etwas: Die Mitgliedschaft sowohl in der GEMA als auch in der VG Bild-Kunst oder VG Wort ist freiwillig. Jedem Künstler steht es frei, ob er den Service dieser Gesellschaften nutzen will oder darauf verzichtet. Es sieht so als hätten die Piraten größere Probleme mit der GEMA als die Künstler selbst. Dafür wird notfalls gerne die Nazi-Keule aus dem Sack geholt. Eine Art Verwertungsgesellschaften gibt es auch in der Stockfotografie: Jeder Fotograf könnte selbst seine Fotos anbieten, statt eine Bildagentur zu nutzen, die dafür bis zu 85% der Umsätze für sich behält. Aber wenn die Piratenpartei einen Vorschlag hat, wie die Honorarverteilung gerechter zugunsten der Künstler geregelt werden soll, bin ich ganz Ohr. Ich befürchte nur, dass die international verstreuten Bildagenturen neue deutsche Gesetze nur milde lächelnd aus der Ferne betrachten würden.

Der nächste Punkt ist die geforderte „Fair Use“-Klausel. Die Nutzung von urheberrechtsgeschützten Werken für Wissenschaft, Bildung, Kinder und andere hehre Ziele soll automatisch und ungefragt erlaubt sein, am liebsten natürlich kostenlos. Gegen die automatische Erlaubnis habe ich nichts. Bei der Forderung nach kostenloser Nutzung muss jedoch differenziert werden. Es gibt etliche Beispiele, dass z.B. auch mit der Förderung von Wissenschaft viel Geld verdient werden kann. Aktuelles Beispiel ist der Streit um die Zeitschriftengebühren des Elsevier-Verlags, aber auch Schulbuchverlage wie Westermann verdienen gut. Warum sollten die Urheber ihre Werke kostenlos für solche Zwecke zur Verfügung stellen, wenn nur andere dann daran verdienen?

Der Kern der ganzen Urheberrechtsdiskussion ist aber ein anderer, nur explizit wird er selten genannt. Im Grunde geht es doch darum, dass Nutzer von urheberrechtlich geschützten Werken mehr Rechte bekommen und weniger zahlen sollen. Zumindest ist mir bisher kein Vorschlag aufgefallen, bei dem das Resultat unter dem Strich anders gewesen wäre. Da stellt sich automatisch die Frage, wie die Verluste der Künstler kompensiert werden könnten. Darauf wird jedoch keine Antwort geliefert und stattdessen polemisch auf künstlerische Großverdiener verwiesen, als würden diese repräsentativ für alle Künstler sein.

Welche Rechte machen die Verfechter einer Urheberrechtsreform jedoch geltend? Das Recht auf Bildung, Kunst, Kultur und Wissenschaft? Es gibt genug Geschäftsbereiche, die von dem Urheberrecht leben, ohne auch nur im Geringsten künstlerisch tätig zu sein. Software-Firmen sind ein Beispiel, Dieter Bohlen und seine DSDS-Klone ein anderes und wenn wir ehrlich sind, sind auch die meisten Stockfotos eher gut produzierte Klischees als Avantgarde-Fotokunst. Warum sollten Leute ein Recht bekommen, diese Produkte frei zu nutzen, nur weil sie digital vorliegen?

Philosophisch angehauchte Reformer behaupten ja (auch hier im Blog), dass digital Produkte nur Kopien seien und durch eine möglichst häufige, kostenfreie Weitergabe kein Schaden entstünde. Gerne wird dabei übersehen, dass zur Herstellung dieser digitalen Produkte trotzdem genügend Sachwerte notwendig sind. Bei Fotos beispielsweise Kamera, Objektive, Blitze, Models, Requisiten, Locations und vieles mehr. Mit diesen Kosten wären viele Bilder nicht verkäuflich, wenn die gesamten Kosten mit einem einzigen Verkauf abgedeckt werden müssten. Stattdessen wird das Bild mehrmals verkauft und die Käufer teilen sich sozusagen die notwendigen Kosten. Wer aber wie die Piratenpartei das Recht auf Privatkopien stärken will, meint heutzutage – da ja fast alle Medien digital vorliegen nichts anderes als kostenlose Filme und Musik. Das trifft natürlich die Branchen, die sich an Endverbraucher richten, ins Mark.

Solange diese offenen Fragen nicht geklärt sind, finde ich ein Urheberrecht, so wie es jetzt ist, besser. Das heißt aber nicht, dass im Laufe der Debatte vielleicht spannende Vorschläge aufkommen könnten, mit denen sich auf die Urheber selbst anfreunden können.

Was sagt ihr dazu? Welche Vorschläge findet ihr sinnvoll, welche nicht und warum? Ich bitte aus gegebenem Anlass diesmal ausdrücklich um eine sachliche Diskussion.