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Warum die neuen Filter von Google Bildagenturen bedrohen können

Ich sage es schon eine Weile, dass die größte Änderung im Stockfotografie-Markt vermutlich von einer Seite kommen könnte, die einige gar nicht im Blick haben.

Ich meine Technologiekonzerne, allem voran die – nicht nur – Suchmaschine Google. Viele vergessen, dass auch Bildagenturen wie Shutterstock, iStock und Fotolia in erster Linie Technologiefirmen sind, die mehr oder weniger zufällig eben mit der Ware „Bilder“ handeln. Genauso gut könnten sie auch Musik, Texte, Code-Schnipsel, Schulungsvideos und so weiter verkaufen. Agenturen wie Envato oder Pond5 versuchen das ja auch und auch Shutterstock hat kürzlich mit Skillfeed einen Marktplatz für Tutorials ins Leben gerufen. Den alteingesessenen Macrostock-Agenturen haben diese Firmen ganz schön zugesetzt, weil plötzlich viel Know-How ins aus unerwarteter Richtung ins Spiel kam.

Was bisher geschah…

Aber zurück zu Google. Schon 2009 schrieb ich, dass die neu eingeführte Google Bildersuche (heute als „Google Images“ bekannt), die Stockfotografie verändern würde. Schon kurz darauf waren die Suchergebnisse bei Google Images deutlich besser als von TinEye, um gleiche Bilder im Netz zu finden. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde ein geheimer Deal zwischen Getty Images und Google bekannt, der auf jeden Fall zeigt, dass Google der Bildermarkt bekannt ist. Ca. ein halbes Jahr später führte eine grundlegende Layout-Änderung bei der Google Bildersuche zu ersten Umsatzeinbrüchen bei Bildagenturen.

Die letzte Ankündigung reiht sich damit fast nahtlos in eine Entwicklung ein, die immer bedrohlicher für Bildagenturen ist.

Was neu ist…

Google veröffentlichte vor paar Tagen eine neue Filter-Möglichkeit für die Bildersuche, bei der Bilder nach bestimmten Verwendungszwecken gefiltert werden können. So „neu“ ist die Funktion zwar nicht, denn sie ist seit ca. vier Jahren bekannt, aber bisher war sie sehr gut in den Tiefen eines Untermenüs versteckt.

Hierarchisch geordnet sehen die angebotenen Filtermöglichkeiten so aus:

  • nicht nach Lizenz gefiltert
  • zur Wiederverwendung gekennzeichnet
  • zur kommerziellen Wiederverwendung gekennzeichnet
  • zur Wiederverwendung mit Veränderung gekennzeichnet
  • zur kommerziellen Wiederverwendung mit Veränderung gekennzeichnet

Jetzt können diese Optionen relativ sichtbar unter dem Suchfeld bei „Suchoptionen/Nutzungsrechte“ eingeblendet werden.

Im Hinblick auf diese Neuerung werden aktuell hauptsächlich zwei Aspekte diskutiert. Die Genauigkeit dieser Filter sowie die langfristige Änderung von Suchgewohnheiten.

Wie genau die Nutzungsrechte gefiltert werden…

Aktuell speisen sich die meisten Bilder, welche überhaupt gefiltert werden, aus dem Pool von Flickr, Wikipedia, Deviantart, Fotocommunity und einigen anderen „Crowd Sourcing“-Bilderseiten.

Kritiker werfen unter anderem ein, dass die angezeigten Filter einerseits nicht genau genug sind, andererseits nicht dem üblichen „Branchenslang“ entsprechen (was angesichts der Verwirrung um Begriffe wie „lizenzfrei“ vielleicht sogar besser ist) und Google natürlich auch keine Haftung übernimmt, ob die Lizenzen korrekt vergeben wurden.

So behauptet Google gerne, dass ein Creative-Commons-Bild, welches unter die „CC BY-SA 2.0„-Lizenz gestellt wurde (Namensnennung und Wiedergabe unter gleichen Bedingungen), „zur kommerziellen Wiederverwendung gekennzeichnet“ wäre. Das ist zwar insofern korrekt, dass solche Bilder ausdrücklich kommerziell genutzt werden dürfen, aber eben nur, wenn der Urheber genannt wird und das Endprodukt (zum Beispiel die Werbeanzeige oder das Computerspiel mit dem Bild im Einsatz) ebenfalls mit der „CC BY-SA“-Lizenz veröffentlicht wird. Das sind praktisch so gravierende Einschränkungen, dass der (unabsichtliche) Missbrauch von CC-Lizenzen damit eher zunehmen als abnehmen wird.

Außerdem wissen die meisten Leute eben nicht, dass die Nutzungsrechte nur ein rechtlicher Aspekt bei der legalen Bildnutzung sind. Sind Personen auf dem Bild, müssen zusätzlich auch die Persönlichkeitsrechte der Person beachtet werden, es gibt noch den Patentschutz, Markenschutz, Designschutz und so weiter.

Tatsächlich halte ich das Problem aber für beherrschbar, weil Google durch seine ausgefeilten Algorithmen die Bilderkennung mittlerweile sehr gut beherrscht und sicher immer noch besser darin werden wird. So wäre es bestimmt technisch leicht lösbar, bei identischen Bildern an mehreren Stellen im Netz automatisch immer die strengstmögliche Nutzungskennzeichnung anzunehmen. Wenn also eine Bildagentur ein Bild mit Wasserzeichen veröffentlicht und jemand das Bild illegal bei Flickr als „Public Domain“-Bild einstellen würde, könnte Google – technisch gesehen – bestimmt schnell erkennen, dass es eigentlich urhebergeschützt ist. Wenn sie es nicht jetzt schon so machen.

Beunruhigender finde ich den zweiten Aspekt:

Wie sich die Suchgewohnheiten ändern können…

Wir leben – nicht nur digital – in einer Filterblase und nehmen die Umwelt um uns herum nach bestimmten Kriterien wahr. Jemand, der in der Bilderbranche arbeitet, sieht überall Stockfotos und erkennt seine Models wieder, während Menschen mit anderen Berufen die meisten Motive spätestens nach paar Sekunden wieder vergessen haben. Deshalb denken wir Stockfotografen auch, dass viele Leute ja Bildagenturen kennen müssten, wo sie Fotos günstig einkaufen können. Unter dem Strich wissen jedoch mehr Menschen nicht, dass Bildagenturen existieren und was diese verkaufen als andersrum. Wer auf der Suche nach Bildern ist, geht viel häufiger zu Google und schaut sich dort die Ergebnisse an.

Deswegen geben Bildagenturen auch sehr viel Geld aus, um entweder direkt bei Google Werbung zu schalten oder indirekt, um mittels ausgefeilter SEO-Maßnahmen die eigenen Bilder in die obersten Reihen der Google-Bildersuche zu drücken. Das funktionierte lange sehr gut, bis Google, wie erwähnt, das Layout umstellte. Jetzt geht Google noch einen Schritt weiter. Sobald der Bildsucher auch nur nach irgendeiner Lizenz sucht, fallen praktisch alle Agenturbilder, egal ob Microstock oder Macrostock, aus dem Raster. Übrig bleiben Amateurbilder.

Das kann einerseits dazu führen, dass auch professionelle Bildkäufer sich vermehrt bei den kostenlosen Bildern bedienen. Das wiederum schwächt die Profis, wenn sie nicht in der Lage sind, sich durch Motivwahl, Qualität oder andere Unterschiede von den Hobbyfotos abzugrenzen.

Andererseits lernen vielleicht weniger Menschen, die noch keine Bildkäufer sind, überhaupt Bildagenturen kennen und gewöhnen sich daran, dort bequem und rechtssicher Fotos lizenzieren zu können. Denn wie die meisten Bildagenturen bestätigen werden, ist eine der größten Trafficquellen jeder Agentur die Google Bildersuche. Gewesen, müsste ich in Zukunft vielleicht schreiben müssen.

Was ebenfalls passieren könnte…

Es könnte sein, dass Google mit dem Nutzungsrechte-Filter die Bildsucher auch dafür sensibilisieren will, dass nicht jedes Bild einfach beliebig genutzt werden darf. Wenn das klar ist, erscheint logischer, dass für eine Nutzung was gezahlt werden müsste. Wenn jetzt Google Rechteinhabern anbieten würde, ihre Bilder ebenfalls unter „für kommerzielle Weiterwendung gekennzeichnet“ anzuzeigen und ein kleines Warenkorb-Symbol unter das Foto packt, damit klar ist, dass für diese Fotos eine kleine Gebühr bezahlt werden muss, wäre das für die Bilderbranche eine Revolution.

Abwegig wäre es keinesfalls. Google verkauft über den Playstore schon eine Weile digitale Inhalte, hat das Vertriebsnetz und die Bezahlmöglichkeiten also praktisch getestet. Google hätte von allen Bildagenturen von Anhang an die größte Nutzerbasis. Google hat das technische Know-How, um doppelte Bilder wegzufiltern, ähnliche Bilder anzubieten, Keyword-Vorschläge zu machen und so weiter. Selbst für die Rechteinhaber, also die Fotografen oder Grafikdesigner, wäre ein Angebot von Google verlockend: Immerhin nimmt Google Play nur 30% Kommission von den Anbietern, während es bei iStock bis zu 85% sind.

Die Leidtragenden wären die bisherigen Bildagenturen. Der Markt bleibt also sehr spannend.

Was sagt ihr? Wie könnte Google den Bildermarkt umkrempeln?