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Interview über reportagen.de mit Michael Krabs

Ständig gibt es neue Bildagenturen, die meisten wollen einfach nur unsere Bilder, ohne ein Alleinstellungsmerkmal bieten zu können. Deswegen habe ich aufgehorcht, als der Gründer der bekannten deutschen Bildagentur Zoonar ein neues Projekt auf die Beine gestellt hat, bei dem es nicht nur um Fotos, sondern auch um Texte geht. Herr Krabs erklärt in einem Interview mit mir die Details.

Screenshot der Seite reportagen.de

Hallo Herr Krabs, stellen sie sich bitte mal kurz vor.

Ich bin Jahrgang 1970, habe zwei Kinder und nach dem Studium zuerst zwei Jahre als Dozent, dann ca. 12 Jahre lang als freier Journalist gearbeitet. In diesem Zeitraum hatte ich bereits eine „Reportageagentur“ mit dem Namen TBKmedia. Das TBK stand für „Text-Bild-Konzept“. Das ganze lief eine lange Weile sehr gut. Dann kam der große Medienumbruch: Rückgang der Honorare, Digitalisierungswelle, Printkrise, Microstock usw. Gleichzeitig waren Natur- und Umweltthemen in den Medien deutlich weniger gefragt. Ich wurde mit Foto-DVDs geradezu überschüttet und wusste nicht mehr, wie ich das Ganze ohne Datenbank handhaben sollte. Zuvor mussten sich Fotografen ja entscheiden, an wem Sie ein Originaldia schickten und gute Scans waren sehr kostspielig. Jetzt reichte ein Mausklick, um alle Fotos an zig verschiedene Agenturen zu verteilen. Bei mir häuften sich die Foto-DVDs und ich hatte keine Idee, wie ich damit ohne eine neue technische Lösung umgehen sollte.

Ich habe daher im Jahre 2006 vier Büronachbarn (darunter drei Entwickler) angesprochen und wir haben zusammen die Bildagentur Zoonar GmbH als Antwort auf die neue Marktentwicklung gegründet. Dieses Projekt hat sehr viel Zeit und Kraft gekostet, entwickelt sich jetzt aber ganz ordentlich. Für meine eigentliche Arbeit hatte ich aber seitdem kaum noch Zeit. Zudem erschien sie wenig attraktiv, aufgrund der neuen Marktentwicklungen.

Seit 1-2 Jahre habe ich die Idee gehabt, auch für Reportagen ein Portal aufzubauen. Dieses Vorhaben habe ich jetzt mit privaten Mitteln in die Tat umgesetzt. Ein hohes Risiko, aber ich habe einfach wieder Lust als Journalist zu arbeiten. Außerdem sehe ich enorme Chancen an der Schnittstelle zwischen Fotografie und Text einerseits und neuen Vertriebsmöglichkeiten andererseits. Die erste Version von Reportagen.de ist jetzt online. Ich freue mich sehr darüber. Aber wir haben gerade erst begonnen.

Michael Krabs, Gründer von reportagen.de

Bei reportagen.de werden nicht nur Bilder verkauft, sondern komplette Reportagen, also Bildserien mit dazu passendem Text. Was genau soll angeboten werden?

Die Idee ist folgende: Fotografen haben oft Bildstrecken, die sich journalistisch gut verwerten lassen. Aber nur die wenigsten schreiben gerne. Das übernehmen wir dann. Journalisten wiederum haben oft Texte, aber es fehlen Fotos. Auch diese Arbeit übernehmen dann wir, d.h. wir suchen passende Fotos zu den Texten. Dafür greifen wir u.a. auf die Fotos der Bildagentur Zoonar zurück, die für den Partner Reportagen.de freigegeben wurden. Wir sprechen bei Bedarf aber auch registrierte Fotografen an. Es entsteht eine Win-Win-Situation.

Ein weiterer Punkt: Die Redaktionen haben wenig Zeit und sind personell oft schwach besetzt. Daher ist es ein Vorteil, wenn man komplette Themen aus Foto, Text, Grafik usw. ausliefern kann. Reportagen.de ist die Schnittstelle, die alle Arbeiten übernimmt damit aus einzelnen Bestandteilen (Fotoserien, Texten usw.) komplette Artikel werden.

Weitere Einsatzfelder sind: Content Marketing, Corporate Publishing, Online Marketing usw. Hier nehmen wir Aufträge und verteilen die einzelnen Tätigkeiten dann an unsere registrierten Mitgliedern. Reportagen.de fungiert dabei wie eine Zentralredaktion und/oder Projektmanagement. Aufgrund meiner großen Erfahrungen in diesen Bereichen, macht das auch Sinn.

Und noch eine Neuigkeit: Ich glaube, dass Journalisten und Fotografen in Zukunft mehr Content direkt an Kunden/Leser verkaufen werden. Über APPs, EBooks, PDFs, mobile Verwendungen usw. In diesem Bereich sehe ich gute Zukuntschancen, dieser Markt entwickelt sich gerade erst. Hier suchen wir gerade einen Investor.

Wie sieht der Bestand aktuell aus?

Derzeit sind rund 700 Features und Reportagen online. Tendenz stark steigend.

Können Fotografen auch nur Texte oder Bildstrecken liefern?

Nur Texte zu liefern ist immer möglich. Das kommt aber eher bei Journalisten vor. Nur Fotostrecken geht auch. Wir brauchen aber oft einige Infos dazu. Also Angaben über Zeit, Aufnahmeort, besondere Ereignisse usw. Diese Infos können auch in eine Mail getippt werden. Den Text schreiben wir dann.

Wie sieht die Honorarverteilung aus?

Wir zahlen 70% des Honorares bei Fotostrecken. Bei Texten ebenfalls 70%, wenn diese unverändert übernommen werden. Wenn wir einen Text umschreiben, weil beispielsweise die Redaktionen einen anderen Stil sucht, dann zahlen wir 50%.

Es kann also so laufen: Ein Fotograf liefert eine Bildstrecke, ein Journalist schreibt einen Text dazu. Der Fotograf erhält 70% vom Bildhonorar, der Journalist 70% vom Texthonorar, Reportagen.de 30% vom Gesamthonorar. Liefert ein Fotograf einen Text, den wir bearbeiten müssen, säe es so aus: Fotos 70%, Text 50%.

An was orientiert sich der Verkaufspreis der Reportagen und in welcher Höhe liegt der ungefähr?

Wir haben feste Preise, die wir online abbilden. Jedoch wird in der Regel mit den Redaktionen verhandelt. Es geht dann um Auflagen, Textlänge, Anzahl der abgebildeten Fotos, E-Paper-Zweitverwertungen usw. Viele große Verlage haben auch feste Pauschalsätze für Texte und Fotos. Diese werden dann in der Regel akzeptiert. Für exklusive Stories kann man aber auch mehr raushandeln. Die Preise auf unserer Homepage zeigen einen guten Mittelwert des Gesamthonorars. Spiegel und Stern zahlen natürlich mehr, das Pinneberger Tageblatt eher weniger.

Was gibt es zu beachten? Müssen die Einlieferungen z.B. exklusiv sein?

Nein. Aber wir haben eine Löschfrist von 12 Monaten. Bei exklusiven Verkäufen durch die User können wir Themen natürlich schnell sperren. Was ich aber vermeiden will, sind kurzfristige Löschungen aller Themen. Viele Redaktionen haben lange Vorproduktionszeiten und es wäre tödlich für ein junges Portal, wenn bestellte Themen dann nicht geliefert werden können. Außerdem haben wir gerade jetzt in der Anfangszeit enorme Kosten, weil wir sehr Vieles bearbeiten, aber es natürlich noch nicht viele Bestellungen gibt. Ich starte mit dem Marketing auch erst im September.

Dürfen oder müssen die Bilder bearbeitet oder retuschiert sein?

Sie dürfen, müssen aber nicht.

Auf was sollten Fotografen bei der Zusammenstellung der Bildstrecke achten? Wie viele Bilder, was für Motive, etc.?

Vier bis 30 Fotos reichen erst einmal aus. Bei Bedarf rufen wir an und stellen ein größeres Paket zusammen. Für viele Printmedien reicht eine Bildstrecke von 20-30 Themen völlig aus. Nur sehr große Magazine wollen mehr Auswahl haben.

Müssen die Texte vorher fertig geschrieben werden?

Nein, es ist üblich, dass wir Themen „anfeaturen“. Das heißt, wir bilden im Internet zwei bis drei Absätze ab. Gibt es ein Interesse, muss es aber schnell gehen. Toll wäre es daher, wenn wir alle Informationen vorliegen haben. Wir können dann bei Bedarf schnell reagieren und den Text vollenden. Möglich ist es auch, einen kompletten Text nicht vollständig im Internet abzubilden, dies erschwert das Abschreiben.

Wenn die Text nachträglich geschrieben werden, in welchem Zeitraum muss man den abliefern?

Wir brauchen Fotos und Infos immer zeitgleich, d.h. wir können keine Fotos ohne Infos einspielen. Einen Text zu vollenden ist möglich, sobald es einen konkreten Auftrag gibt. Dann sollte es aber innerhalb von 2-3 Tagen geschehen.

Im Journalismus gibt es ja die Sorgfaltspflicht. Wie wird sichergestellt, dass die Informationen der Autoren korrekt sind?

Derzeit lese ich alle Texte gegen. Was ich überprüfen kann, überprüfe ich. Es gibt natürlich Grenzen. Ich kann beispielsweise keine Aussagen aus Interviews überprüfen. Hier muss ich den Autoren vertrauen, sie haften ja auch für Ihre Texte.

Wie wird das Angebot angenommen? Gibt es schon Verlage, die regelmäßig einkaufen?

Ja, Ich habe einige Stammkunden. Aber in erster Linie werden wir über einen großen, kostspieligen Medienverteiler regelmäßig Angebote verschicken. Auch per Post. Das ist teuer, bringt aber in der Regel immer auch Bestellungen.

Der Medienmarkt ist derzeit schwach, aber gerade deshalb könnte es ein Interesse an kompletten Artikeln oder gar externen Redaktionsauslagerungen geben. Dies spart Zeit und reduziert die Kosten. Reportagen.de rechnet sich also auch für die Verlage.

Welche Art von Reportagen ist am gefragtesten?

Wir können keine kurzfristigen Themen verwenden. Also eher alles Zeitlose: Gesundheit, Tiere, Natur, Reisen, Food, Ausbildung, Bauanleitungen, Hobby, Sport usw. Aber auch Interviews sind beispielsweise langfristig verwendbar, da sie interessante Zeitdokument sind.

Vielen Dank für das Interview.

Gerne.

Fotografische Nischen ohne Stockfotografie

Es gibt Fotografen und es gibt Stockfotografen.

Letztere werden von ersteren oft schräg angeschaut, als Konkurrenten, Preisdrücker, kreativlose Massenanbieter und mehr. Denn am Rückgang von Fotografieaufträgen sind nicht zuletzt die immer günstigeren Stockfotos schuld, die große Kosteneinsparung erlauben – zu Lasten der Auftragsfotografen.

Kleidung suchen
Da immer mehr Bildagenturen dazu übergehen, auch Aufträge an ihre vielen hundert bis tausend Fotografen zu vermitteln, heute ein Tipp für die Auftragsfotografen.

Wer nicht von Stockfotos, sondern von Fotoaufträgen leben will, sollte sich auf einen Bereich spezialisieren, der von Stockfotografen nicht angedeckt werden kann oder will.
Grund sind entweder die geringen Verkaufchancen über Bildagenturen oder rechtliche Hindernisse.

Nischen ohne den Konkurrenzdruck der Stockfotografie sind zum Beispiel:

  • News (für traditionelle Bildagenturen zu schnelllebig und kaum kalkulierbar, hier gibt es Spezialagenturen wie Action Press oder Picture Alliance)
  • Modefotografie (die Modestrecken in Magazinen leben davon, dass die Marken genannt und gezeigt werden dürfen – ein „No Go“ im Stockbereich)
  • Sport (rechtlich schwierig)
  • Produktfotografie (das Markenrecht verhindert sichtbare Marken in Bildagenturen)
  • Fine-Art-Drucke- hochklassige Werbung (Wo es auf Originalität und Exklusivität ankommt, helfen Bildagenturen kaum weiter)
  • Spezial-Wissenschaften (es gibg genug Fotos von Menschen in weißen Kitteln in der Stockfotografie, aber genaue Gerätebezeichnungen von Spezialapparaten oder die korrekte Wiedergabe wichtiger Arbeitsschritte ist selten)
  • Reportagen (hier gibt es Spezialagenturen wie laif, aber die Chance, genau zum gewünschten Thema fertige Fotostrecken zu finden, sind gering)

Das bedeutet nicht, dass ein Sportfotograf, wenn die Geschäfte schlecht laufen, sich gleich um den Auftrag einer Modezeitschrift bewerben sollte. Aber wer außen glücklichen Menschen oder Geschäftsleuten vor weißem Hintergrund mal etwas anderes fotografieren möchte, sollte sich eine Nische suchen, in der Stockfotos selten sind.

Mit welchen Nischen habt ihr gute Erfahrungen gemacht? Oder wo lohnt es sich wegen vieler Stockfotos nicht mehr?