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Kriterien zur Auswahl von Imagebildern (Gastartikel)

Zwei Mal schon habe ich vom Buch „Grafik und Gestaltung“ des Grafikers Markus Wäger geschwärmt. Damit ihr euch selbst vom Inhalt über­zu­gen könnt, hat mir Markus erlaubt, eine Leseprobe zu ver­öf­fent­li­chen und ich habe mir die Kapitel 5.3.5 und 5.3.6 raus­ge­sucht, die mei­ner Meinung nach für uns Stockfotografen direkt hilf­reich sind. Ich habe aber nicht alle Bilder über­nom­men, weil das zuviel gewe­sen wäre. Los geht’s, ab hier schreibt Markus:

Kriterien zur Auswahl von Imagebildern

Ich kann kei­ne ver­bind­li­chen Rezepte für die Auswahl per­fekt funk­tio­nie­ren­der Imagebilder lie­fern. Gerade wenn Menschen im Bild sind, sind die Emotionen, die sie aus­lö­sen, von Betrachter zu Betrachter ver­schie­den. Genau wie jeder ande­re Mensch reagie­re auch ich sub­jek­tiv auf die abge­bil­de­ten Personen und es ist nicht unwahr­schein­li­ch, dass Sie hier Bilder von Personen fin­den, die ich als beson­ders anspre­chend emp­fin­de, die Ihnen unsym­pa­thi­sch sind. Ich kann aber ein paar Kriterien nen­nen, die ich zur Auswahl von Bildern her­an­zie­he und die Sie als Basis für Ihre Bildbeurteilungen nut­zen kön­nen. Wie so oft gilt : Schon die bewuss­te Auseinandersetzung mit einem Gestaltungsaspekt wird Sie zu bes­se­ren Resultaten füh­ren.

Authentizität der Darsteller | Sind die Typen glaub­wür­di­ge Charaktere ? Nehmen Sie Ihnen ihre Rollen ab ? Kann sich Otto Normalverbraucher bezie­hungs­wei­se die anvi­sier­te Zielgruppe mit ihnen iden­ti­fi­zie­ren? Auch wenn das Gesicht eines ein­ge­kauf­ten Imagebildes für die Mitarbeiter des Unternehmens steht, soll­te der Typ glaub­wür­dig sein und nicht zu sehr wie ein geschnie­gel­tes Modell daher kom­men. Nichts gegen gestyl­te Modelle, doch nicht jede Kommunikationsaufgabe lässt sich mit Ihnen authen­ti­sch illus­trie­ren. Die Professionalität der Modelle hin­ge­gen ist Um und Auf. Nur Profis spie­len ihre Rollen glaub­wür­dig ; mit Laien ist Authentizität schwer zu errei­chen. Es geht vor allem dar­um, wie natür­li­ch eine Szene insze­niert ist und das gelingt mit pro­fes­sio­nel­len Modellen oft glaub­wür­di­ger als mit ech­ten Personen.

Abb. 5.98: Für die Betriebe meiner Region ein glaubwürdiges Imagebild (© Goodluz/Shutterstock)
Abb. 5.98: Für die Betriebe mei­ner Region ein glaub­wür­di­ges Imagebild (© Goodluz/Shutterstock)

Passend zu Region und Branche | Als Bewohner einer etwas länd­li­che­ren Region mit Auftraggebern aus klei­nen und mitt­le­ren Betrieben gestal­tet sich für mich die Suche nach pas­sen­den Imagebildern bei Agenturen oft schwie­rig. Es domi­nie­ren Business People mit Anzug und Krawatte. Für London, Mailand oder Frankfurt wohl pas­send, doch hier im Vorarlberger Rheintal tra­gen nur Banker Anzug und Krawatte bezie­hungs­wei­se Leute die einen Termin bei der Bank haben. Ansonsten ist die Geschäftswelt hier hemds­är­me­li­ger und die Leute sind meist leger geklei­det. 90 % der Businessbilder sind für mei­ne Gestaltungsaufgaben des­halb unbrauch­bar – ein Problem, das wohl die meis­ten Gestalter tei­len, die abseits von Ballungszentren arbei­ten oder aber auch städ­ti­sche Kunden abseits vom Big Business betreu­en.

Abb. 5.99: Weniger authentisch, wo ich lebe und arbeite (© michaeljung/Shutterstock)
Abb. 5.99: Weniger authen­ti­sch, wo ich lebe und arbei­te (© michaeljung/Shutterstock)
Abb. 5.100: Blicken die Personen zur Kamera, ist Lächeln glaubhaft. ( (© Pressmaster/Shutterstock)
Abb. 5.100: Blicken die Personen zur Kamera, ist Lächeln glaub­haft. ( (© Pressmaster/Shutterstock)

Ausdruck | Ein zwei­tes Problem neben omni­prä­sen­ten Business-Uniformen stellt das unver­meid­li­ch brei­te Lächeln der –Modelle dar. Wirklich gute Models schaf­fen es zwar auf Kommando das natür­lichs­te Lächeln der Welt ins Gesicht zu zau­bern und bei Motiven die ganz offen­sicht­li­ch im Stile eines Porträt- oder Gruppenfotos insze­niert sind (Abb. 5.100) geht das wohl auch in Ordnung. Doch wenn vier Personen vor einem iPad sit­zen und grin­sen (Abb. 5.101), dann sind sie nicht an der Arbeit, son­dern schau­en sich ein Filmchen auf Youtube oder die Urlaubsfotos des Mannes mit dem Tablett in der Hand an. Was wür­den Sie von Leuten den­ken, die mit Ihnen am Besprechungstisch sit­zen und pau­sen­los grund­los vor sich hin grins­ten ? Genau ! Deshalb suche ich in den Gesichtern der Modelle zur Situation pas­sen­de Gesichtsausdrücke – freund­li­ch : meis­tens ja ; breit grin­send : das muss zur Szene pas­sen.

Abb. 5.101: Ist das eine authentische Projektbesprechung? (© Edyta Pawlowska/Shutterstock)
Abb. 5.101: Ist das eine authen­ti­sche Projektbesprechung? (© Edyta Pawlowska/Shutterstock)
Abb. 5.102: Direkter Blick (inklusive eines Lächelns) (© Mila Atkovska/Shutterstock)
Abb. 5.102: Direkter Blick (inklu­si­ve eines Lächelns) (© Mila Atkovska/Shutterstock)

Blickrichtung | Über die Wirkung direk­ten Blickkontakts und wie man von der Kamera abge­wand­te Blicke nut­zen kann haben wir uns bereits unter­hal­ten. Abbildung 5.102 zeigt dazu noch ein­mal ein star­kes Motiv, näm­li­ch ein nied­li­ches Tierkind. Verstärkt wird die Bildwirkung durch den Eindruck der Hund läch­le, was ihm mensch­li­che Züge ver­leiht, ohne sei­ne Niedlichkeit zu unter­gra­ben. Abbildung 5.103 zeigt wie viel Kraft das Bild ein­büßt, wenn der­sel­be Hund nicht mehr in die Kamera blickt.

Abb. 5.103: Der Blick zur Seite schwächt die Wirkung (© Mila Atkovska/Shutterstock)
Abb. 5.103: Der Blick zur Seite schwächt die Wirkung (© Mila Atkovska/Shutterstock)

Kindchenschema | Noch mehr Kraft als nied­li­che Tierkinder haben natür­li­ch knudd­li­ge Menschenkinder. Das Gesicht eines Babys ist ein Schlüsselreiz dem wir uns nicht ent­zie­hen kön­nen : Große Augen, Pausbäckchen, Stupsnase, klei­nes Kinn, gro­ßer Oberkopf. Vor allem Tiere die mehr oder weni­ger deut­li­ch die­sem Schema ent­spre­chen emp­fin­den wir als nied­li­ch. Dem fol­gend sind auch Comic Figuren gezeich­net indem die­se typi­schen Merkmale betont wer­den, jeden­falls so lan­ge es um die guten Charaktere geht. Bei Bösewichten kann man das schon ein­mal umkeh­ren.
Abbildung 5.105 und 5.106 demons­trie­ren ein wei­te­res mal den Unterschied der Bildwirkung ob das Subjekt – das Kleinkind – in die Kamera sieht und damit dem Betrachter in die Augen, oder ob der Blick zur Seite gerich­tet ist.

Es gibt natür­li­ch immer Gründe sich für Aufnahmen zu ent­schei­den, bei denen das Modell nicht zur Kamera blickt. Neben des Potenzials die Blickrichtung des Protagonisten zu nut­zen, um Botschaften mar­kant zu plat­zie­ren, ver­mit­teln Bilder, auf denen der Blick und damit das Interesse nicht der Kamera gilt, eher den Eindruck, eine rea­le Szene zu beob­ach­ten und nicht eine gestellt – Aufnahmen kön­nen so also an Authentizität gewin­nen. Blickt das Modell zu Kamera ist klar, dass es die Kamera gese­hen hat und für das Foto posiert – wahr­schein­li­ch sag­te der Fotograf : »Hier ist das Vögelchen.« Und : »Say Cheese.«

Abb. 5.107: Visionärer Blick (© PT Images/Shutterstock)
Abb. 5.107: Visionärer Blick (© PT Images/Shutterstock)

Der in die Ferne gewand­te Blick (Abb. 5.107) kann etwas Visionäres ver­mit­teln – den Blick in die Zukunft oder Weisheit. Doch auch hier kommt es auf den Charakter des Blicks und der Aufnahme an. Bei Abbildung 5.108 scheint mir das Modell eher durch irgend­et­was im Garten von der eigent­li­chen Aufnahme abge­lenkt zu sein.

Abb. 5.108: Der Blick wirkt hier vor allem abgelenkt. (© Natalia Hirshfeld/Shutterstock)
Abb. 5.108: Der Blick wirkt hier vor allem abge­lenkt. (© Natalia Hirshfeld/Shutterstock)

Üblicherweise soll­te man die Leserichtung berück­sich­ti­gen, wenn der Blick in die Ferne den visio­nä­ren Blick in die Zukunft ver­mit­teln soll – Blickrichtung nach links wird eher rück­wärts­ge­wandt emp­fun­den (Abb. 5.109), wäh­rend der Blick nach rechts nach vor­ne geht und somit als in die Zukunft gerich­tet asso­zi­iert wird (Abb. 5.10).

Bildstil | Neben die­sen inhalt­li­chen Fragen zu Authentizität, Ausdruck und Blickrichtung ist auch der Bildstil rele­vant. Für mich eine wei­te­re Hürde Aufnahmen zu fin­den, mit denen ich rund­um glück­li­ch bin. Die Masse der Aufnahmen sind sehr clean insze­niert, foto­gra­fi­sch umge­setzt und nach­be­ar­bei­tet. Dafür gibt es natür­li­ch gute Argumente, denn wie ich wei­ter vor­ne bereits bemerk­te ist pro­fes­sio­nel­le Fotografie not­wen­dig wenn dem Betrachter eines Folders, Inserats oder Internetauftritts ein pro­fes­sio­nell arbei­ten­des Unternehmen näher gebracht wer­den soll. Das Ganze hat aller­dings den Nachteil, dass die Aufnahmen dann auch in Bezug auf den foto­gra­fi­schen Charakter aus­tausch­bar wir­ken.
Bereits in den 1970er Jahren ent­wi­ckel­ten Fotografen Teils sehr natür­li­che Aufnahmestile. Ein Trend, der in den 80er Jahren zurück ging und durch einen sehr kli­ni­schen Bildstil ersetzt wur­de. Seit den 1990er Jahren gibt es einen zuneh­men­den Trend zurück zu natür­li­ch wir­ken­den Aufnahmen.

Abb. 5.112: Nicht nur die Aufnahme durch das Glas lässt das Bild so spontan erscheinen - auch der geringe Kontrast und die kühle Farbtönung (© vita khorzhevska/Shutterstock)
Abb. 5.112: Nicht nur die Aufnahme durch das Glas lässt das Bild so spon­tan erschei­nen – auch der gerin­ge Kontrast und die küh­le Farbtönung (© vita khorzhevska/Shutterstock)

Viele vor allem jun­ge Fotografen arbei­ten bewusst mit farb­li­chen Verfremdungen und foto­gra­fi­schen sowie digi­ta­len Effekten, die an sich nach den Regeln der Kunst Fehler wären. Doch gen­au die­se schein­ba­ren Fehler und Abweichungen von foto­gra­fi­scher Perfektion machen die Aufnahmen authen­ti­scher, weil sie ein biss­chen wir­ken, als hät­te sie Otto Normalverbraucher mit sei­ner –Kamera geknippst. Trotzdem sieht man den Bildern die pro­fes­sio­nel­le Hand an – sie wir­ken wie exzel­len­te Glückstreffer eines Schnappschussfotografen und ver­mit­teln so den Eindruck ganz nahe am eige­nen Leben auf­ge­nom­men wor­den zu sein.

Neben die­sen Stilmitteln die Bildern eine spon­ta­ne und natür­li­che Wirkung ver­lei­hen, gibt es auch eine Tendenz Schattierungen durch über­be­ton­te Dynamik her­aus­zu­ar­bei­ten was zu einem eher unna­tür­li­ch anmu­ten­den Bildcharakter führt (Abb. 5.113) und manch­mal bei­na­he wie gemalt wirkt. Dieser Trend folgt einer neu­en Technologie der digi­ta­len Fotografie, die sich High Dynamic Range (HDR) nennt. Nach der ers­ten Euphorie über den neu­en Bildstil und die damit ver­bun­de­nen Möglichkeiten kehr­te bei pro­fes­sio­nel­len Fotografen bald Ernüchterung ein, was mei­ner Ansicht nach vor allem an Unmengen lai­en­haf­ter HDR-Aufnahmen lag, die sozia­le Netzwerke und Bilder-Communitys über­flu­te­ten. Mittlerweile gewinnt der Stil auch in der pro­fes­sio­nel­len Fotografie wie­der an Fahrt und ich habe den Eindruck, dass wir gera­de eine Veränderung unse­res Empfindens wie Fotos aus­zu­se­hen haben, erle­ben.

Abb. 5.113: Das Bild erinnert an den Charakter sogennanter HDR-Bilder - ein Stil, der sehr stark im Kommen ist. (© BestPhotosStudio/Shutterstock)
Abb. 5.113: Das Bild erin­nert an den Charakter sogen­n­an­ter HDR-Bilder – ein Stil, der sehr stark im Kommen ist. (© BestPhotosStudio/Shutterstock)

Sowohl der HDR- als auch der natür­li­che Bildstil fin­det sich im Moment jedoch vor allem bei bestimm­ten Themenbereichen. Gerade der betont natür­li­che Bildstil mit sei­nen Teils ver­scho­be­nen, ver­blass­ten und ver­wa­sche­nen Farben, mit Blendenflecken, über- und unter­be­lich­te­ten Bildbereichen und Unschärfen auch da, wo sie an sich nicht sein soll­ten, fin­det sich vor allem im Bereich jugend­li­chen Lifestyles. In vie­len Bereichen jedoch tut man sich schwer Bildstile abseits eines clea­nen Norm-Looks zu fin­den.

Maßgeschneiderte Lösungen 
vom Auftragsfotografen

Klar im Vorteil ist wer sich nicht im Angebot von Bildagenturen nach Aufnahmen von der Stange umse­hen muss, son­dern einen Profifotografen beauf­tra­gen kann. Ihm kön­nen Sie Vorlagen zei­gen, die den Charakter, das Aussehen und die Stimmung der Aufnahme die sie wün­schen zei­gen. Mit ihm kön­nen Sie Modelle aus­su­chen die Ihren Vorstellungen ent­spre­chen und Sie kön­nen bei der Aufnahme dabei sein, um Regieanweisungen zu geben. Ihm kön­nen Sie auch sagen, wie weit er bei der Retusche gehen soll.

Schön wäre natür­li­ch man könn­te für jedes Bild einen Profi enga­gie­ren der das gewünsch­te Bild nach Maß schnei­dert. Die Realität lie­fert aber oft Situationen, in denen das nicht mög­li­ch ist, sei es aus Zeit- oder Budgetmangel. Ich habe für die­ses Buch hun­der­te Bilder benö­tigt um die Erklärungen zu illus­trie­ren und das Layout leben­dig zu gestal­ten. Nicht jedes Foto sieht gen­au so aus, wie ich es mir wünsch­te. Doch jede Aufnahme mit Modellen und Fotografen geson­dert zu insze­nie­ren, wäre weder zeit­li­ch noch wirt­schaft­li­ch rea­lis­ti­sch. Aus die­sem Grund schät­ze ich das Angebot von Shutterstock, Fotolia, iStock­pho­to & Co als wert­vol­le Bereicherung für den Gestaltungsalltag, auch wenn die Arbeit damit Kompromisse for­dert – Kompromisse die man bei der Arbeit mit einem Fotografen nicht ein­ge­hen muss.

(Leseprobe aus dem Buch „Grafik und Gestaltung“*, 2. Auflage von Markus Wäger, Galileo Verlag, 2014)

* Affiliate

Frag den Fotograf: Für wie viele Credits sollte ich meine Bilder anbieten?

In letz­ter Zeit habe ich des öfte­ren Emails mit kur­zen Fragen bekom­men. Meist habe ich die­se kurz beant­wor­tet, bis ich gemerkt habe, dass sich eini­ge Fragen doch wie­der­ho­len. Deswegen möch­te ich die Fragen wie­der ver­mehrt hier im Blog ver­öf­fent­li­chen, damit ich bei Bedarf auf die Antwort ver­lin­ken kann und ihr auch als Leser etwas davon habt.
Vor paar Tagen schrieb mir Thorsten:
„Hallo Robert,
ich habe ges­tern aus­führ­li­ch dei­ne Beiträge über Microstockagenturen stu­diert. Ich fand dar­in vie­le über­ein­stim­men­de und neue Informationen zu die­sem Thema.
Ich selbst bin seit 2010 bei Fotolia und begann mit Fotos. Musste aber fest­stel­len, dass ich mehr Talent in der Bildbearbeitung/Manipulierung, Illustrationen und Vektoren habe. Da ich das noch neben­bei mache, ist mein Portfolio bei wei­tem nicht so groß.  Aber ich schei­ne auf dem bes­ten Weg zu sein, dass mei­ne Grafiken immer mehr Zuspruch fin­den.
Aber wes­halb wen­de ich mich an dich? Ich habe eine Frage: Welche Erfahrungen hast Du in punc­to ange­bo­te­ne Credits? Ich sehe bei dir, dass du fast alle Bilder mit 1, max. 2 Credits anbie­test. Ist es aus dei­ner Erfahrung sinn­vol­ler, mit einem Credit die Bilder anfangs ein­zu­stel­len? Oder wel­chen Tipp kann­st du mir geben?  Ich wäre dir für eine kur­ze Antwort sehr dank­bar.
Viele Grüße
Thorsten“
Wem der gan­ze Microstock-Bereich neu ist, der ver­steht viel­leicht die Frage nicht, des­halb eine kur­ze Erklärung. Bei vie­len Bildagenturen kön­nen die Bilder nur mit einer Kunstwährung namens „Credits“ bezahlt wer­den. Über den Daumen gepeilt ist ein Credit meist ca. ein Euro, aber wer vie­le Credits kauft, bekommt viel Rabatt.
Bei der Bildagentur Fotolia haben Fotografen in gewis­sen Grenzen die Möglichkeit, den Startpreis für ihre Bilder selbst fest­zu­le­gen. Standard ist 1 Credit für die klein­s­te Größe und dann immer mehr Credits für die nächst­grö­ße­ren Auflösungen. In die­ser Tabelle seht ihr, ab wel­cher Ranking-Stufe die (nicht­ex­klu­si­ven) Fotografen den Startpreis der Credits fest­le­gen kön­nen. Exklusive Fotografen haben noch mehr Möglichkeiten.
Möglichkeiten der Preisgestaltung durch Credits

Wer ein Bild mit zwei oder drei Credits als Startpreis ver­kauft, der kann pro Verkauf das Doppelte oder Dreifache ver­die­nen.

Deshalb ist die Frage von Thorsten legi­tim, was sinn­vol­ler ist: Lieber Viele Verkäufe mit 1 Credits oder weni­ger Verkäufe mit 2–3 Credits?

Bei der Beantwortung gibt es vor haupt­säch­li­ch vier Punkte zu berück­sich­ti­gen: Angebot und Nachfrage, Ranking, Konkurrenz-Preise und die Rückstufung.

Angebot und Nachfrage

Es ist ein ein­fa­ches markt­wirt­schaft­li­ches Prinzip: Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Dieser wird durch die Credits gesteu­ert. Das heißt ver­ein­facht: Wer sehr gene­ri­sche Motive foto­gra­fiert, die viel Konkurrenz haben, zum Beispiel frei­ge­stell­te jun­ge Damen oder Obst oder nied­li­che Katzen, der soll­te bei einem Credit blei­ben. Wer auf­wän­di­ge­re Shootings macht, die nicht so leicht zu kopie­ren sind, kann auch zwei Credits anset­zen und wenn die­se Motive dann noch stark nach­ge­fragt wer­den, sogar drei Credits. Ich habe das mal in eine Kreuzmatrix gefasst:

Auch der eige­ne Verdienst soll­te etwas berück­sich­tigt wer­den. Ich habe mal einen zwei­tei­li­gen Test gemacht (sie­he hier und hier), der gezeigt hat, dass man trotz weni­ger Downloads mit höhe­ren Credit-Preisen mehr ver­dient. Demnach wür­de es ja für jeden sinn­voll sein, die Preise so hoch wie mög­li­ch anzu­set­zen? Nein. Denn auch die fol­gen­den Faktoren spie­len eine Rolle.

Das Ranking

Bei Fotolia stei­gen die Fotografen umso höher im Ranking, je mehr Fotos sie ver­kauft haben. Mit jeder wei­te­ren Ranking-Stufe erhal­ten sie mehr Prozent vom Verkaufspreis (erkenn­bar als „Lizenzgebühr“ in der ers­ten Grafik oben). Die Fotografen begin­nen bei 20% und kön­nen bis 46% erhal­ten. Wer sei­ne Fotos nicht mit dem Startpreis von 1 Credit, son­dern mit 2 oder 3 anbie­ten will, soll­te beden­ken, dass die­se Bilder dann sel­te­ner ver­kauft wer­den. Das ist unter dem Strich durch den dop­pel­ten Verkaufspreis zwar trotz­dem lukra­tiv, aber zu beden­ken ist, dass der Fotograf auch mit jeder höhe­ren Ranking-Stufe zwi­schen zwei bis sechs Prozentpunkte mehr Umsatz erhält. Auch dadurch erhält der Fotograf mehr Geld.

Meine Empfehlung ist daher, dass min­des­tens bis zum Erreichen des Gold-Status die Preise bei 1 Credit belas­sen wer­den soll­ten. Danach kann man selbst ent­schei­den, ob es sinn­voll ist, zu ver­su­chen, die nächst­hö­he­re Stufe durch mehr Verkäufe errei­chen zu wol­len, oder lie­ber direkt mehr abkas­siert. Nicht ganz so rele­vant, aber unter ungüns­ti­gen Bedingungen ent­schei­dend sind zwei wei­te­re Punkte.

Konkurrenz-Preise

Fotolia weist Anbieter ab dem Smaragd-Ranking auf eine „Anpassung der Preisgestaltung“ hin:

Erhält Fotolia Kenntnis, dass ein nicht exklu­si­ver Anbieter des Levels „Smaragd“ oder höher im Fotolia Ranking sei­ne Bilder, Vektoren oder Videos (die „Werke“) über ande­re Stockagenturen oder Webseiten ver­treibt (von denen min­des­tens eini­ge Werke die sel­ben sind wie die über Fotolia ange­bo­te­nen), und sind die für die­se Werke erho­be­nen Downloadpreise der ande­ren Stockagenturen oder Webseiten im Vergleich nied­ri­ger als die für das Level „Weiss“ im Fotolia Ranking gel­ten­den Downloadpreise, dann behält sich Fotolia gemäß der anwend­ba­ren Gesetze vor, die Preise nach eige­nem Ermessen und ent­spre­chend der Konditionen für Anbieter mit dem Level „Weiss“ im Fotolia Ranking anzu­pas­sen. Im Rahmen der anwend­ba­ren Gesetze ist Fotolia berech­tigt aber nicht ver­pflich­tet, sich von Zeit zu Zeit zu erkun­di­gen, ob ein­zel­ne Anbieter des Levels „Smaragd“ oder höher im Fotolia Ranking ihre Werke über ande­re Stockagenturen oder Webseiten ver­trei­ben, wobei die­se Anbieter ver­pflich­tet sind, Fotolia unmit­tel­bar auf Anfrage mit die­sen Informationen zu ver­sor­gen.“

Wer also bei Fotolia das Smaragd-Ranking erreicht hat und sei­ne Bilder für 2 oder 3 Credits anbie­tet, gleich­zei­tig aber Bildagenturen belie­fert, die für die XXL-größe weni­ger als 10 Euro/Credits ver­lan­gen, könn­te von Fotolia auf das Level „Weiß“ zurück­ge­stuft wer­den. Preislich betrifft das zum Beispiel Agenturen wie 123rf, Canstock oder PhotoDune und nach der jüngs­ten Preissenkung sogar iStock­pho­to.

Es scheint von Fotolia jedoch nicht streng gehand­habt zu wer­den. In der Praxis ist nur bekannt, dass Yuri Arcurs damit gezwun­gen wur­de, von 4 Credits Startpreis auf 3 zurück­zu­schrau­ben, bevor er sich end­gül­tig zurück­zog. Diese Option soll­te man aber im Hinterkopf behal­ten. Etwas rea­ler ist dage­gen fol­gen­des Szenario:

Rückstufung wegen gerin­ger Verkäufe

Ende Juli führ­te Fotolia eine neue Änderung ein. Bilder, die sich seit sechs Monaten nicht mehr ver­kauft haben, wer­den preis­li­ch auf den nor­ma­len 1-Credit-Startpreis run­ter­ge­stuft. Nach 24 Monaten ohne Verkäufe erfolgt eine noch­ma­li­ge Preisreduzierung. Hier die Preise nach einer sol­chen Rückstufung:

Wenn sich so ein run­ter­ge­stuf­tes Bild wie­der drei Mal ver­kauft hat, wer­den die Preise wie­der auf den nor­ma­len Standard von 1 Credit bis 10 bzw. 12 Credits (ab Gold-Ranking) gesetzt. Das heißt für die Entscheidung beim Setzen des Startpreises: Wer sein Bild zu teu­er anbie­tet, ris­kiert, dass es sich sel­te­ner ver­kauft und dann noch bil­li­ger als ohne­hin schon ange­bo­ten wird.

Wie mache ich es?

Ich las­se alle mei­ne Fotos stan­dard­mä­ßig auf 1 Credit. Nur exklu­si­ve Bilder fan­gen mit 2 Credits an. Wenn sich ein Bild beson­ders gut ver­kauft hat, min­des­tens 100x, dann set­ze ich es je nach Motiv auf 2 Credits hoch. Den Startpreis von 3 Credits darf ich ja erst seit mei­nem Erreichen des Saphir-Rankings vor eini­gen Wochen fest­set­zen, des­we­gen habe ich damit noch kei­ne Erfahrungen gemacht.

Mit die­sen vier Faktoren im Hinterkopf soll­te jetzt jeder in der Lage sein, selbst ent­schei­den zu kön­nen, wel­cher Startpreis für wel­che Bilder der rich­ti­ge ist.

Wie macht ihr das? Nach wel­chen Kriterien legt ihr eure Startpreise fest?