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Frag den Anwalt – Folge 01: Redaktionelle Bilder ohne Model Release?

Danke für eure zahlreichen Fragen an den Anwalt Sebastian Deubelli, die uns auf verschiedenen Wegen erreicht haben.

Aus den verschiedenen Einsendungen haben wir diese erste Frage von Andreas aus der Mailbox gepickt:

Foto: Alexey Testov
Foto: Alexey Testov

„Ich biete meine Fotos u.a. bei Alamy an. Ich frage mich wieweit deren Rechtsauffassung sich mit deutschem Recht deckt. Man kann Bilder mit Personen ohne MR einstellen, diese Bilder werden dann von Alamy für „editorial use“ angeboten. Kann man das so machen auch wenn die Personen das Hauptmotiv auf dem Bild sind, z.B. ein Ruder-Achter auf dem Fluss, Leute klar erkennbar?

Wäre das in Deutschland legal oder fragwürdig ? Deutschen Agenturen würde ich die Bilder so nicht anbieten, da achte ich darauf, dass Personen nicht erkennbar bzw. in grösserer Zahl auf dem Bild sind, Beiwerk.“

Die Antwort:
Der Vertrieb von Bildern ohne Model Release (MR) mit dem Hinweis, dass die Bilder nur für redaktionelle Zwecke verwendet werden dürfen, ist auch bei deutschen Bildagenturen durchaus verbreitet. Die Ursache hierfür finden wir ausnahmsweise auch wirklich mal im Gesetz, konkret im § 23 KunstUrhG.

Dort lesen wir:

„(1) Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden:
1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte;
2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen;
3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben;
4. Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient.“

Die Alternative, die Deine Frage beantwortet, ist die Ziffer 1, die es gestattet, Persönlichkeiten der Zeitgeschichte ohne die ansonsten erforderliche Einwilligung – also auch ohne MR – abzubilden.

Hier wird oft missverstanden, dass es irgendwie um prominente Persönlichkeiten gehen müsste, damit Bilder ohne die dazugehörige Einwilligung verwenden können. Das ist allerdings nicht erforderlich.

So hat etwa der BGH 2014 entschieden (wer es ganz genau wissen will, hier das Urteil), dass auch ein kleines Mieterfest ein ausreichend „prominentes“ Ereignis darstellt und Fotos von Teilnehmern auch ohne deren Einwilligung zum Zweck der Berichterstattung über die Veranstaltung verwendet werden dürfen. Auf diese zweckgebundene Verwendung der Bilder zur Berichterstattung über ein konkretes Ereignis stellen die meisten Klauseln der Bildagenturen ab, wenn von „editorial“ oder „redaktioneller Verwendung“ die Rede ist.

Doch selbst wenn die Agentur Deine Bilder ohne MR anbietet und sich nicht innerhalb der Alternative der Bildnisse aus dem Bereich der Zeitgeschichte bewegt, ist das unproblemtisch, solange sie dem Käufer nicht vorgaukelt, die Klärung der Persönlichkeitsrechte sei erfolgt. Genau das schließt etwa Alamy in den Nutzungsbedingungen aus, in denen es hier zur Freigabe heißt:

„Informationen zu Freigaben

Alamy gibt keinerlei Zusicherungen oder Gewährleistungen dafür, dass Freigaben für das Bild-/Videomaterial eingeholt wurden.

(…) Sie müssen sich selbst vergewissern, dass jegliche erforderlichen Freigaben für die Nutzung des Bild-/Videomaterials erteilt wurden. Sie tragen die alleinige Verantwortung für die Einholung dieser Freigaben, und die Nutzungslizenz setzt in jedem Fall die Einholung voraus. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Freigaben für die Nutzung des Bild-/Videomaterials erforderlich sind, obliegt es Ihnen, bei den zuständigen Parteien nachzufragen. Sie dürfen sich nicht auf eine von Angestellten oder Vertretern von Alamy gemachte Zusicherung oder Gewährleistung verlassen, soweit sie nicht in dieser Vereinbarung festgehalten sind.“

Alamy erklärt die Bedeutung der Releases übrigens auch recht ausführlich seinen Bildlieferanten/Fotografen auf dieser eigens dafür eingerichteten Unterseite zum MR und PR.

Was natürlich immer funktioniert, ist die Verwendung von Bildern, auf denen die Person nicht erkennbar ist. Dann brauche ich schon die nach § 22 KunstUrhG erforderliche Einwilligung nicht und muss mich nicht mit Ausnahmevorschriften hierzu herumschlagen. Für die Frage der Erkennbarkeit stellt man als eine Art Faustformel übrigens darauf ab, ob ein erweiterter Bekanntenkreis – also etwa Arbeitskollegen – die abgebildete Person erkennen würden.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass ich größere Gruppen stets ohne Einwilligung der Abgebildeten fotografieren darf. Hier funktioniert vor allem die weit verbreitete starre Faustformel („ab 5, 7, 11 Leuten brauche ich kein MR“) nicht. Die Rechtsprechung nimmt an der Stelle vielmehr eine Einzelfallbetrachtung vor, die sich eben nicht an solchen absoluten Zahlen festmachen lässt, sodass auch bei größeren Gruppen eher ein MR eingeholt werden sollte als sich auf dieses weit verbreitete Gerücht zu verlassen.

Müsste ich die Ausgangsfrage in einem Satz beantworten, würde dieser lauten:
Solange die Agentur dem Kunden kein MR verkauft, wo keines ist, sehe ich auch nach deutschem Recht kein Problem darin, Bilder ohne MR in die Hände dieser Agentur zu geben.

Über den Autor:
Sebastian Deubelli ist Anwalt spezialisiert auf Medien- und Urheberrecht in der Nähe von München.

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Hier findest Du mehr Infos.

Frag den Fotograf: Lohnen sich die Microstock-Editorial-Angebote für mich?

Vor einer Weile hatte ich folgende Mail von dem Studenten Till Scheel im Postfach:

„Sehr geehrter Herr Kneschke,

ich stehe momentan vor einer schwierigen Entscheidung, und da Sie in Ihrem Blog immer so hilfreich Auskunft geben, dachte ich, Sie könnten mir womöglich einen Tipp geben.

Als ich vor knapp drei Jahren mit dem Photographieren begonnen habe, hatte ich ein paar Bilder bei verschiedenen Microstock-Seiten hochgeladen (istock, Dreamstime), um zu sehen, ob sie angenommen werden. Einige Bilder wurden angenommen und haben sich inzwischen auch schon verkauft. Mir hat an dem Microstock-System immer die Freiheit gefallen, die der Photograph bei seiner Arbeit genießt. Andererseits hat mich die Art und der Look typischer Microstock-Bilder eher wenig begeistert.

Mittlerweile bin ich so weit, dass ich Photographie (in absehbarer Zukuft) zu meinem Beruf machen möchte. Nur die Richtung, in die es gehen soll, ist noch nicht ganz klar. Ich studiere zur Zeit Japanologie und habe im Rahmen dieses Studiums etwa anderthalb Jahr in Kyoto verbracht. Bei meinem letzten einjährigen Aufenthalt habe ich meine Bildsprache weiter entwickelt und eine riesige Zahl an Bildern aufgenommen. Mir ist dabei klar geworden, welche Art von Bildern ich gerne machen möchte. Nur wie sich diese Bilder am besten zu Geld machen lassen, kann ich nicht ganz einschätzen. Abgesehen von einigen wenigen Bildern, die ich als FineArt-Drucke verkaufe, lassen sich meine Bilder wohl am ehesten in die Kategorie Travel-Photography einordnen. Ich dachte daher, es sei wohl zunächst das Beste, mich bei einer auf Reisephotographie spezialisierten Macrostock-Seite zu bewerben, und dort bei Annahme einige hundert Bilder hochzuladen. Schon alleine damit all die Bilder nicht ungenutzt auf meiner Festplatte liegen.

Nun habe ich vor kurzem per Zufall gemerkt, dass sich auch bei Microstock-Seiten Bilder als „editorial“ ohne Model- oder Property-Release hochladen lassen. Das bietet mir nun also noch eine weitere Möglichkeit, von der ich bisher nichts wusste.

Meine Frage nun an Sie:
Ich habe eine unglaublich große Menge an Bildern speziell von Kyoto, die in meinen Augen eine gute Qualität besitzen. Denken Sie, diese Bilder würden sich bei einer traditionellen, auf Reisephotographie spezialisierten Seite besser verkaufen, oder lohnt es sich auch mit solchen Bildern bei einer Microstock-Seite einzusteigen?

Ich weiss natürlich nicht, ob sich so eine Frage überhaupt mit Gewissheit beantworten lässt. Ich lese jedoch regelmäßig Ihren Blog und hoffe, dass Sie mir mit Ihren umfangreichen Branchenkenntnissen weiterhelfen können.

Mit freundlichen Grüßen,
Till Scheel“

Damit wir uns einen groben Eindruck von Tills Bildern verschaffen können, hat Till mir auf Nachfrage einige Beispiele geschickt, die ich hier gerne zeigen möchte. Mehr ist auch auf seiner Webseite kyoto-entdecken.de zu sehen. Zu Erläuterung schreibt er:

„Die drei Bilder wurden an Setsubun aufgenommen. Setsubun ist in Japan ein wichtiges Fest zum Frühlingsbeginn, bei dem die bösen Geister vertrieben und die guten Geister in die Häuser der Menschen eingeladen werden. Auf allen drei Bildern sind Maiko zu sehen. Maiko sind junge Frauen, die sich noch in der Ausbildung zur Geisha befinden.

Eine Maiko wirft Päckchen mit getrockneten Bohnen in die Menge, welche an Setsubun traditionell gegessen werden.
Eine Maiko führt einen Tanz auf.
Eine Gruppe von Maiko kommt am Yasaka-Schrein an.

Ich hatte Till zu einem persönlichen Gespräch getroffen und seine Frage ausführlich beantwortet. Damit ihr auch etwas davon habt, hier meine Einschätzung:

Grundsätzlich habe ich ihm aus mehreren Gründen abgeraten, seine Bilder als Editorial-Material bei Microstock-Agenturen anzubieten. Microstock ist und bleibt ein Massenmarkt, in dem Fotografen nur verdienen können, wenn sie ihre Bilder oft genug verkaufen können. Für die Agenturen gilt das nicht unbedingt, da die Fixkosten relativ gleich bleiben, egal, wie viel Bilder sie im Portfolio haben und hier leichter über den „long tail“ verdient werden kann. Bei Fotos, die nur für eine redaktionelle Nutzung freigegeben werden können, weil keine Model-Verträge oder Eigentumsfreigaben vorhanden sind, fällt schon mal ca. die Hälfte der potentiellen Käufer weg, weil diese Fotos für Werbezwecke brauchen.

Außerdem ernüchtert es einen schnell, wenn man sich beispielsweise die Zahlen bei istockphoto anschaut. Zum Thema „Japan“ werden dort momentan ca. 3350 Bilder angeboten. Nach Downloads sortiert hat das beliebteste Foto weniger als 50 Downloads und ab dem elften Foto liegen die Downloads im einstelligen Bereich. Davon kann ein Fotograf nicht leben. Zum Vergleich: Wenn der Filter „nur redaktionelle Bilder anzeigen“ ausgeschaltet wird, haben die Bestseller zum Thema „Japan“ über 3000 Verkäufe!

Ein Blick auf die Motive der redaktionellen Bestseller lässt – abgesehen von der Atomkatastrophe in Fukushima – grob zwei beliebte Themen erkennen: Menschengruppen (bei denen Releases sehr schwer zu beschaffen sind) und Technologie. Das traditionelle Japan oder kulturelle Themen sind weniger gefragt.

Durch das Japanologie-Studium und seine praktischen Kenntnisse vor Ort würde Till auch viel Wissen verschenken. Vor allem im Schulbuch- oder Reisebuch-Bereich sind ganz konkrete, genaue und ausführliche Angaben zum Foto Gold wert, die diese auch bereit sind zu bezahlen. Auch deswegen lassen sich solche Motive deutlich besser über spezialisierte Macrostock-Agenturen vermarkten. Spontan fielen mir da beispielsweise laif oder auch Mauritius und Imago ein.

Grundsätzlich gilt: Klischeehafte, sehr typische, generalisierte Bilder haben im Microstock gute Verkaufschancen, je spezieller das Motiv wird, desto besser ist es in einer Macrostock-Agentur aufgehoben.

Was meint ihr? Teilt ihr meine Einschätzung? Oder was würdet ihr Till raten?