Kategorie-Archiv: Gastartikel

Gast-Geschichte: Al Quaida(TM) von Andreas Eschbach

Wenn ich nicht gerade fotografiere, lese ich sehr gern. Mit Abstand mein Lieblingsautor ist dabei Terry Pratchett mit seiner Scheibenwelt-Saga, gefolgt von Klassikern wie Mark Twain, Erich Fried, aber auch Autoren wie T.C. Boyle, John Scalzi und Andreas Eschbach. Von letzterem habe ich den Großteil seiner Romane mit Vergnügen gelesen und meine letzte Lektüre von ihm war sein Kurzgeschichten-Band „Eine unberührte Welt„*.

Darin befindet sich auch die Kurzgeschichte „Al QuaidaTM„, welche ich sehr gelungen fand. Sie kann auf mehreren Ebenen gelesen werden, als Medienkritik oder als Kommentar zum Umgang mit dem Markenrecht. Vor allem letzteres fand ich spannend, weil das ein Punkt ist, der uns Stockfotografen bei der täglichen Arbeit ebenfalls oft berührt, wenn wir unzählige Logos, Markennamen und erkennbare Elemente aus unseren Bildern retuschieren müssen, bevor wir sie zur Lizenzierung anbieten können.

Deshalb habe ich den Autor kontaktiert, um die Geschichte für euch – sozusagen als Weihnachtsgeschenk zum Lesen – zu lizenzieren.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, frohe Weihnachten, erholsame Feiertage und einen guten Rutsch uns Neue Jahr!

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Al QuaidaTM (Andreas Eschbach)

Der »meistgesuchteste Terroristenführer«, wie ihn manche Zeitungen ebenso gern wie grammatikalisch falsch bezeichneten, hielt sich nicht wirklich in einer unzugänglichen Höhle an einem unbekannten Ort versteckt, wie besagte Zeitungen hartnäckig kolportierten. Bei dem Unterschlupf Usama Bin Ladens handelte es sich vielmehr um ein kleines Gehöft im steinigen Niemandsland des Hindukusch, um das herum Ziegen grasten – oder es jedenfalls versuchten – und über dem sich ein weiter Himmel von unglaublichem Blau spannte. Und zumindest den Geheimdiensten war dieser Aufenthaltsort auch nicht ganz so unbekannt, wie der Öffentlichkeit gegenüber behauptet wurde. In ganz Afghanistan und Pakistan zusammen gab es kein Anwesen, auf dem so viele Hirten so wenige Ziegen hüteten – das fiel sogar auf Satellitenbildern auf.

Die Hirten waren in Wirklichkeit natürlich Wachen, und die kamen eines Tages aufgeregt an. Da sei ein Mann, ein amerikanski, und er wolle den sheikh sprechen!

»Kennen wir ihn?«, fragte Usama Bin Laden und strich sich nachdenklich durch den langen Bart.

»Nein, sheikh. Ein Fremder.«

Der Terroristenführer mit den sanften Augen überlegte einen Moment, dann befahl er: »Bringt ihn her. Bleibt an der Tür stehen. Wenn ich mich an den Turban fasse, hierher« – er zeigte die Stelle –, »dann erschießt ihn sofort.«

Es würde wohl nicht nötig werden. Der Mann sah harmlos aus und wirkte in seinem anthrazitfarbenen dreiteiligen Anzug und mit dem dünnen Aktenkoffer in der Hand ausgesprochen deplatziert in dieser Gegend der Welt. Er schien eine erhebliche Strecke zu Fuß zurückgelegt zu haben, jedenfalls waren seine Schuhe staubig und zerkratzt, sein Hemd durchgeschwitzt, der Kragen verfärbt und der Anzug an einigen Stellen eingerissen.

»Guten Tag, Scheich«, begrüßte er den Terroristenführer mit einer knappen Verbeugung. Sein schwarzes, gescheiteltes Haar klebte ihm am Kopf, das jungenhafte Gesicht wirkte matt. Er griff in seine Brusttasche (was die Zeigefinger der Wachen an der Tür nervös zucken ließ) und brachte eine Visitenkarte zum Vorschein. »Gestatten Sie? Mein Name ist Waits. Eduard Earnest Waits. Ich bin Rechtsanwalt.«

Usama Bin Laden studierte die Karte. »Aus Boston, USA.«

»So ist es. Studium in Washington, danach Partner einer New Yorker Sozietät, seit einigen Jahren alleiniger Inhaber einer Kanzlei, die sich auf Marken- und Urheberrecht spezialisiert hat – und dies, wie ich in aller Bescheidenheit hinzufügen möchte, überaus erfolgreich.«

»Marken- und Urheberrecht«, wiederholte der Terroristenführer mit nicht geringer Verwunderung. Beinahe hätte er sich am Kopf gekratzt, unterließ es aber rechtzeitig, weil ihn der Mann zu neugierig gemacht hatte, als dass er ein Missverständnis hätte riskieren wollen. »Und was führt Sie dann hierher, wenn ich fragen darf?«

»Ja. Das würde ich Ihnen gern erklären. Wenn ich mich vielleicht –«

»Selbstverständlich«, nickte der Mann mit dem Turban hoheitsvoll und deutete einladend auf die Teppiche vor sich. »Nehmen Sie bitte Platz.«

»Danke.« Der Anwalt ließ sich merklich ungeübt auf den Boden nieder, zog seinen Koffer neben sich und öffnete ihn, was die Wachen ein weiteres Mal die Waffen heben ließ. Doch der amerikanski zog nur einige mit bunten Diagrammen bedruckte Papiere heraus. »Um gleich zum Kern der Sache zu kommen: Meines Erachtens ist Ihnen, Scheich, nicht in vollem Umfang klar, wie viel Geld die Medien überall auf der Welt mit Ihrem Namen verdienen. Hier habe ich eine Statistik von Absatzzahlen, Einschaltquoten und Werbeeinnahmen, aufgegliedert danach, ob Ihr Name oder die Bezeichnung al-Qaida in den Schlagzeilen auftaucht oder nicht.« Er legte das Blatt vor den Terroristenführer hin. »Bitte sehr. Wie Sie sehen, bewirken Sie Gewinnsteigerungen von bis zu fünfzig Prozent. Ohne dass Sie etwas davon hätten, wohlgemerkt!«

Usama – der Vorname bedeutete so viel wie »der Löwe« – Bin Laden nickte. »Das ist der verachtungswürdige Kapitalismus, wie er im Land des Satans gepflegt wird.«

»Kapitalismus, genau.« Der Anwalt nickte ebenfalls. »Was ich Ihnen dringend raten möchte, ist, die Markenrechte an Ihrem Namen sowie an dem von Ihnen populär gemachten Begriff al-Qaida zu erwerben. Das würde Ihnen ermöglichen –«

Der Terroristenführer hob die Hand. »Sind Sie nur gekommen, um mir diesen Vorschlag zu unterbreiten?«

Der Anwalt nickte. »In der Tat.«

»Dann haben Sie eine große Mühe vergebens auf sich genommen.«

»Vielleicht«, erwiderte der Mann, »sollten Sie mich erst einmal ausreden lassen. Es geht nur vordergründig um Geld. Sollten Sie, Scheich, geneigt sein, meinen Ausführungen noch einige Minuten Ihr Ohr zu leihen, werden Sie erkennen, dass es sich beim amerikanischen Rechtssystem im Grunde um die wirkungsvollste Waffe handelt, die es gibt.«

Bei dem Wort »Waffe« hoben sich die ausdrucksvollen Augenbrauen des Terroristenführers. Er strich sich mit gespreizten Fingern durch den Bart und sagte schließlich: »Sprechen Sie weiter.«

»Beginnen wir«, erläuterte der Anwalt, seine Ausführungen mit sparsamen Gesten unterstreichend, »mit Ihrem Namen. Faktisch – und das ist in Fragen des Wettbewerbsrechts von entscheidender Bedeutung – ist Ihr Name heute ein Markenzeichen von hoher Prägungskraft, vergleichbar mit Namen wie Walt Disney, McDonald’s oder Hewlett-Packard. All dies sind als Markenzeichen eingetragene Namen, die seither von Dritten nicht oder nur eingeschränkt verwendet werden dürfen. Bei dem Begriff ›al-Qaida‹ wird sich mit Aussicht auf Erfolg argumentieren lassen, dass es sich hierbei um Ihr geistiges Eigentum handelt, mithin also die Bestimmungen des international gültigen Urheberrechts zur Anwendung kommen müssen. Sowohl das Wettbewerbswie auch das Urheberrecht – und damit sind wir bei dem Punkt, der für Ihre Anliegen von Interesse ist – erlauben es, sich gegen missbräuchliche Benutzung geschützter Begriffe zur Wehr zu setzen. Konkret würden wir mit Abmahnungen und strafbewehrten Unterlassungserklärungen gegen alle vorgehen, die die dann Ihnen marken- und urheberrechtlich gehörenden Begriffe in entstellendem, herabwürdigendem oder sonstwie zu beanstandendem Sinne verwenden. Wir würden die notwendigen Prozesse durchfechten, um Schadensersatzzahlungen, Strafgebühren und eben die Unterlassung derartiger Äußerungen zu erreichen.«

»Das hieße, wenn jemand etwas über uns und unsere Absichten berichtet, das uns nicht gefällt –?«

»Kriegt er einen Prozess an den Hals, dass ihm schwarz vor Augen wird.«

»Das würde funktionieren?«

»Ohne Zweifel.« Der Anwalt spreizte die Finger. »Was Ihren Namen anbelangt, ist offensichtlich, dass er von Medien in Gewinnerzielungsabsicht verwendet wird. Zeitungen und Fernsehsender sind schließlich kommerzielle Unternehmen und daher kommerziellen Regeln unterworfen. Es ist allerdings nötig, deren Einhaltung einzuklagen – von selbst geschieht es nicht.«

»Und was ist mit dem in Ihrem Land angeblich so hoch geschätzten«, begann Usama Bin Laden und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck des Abscheus, »Recht auf freie Meinungsäußerung?«

Der Anwalt unterzog den Zustand seiner Fingernägel einer eingehenden Betrachtung. »Nun, ich gebe zu, früher wäre das ein Problem gewesen. Aber inzwischen hat sich in dieser Hinsicht sehr viel sehr grundlegend gewandelt. Das Markenrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung haben miteinander gerungen, und das Markenrecht ist dabei, zu gewinnen.«

Der Terroristenführer ließ sich das alles durch den Kopf gehen. »Was ist Ihr Interesse daran?«, fragte er schließlich. »Ich meine, was hätten Sie davon?«

»Ich arbeite auf Provisionsbasis. Üblicherweise erhalte ich dreißig Prozent von allen erstrittenen Entschädigungszahlungen.«

Der Mann mit dem Turban strich sich durch den Bart. »Zehn Prozent«, erwiderte er.

»Fünfundzwanzig«, schlug der Anwalt vor. »Bedenken Sie, ich muss die Gehälter meiner Mitarbeiter bezahlen. Das sind alles hochqualifizierte Experten mit entsprechend hoch dotierten Anstellungsverträgen.«

»Fünfzehn Prozent«, hielt der Mann mit dem Turban dagegen. »Wenn das Geschäft so profitabel ist, wie Sie sagen, machen Sie trotzdem einen guten Schnitt.«

Sie einigten sich schließlich auf achtzehn Prozent. Während Usama Bin Laden die Vollmacht ausfüllte und unterschrieb, fragte er: »Warum machen Sie das? Sie sind doch Amerikaner?«

»In erster Linie«, erwiderte Eduard E. Waits, »bin ich Anwalt.«

* * *

Die Kanzlei Eduard E. Waits & Partners beantragte die Eintragung der Namen ›Usama Bin Laden‹ (in allen Schreibweisen der Transkription aus dem Arabischen) sowie ›al-Qaida‹ (dito, was die Schreibweisen anbelangte) als Markenzeichen im wettbewerbsrechtlichen Sinne.

Die Anträge wurden abgelehnt. Daraufhin klagte die Kanzlei Eduard E. Waits & Partners, sehr zur Erheiterung diverser Kommentatoren und Leitartikler führender Tageszeitungen.

Doch die USA waren ein Land, in dem man einer Frau Schadensersatz in Millionenhöhe zugesprochen hatte, weil sie sich selber heißen Kaffee über die Hose geleert hatte, in dem flüchtende Verbrecher die sie verfolgenden Polizisten mit Erfolg verklagt hatten, weil diese sie unsanft zu Boden geworfen hatten, und in dem Richter Klägern Glauben geschenkt hatten, die beteuerten, nicht gewusst zu haben, dass Rauchen schädlich für die Gesundheit sei: War zu irgendeinem Zeitpunkt ernsthaft zu befürchten, dass in einem solchen Land die Klage eines weltweit gesuchten Terroristenführers auf Eintragung seines Namens als Markenzeichen scheitern würde? Natürlich nicht. Das Verfahren ging durch sämtliche Instanzen, und jedes Mal gab das Gericht der Kanzlei Eduard E. Waits & Partners recht. Den Schlussstrich zog eine Entscheidung des Supreme Court: Der Antrag sei rechtens, ihm sei stattzugeben.

Ein Kommentator meinte, nun sei wohl damit zu rechnen, dass massenhaft T-Shirts, Kaffeetassen und Bettwäsche mit dem Konterfei des bärtigen Hasspredigers auf den Markt kämen, und er sei gespannt auf die Reaktion des amerikanischen Verbrauchers darauf.

Ein Late-Night-Showstar prophezeite, nun würden die Erben Che Guevaras auch vor amerikanische Gerichte ziehen und im Nachhinein Lizenzgebühren in Millionenhöhe für die zahllosen Plakate des bärtigen Revoluzzers verlangen, die seit den Sechzigern die Wände von Studentenbuden geziert hatten.

Sie irrten sich beide.

* * *

Kurz darauf kam es zu dem Anschlag auf die U-Bahn von Kopenhagen. In der Station Christianshavn explodierten zwei Bomben, mehrere Dutzend Menschen starben, viele Hundert wurden verletzt, und auf Überwachungsvideos identifizierte man Angehörige einer islamistischen Terrorzelle als Urheber des Attentats. Reporter aus aller Welt drängelten sich in dem viel zu kleinen Presseraum der dänischen Staatsanwaltschaft, jede sich öffnende Tür auf den Fluren davor zog ein Blitzlichtgewitter nach sich, und eine Flut von E-Mails und Telefonaten spülte die aktuellsten Nachrichten in die Redaktionen von Zeitungen und Fernsehsendern überall auf dem Planeten.

Nachrichten, in denen die Bezeichnungen ›al-Qaida‹ und ›Usama Bin Laden‹ freizügig verwendet wurden, wie man sich denken konnte.

Auch Eduard E. Waits dachte sich das. Deswegen klingelte er auf die erste Meldung hin sein gesamtes Kanzleipersonal aus dem Bett und eine Hundertschaft Richter dazu, und innerhalb weniger Stunden gingen bei allen namhaften Zeitungen, Sendern und sonstigen Medien einstweilige Verfügungen ein, wonach jegliche Berichterstattung über den Anschlag von Kopenhagen zu unterlassen sei, insoweit darin mit Gewinnerzielungsabsicht Gebrauch von besagten markenrechtlich geschützten Bezeichnungen gemacht werde, unter Androhung von Ordnungsgeldern sowie Ordnungshaft in schweren Fällen.

Die Reaktionen darauf fielen unterschiedlich aus. Manche Zeitungen brachten vorsichtshalber erst einmal nur neutral gehaltene Berichte, andere Medien ignorierten die Verfügungen und räumten mit groß aufgemachten Berichten ab. Die Inhaber der Letzteren waren es, die sich kurz darauf vor Gericht wiederfanden und mit detaillierten Aufstellungen konfrontiert sahen, wie viel Gewinn sie mit der widerrechtlichen Verwendung geschützter Markenzeichen erzielt hatten: Der Vergleich mit den Absatzzahlen und Einschaltquoten jener Zeitungen und Sender, die den vorsichtshalber erlassenen einstweiligen Verfügungen gefolgt waren, ermöglichte eine überzeugende Vergleichsrechnung. So folgten die Gerichte in den meisten Fällen den Anträgen der klagenden Partei und verurteilten die beklagten Medien zur nachträglichen Zahlung von Lizenzgebühren und darüber hinaus zu Geldstrafen wegen Verstoßes gegen das Marken- und Urheberrecht sowie Zuwiderhandlung gegen eine rechtsgültige einstweilige Verfügung.

Die betroffenen Zeitungen und Sender reagierten daraufhin damit, nicht mehr über den Terroranschlag zu berichten, sondern stattdessen über das Tun und Treiben der Kanzlei E. E. Waits & Partners. »Der Anwalt des Teufels« lautete die Schlagzeile einer Illustrierten, in der es Eduard E. Waits auf die Titelseite schaffte.

Doch wie sich kurz darauf herausstellte – die Reporter hatten vergessen, dies zu recherchieren –, hatte sich Waits in kluger Voraussicht auch der Markenrechte an seinem eigenen Namen versichert und verklagte die betreffenden Zeitschriften und Fernsehmagazine seinerseits wegen unerlaubter Verwendung, missbräuchlicher und diskriminierender Darstellung und so weiter. Die Anklageschrift umfasste sechshundert Seiten, und die beklagten Parteien gingen mit Pauken und Trompeten ein zweites Mal unter.

Als die nächste Bombe hochging, geschah dies irgendwo in England. Genaueres erfuhr die Öffentlichkeit aber nicht mehr, denn im Handumdrehen waren in allen Redaktionen wieder einstweilige Verfügungen eingetroffen.

Und das war nur der Anfang.

* * *

Der Chefredakteur des SVENSKA DAGBLADET schaute noch einmal unauffällig auf seinen Notizblock, als der junge Reporter hereinkam, schüchtern grüßte und artig die Tür hinter sich zumachte. Sven Söderström hieß er. Hatte vor drei Wochen angefangen, frisch von der Journalistenschule. Höchste Zeit, ihm das beizubringen, was sie an den Schulen offenbar versäumt hatten.

»Es geht um den Artikel für die morgige Ausgabe«, erklärte er dem blonden jungen Mann, der ihn mit kaninchenhaftem Blick ansah. »Über die Explosion in Malmö, die Sie als Terroranschlag beschreiben –«

»Ja. Ist Fakt. Ganz ohne Zweifel«, nickte der junge Mann heftig. Er glühte förmlich vor Begeisterung. »Der erste Terroranschlag seit langem. Eine Sensation! Wenn wir damit aufmachen, ist die morgige Auflage im Nu ausverkauft –«

»Eins nach dem anderen«, unterbrach ihn der Chefredakteur. »Darf ich fragen, wie Sie zu der Annahme kommen, dass es sich um eine Bombe handelte?«

»Ich habe mit den Leuten von der Spurensicherung gesprochen. Die sagen, daran bestehe kein Zweifel.«

»Hmm«, machte der Chefredakteur. »Und was veranlasst Sie, zu schreiben, es sei ein Terroranschlag?«

»Die Polizei hat ein entsprechendes Bekennerschreiben erhalten. Der Anschlag galt einem islamkritischen Regisseur. Der war allerdings gar nicht da; er nimmt in den USA gerade einen Filmpreis entgegen. Hätten die Täter übrigens aus dem Internet erfahren können.«

»Hmm«, machte der Chefredakteur wieder. Schade, er hatte gehofft … Es war immer schwer, einem jungen, aufstrebenden Kollegen die Illusionen über ihren Beruf nehmen zu müssen. Insbesondere in letzter Zeit.

»Die Sache ist die«, begann er widerstrebend, »dass unser Haus seit geraumer Zeit die Linie verfolgt, grundsätzlich nicht mehr über Terroranschläge zu berichten. Die Explosion: Ja. Dass es eine Bombe war: Eventuell. Aber dass Terroristen dahinterstecken: No way. Terroristen kommen in unserem Blatt nicht mehr vor.«

Dem jungen Reporter fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Wie bitte? Wieso das denn?«

Der Chefredakteur seufzte. »Das letzte Mal, als wir über Terrorismus berichtet haben – das war vor Ihrer Zeit, ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben …«

»Die Artikelserie über al-Qaida? Zum Jahrestag des 11. September? Klar. Kenne ich. Habe ich aufbewahrt.«

Der Chefredakteur seufzte ein zweites Mal. »Nun – wir hatten nicht beachtet, dass ›Usama Bin Laden‹ und ›al-Qaida‹ damals schon in den USA eingetragene Marken waren. Was uns das an Strafen, Gerichtskosten, Anwaltshonoraren und Lizenzgebühren gekostet hat, wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir.«

»Sie meinen, Sie mussten Gegendarstellungen bringen?« Der junge Reporter schnappte nach Luft. »Von Usama Bin Laden?«

»Keine Gegendarstellungen.« Der Chefredakteur schüttelte betrübt das Haupt. »Das wäre ja Presserecht. Nein – wir durften überhaupt nichts bringen. Das ist Markenrecht. Das neue jedenfalls.«

»Aber …« Sein junges Gegenüber verstand die Welt nicht mehr. »Aber das ist doch amerikanisches Recht! Was geht uns das an?«

Der Chefredakteur schob die Ausdrucke des Artikels wieder zusammen. »Ich wollte es erst auch nicht glauben, aber in den letzten Jahren ist es anscheinend üblich geworden, dass irgendwelche Länder sich anmaßen, ihr Recht auf der ganzen Welt durchzusetzen. Jedenfalls hat mich der Herausgeber angerufen und zur Schnecke gemacht, und er wiederum ist vom Premierminister angerufen und zur Schnecke gemacht worden, und deshalb« – er reichte die Papiere über den Tisch – »wird kein Artikel über Terrorismus mehr in diesem Blatt erscheinen, solange ich auf mein Gehalt angewiesen bin.«

»Aber das ist ja …« Der junge Mann war blass vor Entrüstung. Ach, die Jugend und ihre Ideale! So war er auch einmal gewesen. »Und was ist mit der Pressefreiheit? Unserem Informationsauftrag? Der Presse als vierter Gewalt?«

»Ich schlage vor, Sie denken jetzt erst einmal darüber nach, inwieweit Sie auch auf Ihr Gehalt angewiesen sind«, entgegnete der Chefredakteur. »Und dann schreiben Sie den Artikel noch einmal. Und das alles bis siebzehn Uhr, wenn möglich.«

Der junge Mann schluckte. Sven Söderström war den Unterlagen zufolge frisch verheiratet und hatte einen fünf Monate alten Sohn. »Aber was soll ich denn schreiben über die Hintergründe der Tat?«, fragte er schließlich.

»Schreiben Sie einfach«, riet ihm der Chefredakteur, »dass der Täter vermutlich geistesgestört war.« Er verzog das Gesicht. »Das ist ja zumindest nicht falsch.«

* * *

Einige Monate später erhielt Eduard E. Waits einen Anruf des Terroristenführers, über eine Telefonleitung von bemerkenswert guter Qualität, wenn man bedachte, über wie viele Satelliten und Zwischenschaltungen sie gehen musste.

»Mister Bin Laden!«, rief der Anwalt. »Wie geht es Ihnen? Haben Sie die Gelder erhalten?« Er hatte den komplizierten Finanznetzwerken der Terrororganisation inzwischen einen dreistelligen Millionenbetrag an Entschädigungszahlungen anvertraut.

»Ja, ja, das hat alles funktioniert. Deswegen rufe ich nicht an; Geld haben wir sowieso mehr als genug«, erklärte der Anrufer. »Es geht um das, was Sie tun. Ich habe gehört, dass Sie neuerdings auch Zeitungen verklagen, wenn die bloß das Wort ›Terror‹ oder ›Anschlag‹ verwenden –«

»Richtig. Das ist notwendig, um Ihre Marke zu schützen«, bestätigte der Anwalt. »Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie aufgeweicht wird, wie man sagt, und verloren geht. In Ihrem Fall ist es so, dass Sie als weltweit führende Terrororganisation als hauptsächliche gestalterische Kraft dieser Art Unternehmungen zu betrachten sind, sodass hier bereits das Urheberrecht greifen muss, um Ihre Investitionen in dieses Gebiet und Ihr geistiges Eigentum an den zugrunde liegenden Konzepten und Verfahrensweisen zu schützen. Oder einfach gesagt: Wenn es Sie und Ihre Organisation nicht gäbe, wären Terroranschläge aller Art viel weniger berichtenswert und damit gewinnsteigernd, als sie es heute sind – unabhängig davon, ob ein Anschlag im Einzelfall von Ihren Leuten ausgeführt wurde oder nicht.«

»Das ist verrückt«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Das ist amerikanisches Recht«, erwiderte Edward E. Waits.

»Hören Sie, so habe ich mir das nicht vorgestellt«, kam es aus dem Hörer. »Die meisten Zeitungen und Fernsehsender wagen es inzwischen überhaupt nicht mehr, über die Hintergründe unserer Aktionen zu berichten. Das macht alles sinnlos. Was bringt es, Dutzende von Leuten in die Luft zu sprengen, wenn nachher niemand davon erfährt?«

»Wieso? Man erfährt es doch. ›Explosion in Kandahar tötet 23 Menschen.‹ Ich habe die Zeitung vor mir liegen.«

»Ja, aber da steht nicht, dass es ein Anschlag war«, heulte die weiche Stimme des Terroristenführers auf. »Wer das liest, muss ja denken, es sei einfach eine Gasleitung explodiert oder so was.«

»Ich kann den Zeitungen nicht vorschreiben, was sie berichten sollen. Ich bin schon froh, dass ich ihnen bestimmte Berichte verbieten kann.«

Die Stimme im Telefon murmelte etwas, das wie ein arabischer Fluch klang. »Sie verstehen nicht. Für uns … Gotteskrieger ist die Presse ein Verbündeter. Wir führen Anschläge aus, um Angst und Schrecken zu verbreiten – aber für diese Verbreitung sind wir auf die Medien angewiesen! Wenn die Medien es aufgrund Ihrer Aktivitäten gar nicht mehr wagen, zu berichten, dann funktioniert das alles nicht mehr. Ein Bombenattentat, über das nicht berichtet wird …« Er rang nach Worten. »Das ist, als hätte es überhaupt nicht stattgefunden. Da kann man das Bombenwerfen genauso gut sein lassen!«

Ein Beobachter dieses Telefonats hätte den Anflug eines Lächelns gesehen, das über Eduard E. Waits’ Gesicht huschte. Für einen winzigen Moment. Dann fuhr der Anwalt fort: »Nun, wenn Sie das sagen …«

»Ich brauche die westlichen Medien. Al-Jazeerah und ein paar Blätter in Palästina, Syrien und so weiter berichten wie gehabt, ja. Aber auf CNN kommt nichts mehr! Das beeindruckt die Jugend nicht! Wenn das so weiter geht, kriegen wir ernsthafte Nachwuchsprobleme!«

»Ich verstehe«, sagte Eduard E. Waits.

»Sie müssen aufhören mit all dem«, verlangte der Mann am anderen Ende der Telefonverbindung. »Sofort. Unsere Abmachung ist ab sofort null und nichtig.«

Eduard E. Waits hob die Augenbrauen und erklärte förmlich: »Sie werden verstehen, dass ich ein mir erteiltes Mandat nicht auf Grund eines Telefonanrufs beenden kann. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass Sie tatsächlich der sind, der Sie zu sein behaupten.«

»Sie wissen genau, dass ich es bin. Wer sonst wüsste über alles Bescheid?«

»Sie missverstehen mich, Mister Bin Laden. Das liegt nicht in meinem Ermessen. Ich bin, was die diesbezügliche Vorgehensweise anbelangt, an die Standesregeln meines Berufes gebunden. Würde ich tun, was Sie verlangen, würde ich mich des Vertrauensmissbrauchs schuldig machen und meine Zulassung als Anwalt verlieren.«

»Aber Sie müssen damit aufhören!«

»Das kann ich tun, aber ich fürchte, dazu müssten Sie sich in meine Kanzlei bemühen, um die Vollmacht hier vor Zeugen zu widerrufen.«

»Sie wissen genau, dass das unmöglich ist. Man würde mich sofort verhaften.«

»Ich gebe zu, das ist ein Problem. Aber immerhin wäre ich danach nicht mehr verpflichtet, die Berichterstattung über Ihre Festnahme, Ihren Prozess und Ihre Hinrichtung, zu der es vermutlich kommen würde, gerichtlich untersagen zu lassen.«

»Das ist doch Unsinn. Sie müssen wieder zu mir kommen.«

»Ich fürchte, das wird sich so schnell nicht einrichten lassen. Sie müssen verstehen – dazu habe ich aufgrund Ihres Mandats einfach viel zu viel zu tun.«

* * *

Einige Wochen später betrat ein bärtiger Mann, der sechzig Jahre oder älter sein mochte und einen Anzug pakistanischer Machart trug, das Büro der Kanzlei E. E. Waits & Partners. Er wies ein umfangreiches Schreiben vor, das ihn als bevollmächtigten Abgesandten Usama Bin Ladens auswies, berechtigt, in seinem Namen zu sprechen und Abmachungen zu treffen.

Rechtsanwalt Eduard E. Waits prüfte die Dokumente genau. Es hatte alles seine Richtigkeit. Also empfing er den Besucher in seinem großen, repräsentativ eingerichteten Büro, in dem der Blick aus zwei großen Fenstern weit über die City von Boston ging. An einer Wand prangte ein in Gold gerahmtes Porträt eines Mannes, der Eduard E. Waits ähnlich sah, aber etwas älter war. Die gegenüberliegende Wand wurde von einem dunkelblauen Vorhang verborgen. Hinter dem wuchtigen Ledersessel des Anwalts hingen Urkunden, Sportabzeichen und ein abgenutzter Baseball-Schläger.

Der greise Mann nahm in dem angebotenen Sessel Platz und erklärte ohne Umschweife: »Sie wissen, weswegen ich komme. Scheich Usama Bin Laden hat mich beauftragt und bevollmächtigt, die Vereinbarung, die zwischen ihm und Ihnen getroffen wurde, zu widerrufen.«

Eduard Earnest Waits faltete die Hände. »Das habe ich mir gedacht.«

»Ich soll Ihnen außerdem ausrichten«, fuhr der Besucher fort, »dass Scheich Usama Bin Laden das Gefühl hat, von Ihnen hintergangen worden zu sein. Er glaubt, dass Sie ihm Ihren Plan einzig und allein deshalb unterbreitet haben, um Geld zu verdienen.«

Eduard Earnest Waits nickte gelassen. »Auch das habe ich mir gedacht.«

»Ich soll Ihnen darüber hinaus sagen, dass …« Der alte Mann zögerte. »Sind wir hier unter uns?«

Eduard Earnest Waits nickte wieder. »Sie können ganz offen sprechen. Nichts, was in diesem Raum gesprochen wird, verlässt ihn. Alles andere wäre ein Verstoß gegen die anwaltliche Schweigepflicht.«

»Gut«, sagte der Besucher. »Also – ich soll Ihnen sagen, dass Ihr Verhalten unwürdig ist und geahndet werden wird.«

Eduard Earnest Waits nickte ein drittes Mal. »Ich will ebenfalls ganz offen mit Ihnen sprechen. Erstens: Ich werde Ihren Besuch ignorieren und weitermachen wie bisher –«

»Aber –«, begehrte der Besucher auf.

»Zweitens«, fuhr Eduard Earnest Waits fort, »irrt sich Ihr Auftraggeber, was meine Motive anbelangt.«

Er stand auf und zog den Wandvorhang beiseite. Dahinter hing ein gerahmtes Foto, das das brennende World Trade Center zeigte.

»Im Jahre 2001«, fuhr er fort, »gehörte ich der Sozietät Wayne, Miller and Partners an, die ihren Sitz im 99. Stockwerk des Gebäudes hatte, das Sie hier brennen sehen. Mein Bruder – dessen Porträt Sie hier drüben sehen – gehörte ebenfalls dieser Sozietät an. Die meisten Partner waren meine Freunde. Ich war der Einzige, der am Morgen des 11. September nicht im Büro war. Ein Termin beim Zahnarzt hat mir das Leben gerettet.«

»Oh«, sagte der Besucher leise.

»Nach diesem Tag«, fuhr Eduard E. Waits fort, »tat ich mehr oder weniger dasselbe wie unser damaliger Präsident – ich beschloss, den Terror zu bekämpfen. Doch während unser Präsident sich, wie wir heute wissen, unwirksamer Mittel bediente und ungangbare Wege beschritt, suchte ich nach einer anderen Strategie.«

Er kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück. »Zunächst bewegten sich meine Vorstellungen eher in konventionellen Bahnen – Rechtsbeistand für Terroropfer, Beschlagnahme von finanziellen Mitteln und dergleichen –, doch dann kam es zu dem Anschlag von Madrid. Hunderte Tote. Ein Massaker.« Er lehnte sich zurück. »Und ich bekam davon überhaupt nichts mit.«

Der bärtige Pakistani schnappte nach Luft. »Was? Aber wie ist das –?«

»Ich befand mich damals auf einem zweiwöchigen Urlaub in den Rocky Mountains. Nur ich, ein Rucksack, ein Gewehr und endlose Wälder. Ich musste vor einem Bären ausreißen, verlief mich mehrmals und trank Wasser aus Wildbächen. Und als ich zurück in die Zivilisation kam, stellte ich fest, dass ich einen Terroranschlag verpasst hatte.« Der Anwalt faltete die Hände. »Weil mich keinerlei Nachrichten erreicht hatten. Erstaunlich, nicht wahr? Ich begann, mich zu fragen, was wohl aus dem Terrorismus werden würde, wenn alle Zeitungen, Fernsehsender und so weiter übereinkämen, nicht mehr darüber zu berichten.«

Der greise Mann im Besuchersessel hörte ihm schweigend zu, mit Augen, in denen Angst stand. Angst vor dem Zorn seines Auftraggebers, vermutlich.

»Eine illusorische Vorstellung, dachte ich zunächst«, fuhr Eduard E. Waits fort. »Auf freiwilliger Basis niemals zu erreichen. Doch musste es denn auf freiwilliger Basis geschehen?« Er lächelte kalt. »Als ich Mister Bin Laden gegenüber sagte, das amerikanische Rechtssystem sei die wirkungsvollste Waffe, die es gibt, hat er einfach nicht verstanden, dass ich von Anfang an vorhatte, sie gegen ihn zu richten. Das ist alles.«

© 2007 Andreas Eschbach

Auszug aus:

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Kriterien zur Auswahl von Imagebildern (Gastartikel)

Zwei Mal schon habe ich vom Buch „Grafik und Gestaltung“ des Grafikers Markus Wäger geschwärmt. Damit ihr euch selbst vom Inhalt überzugen könnt, hat mir Markus erlaubt, eine Leseprobe zu veröffentlichen und ich habe mir die Kapitel 5.3.5 und 5.3.6 rausgesucht, die meiner Meinung nach für uns Stockfotografen direkt hilfreich sind. Ich habe aber nicht alle Bilder übernommen, weil das zuviel gewesen wäre. Los geht’s, ab hier schreibt Markus:

Kriterien zur Auswahl von Imagebildern

Ich kann keine verbindlichen Rezepte für die Auswahl perfekt funktionierender Imagebilder liefern. Gerade wenn Menschen im Bild sind, sind die Emotionen, die sie auslösen, von Betrachter zu Betrachter verschieden. Genau wie jeder andere Mensch reagiere auch ich subjektiv auf die abgebildeten Personen und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie hier Bilder von Personen finden, die ich als besonders ansprechend empfinde, die Ihnen unsympathisch sind. Ich kann aber ein paar Kriterien nennen, die ich zur Auswahl von Bildern heranziehe und die Sie als Basis für Ihre Bildbeurteilungen nutzen können. Wie so oft gilt : Schon die bewusste Auseinandersetzung mit einem Gestaltungsaspekt wird Sie zu besseren Resultaten führen.

Authentizität der Darsteller | Sind die Typen glaubwürdige Charaktere ? Nehmen Sie Ihnen ihre Rollen ab ? Kann sich Otto Normalverbraucher beziehungsweise die anvisierte Zielgruppe mit ihnen identifizieren? Auch wenn das Gesicht eines eingekauften Imagebildes für die Mitarbeiter des Unternehmens steht, sollte der Typ glaubwürdig sein und nicht zu sehr wie ein geschniegeltes Modell daher kommen. Nichts gegen gestylte Modelle, doch nicht jede Kommunikationsaufgabe lässt sich mit Ihnen authentisch illustrieren. Die Professionalität der Modelle hingegen ist Um und Auf. Nur Profis spielen ihre Rollen glaubwürdig ; mit Laien ist Authentizität schwer zu erreichen. Es geht vor allem darum, wie natürlich eine Szene inszeniert ist und das gelingt mit professionellen Modellen oft glaubwürdiger als mit echten Personen.

Abb. 5.98: Für die Betriebe meiner Region ein glaubwürdiges Imagebild (© Goodluz/Shutterstock)
Abb. 5.98: Für die Betriebe meiner Region ein glaubwürdiges Imagebild (© Goodluz/Shutterstock)

Passend zu Region und Branche | Als Bewohner einer etwas ländlicheren Region mit Auftraggebern aus kleinen und mittleren Betrieben gestaltet sich für mich die Suche nach passenden Imagebildern bei Agenturen oft schwierig. Es dominieren Business People mit Anzug und Krawatte. Für London, Mailand oder Frankfurt wohl passend, doch hier im Vorarlberger Rheintal tragen nur Banker Anzug und Krawatte beziehungsweise Leute die einen Termin bei der Bank haben. Ansonsten ist die Geschäftswelt hier hemdsärmeliger und die Leute sind meist leger gekleidet. 90 % der Businessbilder sind für meine Gestaltungsaufgaben deshalb unbrauchbar – ein Problem, das wohl die meisten Gestalter teilen, die abseits von Ballungszentren arbeiten oder aber auch städtische Kunden abseits vom Big Business betreuen.

Abb. 5.99: Weniger authentisch, wo ich lebe und arbeite (© michaeljung/Shutterstock)
Abb. 5.99: Weniger authentisch, wo ich lebe und arbeite (© michaeljung/Shutterstock)
Abb. 5.100: Blicken die Personen zur Kamera, ist Lächeln glaubhaft. ( (© Pressmaster/Shutterstock)
Abb. 5.100: Blicken die Personen zur Kamera, ist Lächeln glaubhaft. ( (© Pressmaster/Shutterstock)

Ausdruck | Ein zweites Problem neben omnipräsenten Business-Uniformen stellt das unvermeidlich breite Lächeln der -Modelle dar. Wirklich gute Models schaffen es zwar auf Kommando das natürlichste Lächeln der Welt ins Gesicht zu zaubern und bei Motiven die ganz offensichtlich im Stile eines Porträt- oder Gruppenfotos inszeniert sind (Abb. 5.100) geht das wohl auch in Ordnung. Doch wenn vier Personen vor einem iPad sitzen und grinsen (Abb. 5.101), dann sind sie nicht an der Arbeit, sondern schauen sich ein Filmchen auf Youtube oder die Urlaubsfotos des Mannes mit dem Tablett in der Hand an. Was würden Sie von Leuten denken, die mit Ihnen am Besprechungstisch sitzen und pausenlos grundlos vor sich hin grinsten ? Genau ! Deshalb suche ich in den Gesichtern der Modelle zur Situation passende Gesichtsausdrücke – freundlich : meistens ja ; breit grinsend : das muss zur Szene passen.

Abb. 5.101: Ist das eine authentische Projektbesprechung? (© Edyta Pawlowska/Shutterstock)
Abb. 5.101: Ist das eine authentische Projektbesprechung? (© Edyta Pawlowska/Shutterstock)
Abb. 5.102: Direkter Blick (inklusive eines Lächelns) (© Mila Atkovska/Shutterstock)
Abb. 5.102: Direkter Blick (inklusive eines Lächelns) (© Mila Atkovska/Shutterstock)

Blickrichtung | Über die Wirkung direkten Blickkontakts und wie man von der Kamera abgewandte Blicke nutzen kann haben wir uns bereits unterhalten. Abbildung 5.102 zeigt dazu noch einmal ein starkes Motiv, nämlich ein niedliches Tierkind. Verstärkt wird die Bildwirkung durch den Eindruck der Hund lächle, was ihm menschliche Züge verleiht, ohne seine Niedlichkeit zu untergraben. Abbildung 5.103 zeigt wie viel Kraft das Bild einbüßt, wenn derselbe Hund nicht mehr in die Kamera blickt.

Abb. 5.103: Der Blick zur Seite schwächt die Wirkung (© Mila Atkovska/Shutterstock)
Abb. 5.103: Der Blick zur Seite schwächt die Wirkung (© Mila Atkovska/Shutterstock)

Kindchenschema | Noch mehr Kraft als niedliche Tierkinder haben natürlich knuddlige Menschenkinder. Das Gesicht eines Babys ist ein Schlüsselreiz dem wir uns nicht entziehen können : Große Augen, Pausbäckchen, Stupsnase, kleines Kinn, großer Oberkopf. Vor allem Tiere die mehr oder weniger deutlich diesem Schema entsprechen empfinden wir als niedlich. Dem folgend sind auch Comic Figuren gezeichnet indem diese typischen Merkmale betont werden, jedenfalls so lange es um die guten Charaktere geht. Bei Bösewichten kann man das schon einmal umkehren.
Abbildung 5.105 und 5.106 demonstrieren ein weiteres mal den Unterschied der Bildwirkung ob das Subjekt – das Kleinkind – in die Kamera sieht und damit dem Betrachter in die Augen, oder ob der Blick zur Seite gerichtet ist.

Es gibt natürlich immer Gründe sich für Aufnahmen zu entscheiden, bei denen das Modell nicht zur Kamera blickt. Neben des Potenzials die Blickrichtung des Protagonisten zu nutzen, um Botschaften markant zu platzieren, vermitteln Bilder, auf denen der Blick und damit das Interesse nicht der Kamera gilt, eher den Eindruck, eine reale Szene zu beobachten und nicht eine gestellt – Aufnahmen können so also an Authentizität gewinnen. Blickt das Modell zu Kamera ist klar, dass es die Kamera gesehen hat und für das Foto posiert – wahrscheinlich sagte der Fotograf : »Hier ist das Vögelchen.« Und : »Say Cheese.«

Abb. 5.107: Visionärer Blick (© PT Images/Shutterstock)
Abb. 5.107: Visionärer Blick (© PT Images/Shutterstock)

Der in die Ferne gewandte Blick (Abb. 5.107) kann etwas Visionäres vermitteln – den Blick in die Zukunft oder Weisheit. Doch auch hier kommt es auf den Charakter des Blicks und der Aufnahme an. Bei Abbildung 5.108 scheint mir das Modell eher durch irgendetwas im Garten von der eigentlichen Aufnahme abgelenkt zu sein.

Abb. 5.108: Der Blick wirkt hier vor allem abgelenkt. (© Natalia Hirshfeld/Shutterstock)
Abb. 5.108: Der Blick wirkt hier vor allem abgelenkt. (© Natalia Hirshfeld/Shutterstock)

Üblicherweise sollte man die Leserichtung berücksichtigen, wenn der Blick in die Ferne den visionären Blick in die Zukunft vermitteln soll – Blickrichtung nach links wird eher rückwärtsgewandt empfunden (Abb. 5.109), während der Blick nach rechts nach vorne geht und somit als in die Zukunft gerichtet assoziiert wird (Abb. 5.10).

Bildstil | Neben diesen inhaltlichen Fragen zu Authentizität, Ausdruck und Blickrichtung ist auch der Bildstil relevant. Für mich eine weitere Hürde Aufnahmen zu finden, mit denen ich rundum glücklich bin. Die Masse der Aufnahmen sind sehr clean inszeniert, fotografisch umgesetzt und nachbearbeitet. Dafür gibt es natürlich gute Argumente, denn wie ich weiter vorne bereits bemerkte ist professionelle Fotografie notwendig wenn dem Betrachter eines Folders, Inserats oder Internetauftritts ein professionell arbeitendes Unternehmen näher gebracht werden soll. Das Ganze hat allerdings den Nachteil, dass die Aufnahmen dann auch in Bezug auf den fotografischen Charakter austauschbar wirken.
Bereits in den 1970er Jahren entwickelten Fotografen Teils sehr natürliche Aufnahmestile. Ein Trend, der in den 80er Jahren zurück ging und durch einen sehr klinischen Bildstil ersetzt wurde. Seit den 1990er Jahren gibt es einen zunehmenden Trend zurück zu natürlich wirkenden Aufnahmen.

Abb. 5.112: Nicht nur die Aufnahme durch das Glas lässt das Bild so spontan erscheinen - auch der geringe Kontrast und die kühle Farbtönung (© vita khorzhevska/Shutterstock)
Abb. 5.112: Nicht nur die Aufnahme durch das Glas lässt das Bild so spontan erscheinen – auch der geringe Kontrast und die kühle Farbtönung (© vita khorzhevska/Shutterstock)

Viele vor allem junge Fotografen arbeiten bewusst mit farblichen Verfremdungen und fotografischen sowie digitalen Effekten, die an sich nach den Regeln der Kunst Fehler wären. Doch genau diese scheinbaren Fehler und Abweichungen von fotografischer Perfektion machen die Aufnahmen authentischer, weil sie ein bisschen wirken, als hätte sie Otto Normalverbraucher mit seiner -Kamera geknippst. Trotzdem sieht man den Bildern die professionelle Hand an – sie wirken wie exzellente Glückstreffer eines Schnappschussfotografen und vermitteln so den Eindruck ganz nahe am eigenen Leben aufgenommen worden zu sein.

Neben diesen Stilmitteln die Bildern eine spontane und natürliche Wirkung verleihen, gibt es auch eine Tendenz Schattierungen durch überbetonte Dynamik herauszuarbeiten was zu einem eher unnatürlich anmutenden Bildcharakter führt (Abb. 5.113) und manchmal beinahe wie gemalt wirkt. Dieser Trend folgt einer neuen Technologie der digitalen Fotografie, die sich High Dynamic Range (HDR) nennt. Nach der ersten Euphorie über den neuen Bildstil und die damit verbundenen Möglichkeiten kehrte bei professionellen Fotografen bald Ernüchterung ein, was meiner Ansicht nach vor allem an Unmengen laienhafter HDR-Aufnahmen lag, die soziale Netzwerke und Bilder-Communitys überfluteten. Mittlerweile gewinnt der Stil auch in der professionellen Fotografie wieder an Fahrt und ich habe den Eindruck, dass wir gerade eine Veränderung unseres Empfindens wie Fotos auszusehen haben, erleben.

Abb. 5.113: Das Bild erinnert an den Charakter sogennanter HDR-Bilder - ein Stil, der sehr stark im Kommen ist. (© BestPhotosStudio/Shutterstock)
Abb. 5.113: Das Bild erinnert an den Charakter sogennanter HDR-Bilder – ein Stil, der sehr stark im Kommen ist. (© BestPhotosStudio/Shutterstock)

Sowohl der HDR- als auch der natürliche Bildstil findet sich im Moment jedoch vor allem bei bestimmten Themenbereichen. Gerade der betont natürliche Bildstil mit seinen Teils verschobenen, verblassten und verwaschenen Farben, mit Blendenflecken, über- und unterbelichteten Bildbereichen und Unschärfen auch da, wo sie an sich nicht sein sollten, findet sich vor allem im Bereich jugendlichen Lifestyles. In vielen Bereichen jedoch tut man sich schwer Bildstile abseits eines cleanen Norm-Looks zu finden.

Maßgeschneiderte Lösungen 
vom Auftragsfotografen

Klar im Vorteil ist wer sich nicht im Angebot von Bildagenturen nach Aufnahmen von der Stange umsehen muss, sondern einen Profifotografen beauftragen kann. Ihm können Sie Vorlagen zeigen, die den Charakter, das Aussehen und die Stimmung der Aufnahme die sie wünschen zeigen. Mit ihm können Sie Modelle aussuchen die Ihren Vorstellungen entsprechen und Sie können bei der Aufnahme dabei sein, um Regieanweisungen zu geben. Ihm können Sie auch sagen, wie weit er bei der Retusche gehen soll.

Schön wäre natürlich man könnte für jedes Bild einen Profi engagieren der das gewünschte Bild nach Maß schneidert. Die Realität liefert aber oft Situationen, in denen das nicht möglich ist, sei es aus Zeit- oder Budgetmangel. Ich habe für dieses Buch hunderte Bilder benötigt um die Erklärungen zu illustrieren und das Layout lebendig zu gestalten. Nicht jedes Foto sieht genau so aus, wie ich es mir wünschte. Doch jede Aufnahme mit Modellen und Fotografen gesondert zu inszenieren, wäre weder zeitlich noch wirtschaftlich realistisch. Aus diesem Grund schätze ich das Angebot von Shutterstock, Fotolia, iStockphoto & Co als wertvolle Bereicherung für den Gestaltungsalltag, auch wenn die Arbeit damit Kompromisse fordert – Kompromisse die man bei der Arbeit mit einem Fotografen nicht eingehen muss.

(Leseprobe aus dem Buch „Grafik und Gestaltung„*, 2. Auflage von Markus Wäger, Galileo Verlag, 2014)

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Die Bildershop-Software Pixtacy 4 braucht Beta-Tester (Gastartikel)

Der Fotograf Thomas Gade aus Berlin vom medienarchiv.com schickte mir diesen Gastartikel, weil er um Mithilfe bei der Verbesserung der von ihm genutzten Bildershop-Software Pixtacy bitten möchte:

Fotografen, die ihre Bilder im Internet präsentieren und verkaufen, nutzen verschiedene Möglichkeiten. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, dass sie entweder im eigenen Webspace individuell aufgesetzt und gemanagt werden oder von anderen nach deren Regeln betrieben werden.

Welche Gründe sprechen für die eigene Bilddatenbank? Stockagenturen nehmen viele Bilder gar nicht an, die vom Urheber als präsentationswürdig erachtet werden. Eventfotografen brauchen Präsentations- und Vermarktungsplattformen, die zu ihrem Geschäft passen. Archive präsentieren ihre Bestände im Rahmen einer musealen Philosophie, beispielsweise Ausschnitte aus fotografischen Nachlässen von Menschen, die regionale Zeitgeschichte dokumentiert haben. Im kommerziellen Sektor finden solche Bestände keine angemessene Präsentation.

Beispiel für Pixtacy-Frontend
Beispiel für Pixtacy-Frontend

Es gibt gute kostenlose Lösungen wie Coppermine, Piwigo und Gallery 3. Nach der unvermeidlichen Lernphase lassen sich damit ansprechende Bildergalerien aufbauen. Das Urgestein Coppermine hat ein reges Forum, mit dessen Hilfe sich viele Fragen rasch klären lassen. Unter den kostenlosen Bilddatenbanken ist es aus meiner Sicht die interessanteste, zumal Gallery 3 nicht mehr gepflegt wird.

Seit 2009 gibt es das in Bremen entwickelte Pixtacy, ein ‚Shopsystem für Fotografen‚. Es basiert auf dem Content Management System (CMS) Virthos, das mir neben Pixtacy noch nie begegnet ist und wird von Martin Wandelt, einem mit den kaufmännischen Interessen der Fotografen bestens bewanderten Programmierer, betreut.

Pixtacy hat die üblichen Elemente von Bilddatenbanken. Es gibt eine Eingangsseite mit Login- und Suchfunktion gefolgt von einer Übersichtsseite in Form einer Liste oder mit Thumbnails und dazugehörigen Bezeichnungen. Dies sind übergeordnete Themen, anderswo Kategorien genannt, zu denen beliebig viele Alben gehören können. Sie werden ebenfalls als Thumbnails angezeigt und nach dem Öffnen eines Albums sieht man die darin befindlichen Bilder in der gleichen Form. Jedoch ist beim Mouse-over auf einem der kleinen Bildchen eine größere Darstellung zu sehen und nach einem Klick darauf erscheint eine Einzeldarstellung mit detaillierten Informationen und, falls eingerichtet, Lizenzierung-und Erwerbsmöglichkeiten, Leuchtkastenfunktion und mehr. Martin Wandelt hat das technisch gut gelöst und selbst eine ausgewachsene kommerzielle Abwicklung integriert, wie die Rechnungslegung und Dokumentation. Letzteres bietet keine Freeware.

Hier ist ein Link zu vielen Pixtacy Installationen, dort kann man diverse Designs ansehen.

Hat man lokal seine eigenen Bilder im Griff, also ordentlich beschriftet, strukturiert und benannt, ist der Aufbau eines Onlinearchivs relativ simpel. Man lädt eine Kopie seines gesamten Archivs mit all seinen Verzeichnissen und Unterordnern in ein Zielverzeichnis. Anschließend wird Pixtacy beauftragt, die Bilder zu importieren und Thumbnails nebst Previews mit oder ohne Wasserzeichen anzufertigen.

Das Einrichten der individuell gewünschten Verkaufsoptionen ist kniffliger, doch am Ende können die Bilder in verschiedenen Auflösungen gegen Honorar lizenziert werden oder als Abzüge bis hin zum Druck auf einem Kaffeepott bestellt werden. Die entsprechenden Dienstleister werden eingebunden und der gesamte Vorgang läuft anschließend automatisch ab.

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, zumal die Free-Edition für maximal 250 Fotos kostenlos ist und die Lizenzgebühr für eine Professional-Edition faire 349 € kostet. Der Anbieter gewährt zu verschiedenen Anlässen Rabatte. Mit einem kostenpflichtigen Zusatzmodul ist Pixtacy sogar an Picturemaxx anzubinden, dem Recherche- und Bestelltool der Redakteure schlechthin.

Jedoch gibt es eine Achillesferse. Das Design von Pixtacy bewegt sich auf einem Niveau, das längst nicht mehr zeitgemäß ist. Der Benutzer kann durch Veränderungen an verschiedenen CSS- und anderen Dateien eigene Gestaltungsideen realisieren. Seltsamerweise liegen die relevanten Dateien nicht in einem individuell benennbaren Themeverzeichnis, sondern in mehreren Ordnern. Der Entwickler setzt einen hohen Kenntnisstand bezüglich der Webseitentechnologie voraus, um ansprechende individuelle Installationen einzurichten.

Teil des Backends von Pixtacy
Teil des Backends von Pixtacy

Eine seit langem vorherrschende Kritik an dem Projekt ist der Umstand, dass durch Updates mühsam erstellte Veränderungen außer Kraft gesetzt werden. Die Benutzer können sich nach einer gewissen Pause nicht mehr im einzelnen daran erinnern, wo und was sie geändert haben. Die betreffenden Dateien werden durch Updates überschrieben und es gibt kein benutzerfreundliches Verfahren, um dies zu verhindern.

Vor einigen Wochen wurde auf der Pixtacy-Website zum Betatest der in Kürze erscheinenden Version 4 aufgerufen. Die Teilnahme am Betatest ist kostenlos. Bislang ist die Resonanz mau. Abgesehen von einigen wenigen Stimmen, die begrüßen, dass sich endlich etwas tut, kommt nur aus einer Ecke konstruktive Kritik. Eventuell an diesem System Interessierte lassen die Chance verstreichen, Einfluss zu nehmen auf den Entwickler, der Hinweise und Vorschläge ernst nimmt, wenn sie von mehreren geäußert werden.

Die neue Version bietet endlich die Möglichkeit, Thumbnail- und Previewabmessungen flexibel einzustellen und sie adaptiv zu präsentieren. Doch die für ein eigenes Design relevanten Dateien befinden sich in drei verschiedenen Ordnern. Damit bleibt jedes Erscheinungsbild durch jedes Update gefährdet. Um dies zu vermeiden, gehören diese Dateien in einen einzigen Ordner, der vom Benutzer im Themeverzeichnis angelegt wird und einen Namen bekommt, den kein anderes Verzeichnis in der Pixtacyinstallation trägt. So kann er bei Updates nicht überschrieben werden.

Programmiertechnisch ist es sicherlich keine große Angelegenheit, die entsprechenden Pfade zu den CSS- und HTML-Dateien so zu bestimmen, dass diese Dateien in einem einzigen Ordner sind und nicht über die gesamte Installation verteilt. Dann gäbe es die Möglichkeit, Themes zu entwickeln, die leicht mit anderen zu teilen sind.

Wenn euch das Thema interessiert, beteiligt euch am Betatest und wirken wir gemeinsam darauf hin, dass das oben beschriebene Problem vernünftig gelöst wird.

Erfahrungsbericht: Der CrazyTrickler für die Highspeedfotografie (Gastartikel)

Hallo, mein Name ist Daniel Nimmervoll. Heute möchte ich Euch einen neuen Trigger für die Highspeedfotografie vorstellen. Vielen Dank an Ralf Höppner, der mir den CrazyTrickler zur Verfügung gestellt hat und an Robert Kneschke für den Gastbeitrag in seinem Blog.

Als Nichtelektroniker, der gerade mal zwei Drähte verlöten kann, bin ich auf fertige Produkte am Markt angewiesen. Der CrazyTrickler ist mittlerweile neben dem StopShot von Cognisys und dem GlimpseCatcher mein drittes Gerät, mit dem ich Highspeed- und Liquid Art Aufnahmen realisieren kann. Daher kann ich den CrazyTrickler auch nur mit diesen beiden Geräten vergleichen.

Der Hersteller (Ralf Höppner Elektronik) hat mir einen CrazyTrickler, drei Magnetventile, Kabel sowie eine Lichtschranke zugeschickt.

Wichtig war mir, dass ich die Testaufnahmen mit dem gelieferten Setup ohne Modifikation erstelle. So kann jeder sehen, was mit diesen Komponenten möglich ist. Mein aktuelles Setup ist durch andere Düsen optimiert und somit könnten die Ergebnisse nicht miteinander verglichen werden. Mit dem CrazyTrickler kann man natürlich auch jedes andere Magnetventil mit den gleichen Anschlußwerten verwenden. Damit kann das Setup ebenso hinsichtlich der Reproduzierbarkeit optimiert werden, wie ich es ausführlich in der neuen 2. Auflage meines Buches „Highspeed Fotografie“* beschrieben habe.

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So sieht der CrazyTrickler aus:

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Die drei Magnetventile haben eine Nennweite von 2,0 mm:

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Also dann, los geht’s! Das Setup ist aufgebaut und in den Wasserbehälter habe ich eine rot eingefärbte Wasser-Guarkernmehl-Mischung gegeben. Begonnen habe ich dann mit den klassischen TaT’s (Tropfen auf Tropfen) mit Spiegelung. Das sind quasi die einfacheren Wasserskulpturen mit nur einem Magnetventil im Einsatz. In dem Fall habe ich das mittlere Ventil verwendet.

Setup für die Klassischen TaT's
Setup für die Klassischen TaT’s

Von hinten habe ich mit 5 Yongnuo YN-560 II* Blitzen durch eine Acrylglasscheibe beleuchtet:

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Gesteuert wird der CrazyTrickler über den USB-Anschluss an einem Laptop oder PC. Mit der beiliegenden Software können übersichtlich die Ventile, Blitze und die Kamera exakt auf die Millisekunde genau gesteuert werden. Die Software ist intuitiv zu bedienen. Ich habe mich binnen Minuten zurechtgefunden und konnte die ersten Tropfen fallen lassen.

Zuerst habe ich versucht, einen Tropfen im freien Fall zu erwischen. Mit der Loop Funktion startete ich dann 5 Aufnahmen vollautomatisch, um zu prüfen wie genau der crazyTrickler und das Magnetventil arbeiten. Zwischen den Aufnahmen bewegte sich der Wassertropfen in der Höhe nur etwa 1-2 Millimeter. Das ist ein sehr guter Wert, mit dem StopShot bzw. dem GlimpseCatcher erhalte ich etwa gleiche Werte.

Sehr angenehm empfand ich die Bedienung der Software. Während die Loop Funktion läuft, können jederzeit Werte verändert werden, ohne dass der Loop unterbrochen werden muss. Die geänderten Zeiten werden dann sofort übernommen und man kann die Ergebnisse sehen. Gut fand ich auch, dass man schnell einen Tropfen fallen lassen kann, ohne dass die Kamera ausgelöst wird. Dies braucht man zum Beispiel, um den Fokuspunkt zu setzen oder bei der 3-Ventil-Technik, wo jedes Ventil exakt justiert werden muss, damit jeder Tropfen auf denselben Punkt auftrifft. Durch einen Doppelklick auf die jeweilige Ventilöffnungszeit fällt dann nur von diesem einen Ventil ein Tropfen. Anders herum kann auch die Kamera mit den Blitzen ausgelöst werden, ohne dass die Ventile schalten. Das ist hilfreich, um zum Beispiel das Licht einzustellen. Dies geht mit dem StopShot bzw. dem GlimpseCatcher nicht so komfortabel.

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Screenshot mit den Zeiten in Millisekunden zum oberen Bild. Die Verzögerung der Kamera stellte ich beim „Hauptblitz 2“ ein. In diesem Fall betrug das Delay 450 Millisekunden.
Screenshot mit den Zeiten in Millisekunden zum Bild oben. Die Verzögerung der Kamera stellte ich beim „Hauptblitz 2“ ein. Hier betrug das Delay 450 Millisekunden.

Nach wenigen Minuten hatte ich bereits das obere Bild geschafft. Mit leicht geänderten Zeiten habe ich wieder die Loop Funktion gestartet um auch hier zu beurteilen, wie gut das Magnetventil mit der Düse arbeitet. Das Ergebnis ist sehr gut. Wie ihr sehen könnt sind alle 6 Bilder beinahe identisch. Lediglich die letzten beiden fallen ein klein wenig aus der Reihe. Das liegt aber eher am fallenden hydrostatischen Wasserdruck, weil natürlich der Wasserstand im Behälter oben sinkt.

Eine Serie von 6 Bildern mit denselben Einstellungen
Eine Serie von 6 Bildern mit denselben Einstellungen
Ohne Beleuchtung von unten
Ohne Beleuchtung von unten
Bei diesem Bild hatte ich von unten zusätzlich einen Blitz mit blauer Farbfolie verwendet.
Bei diesem Bild hatte ich von unten zusätzlich einen Blitz mit blauer Farbfolie verwendet.

Vielleicht noch ein paar Worte zur Kamera und Objektiv. Bei all diesen Aufnahmen habe ich meine Canon 5D MK II* mit dem Canon 135 mm 2.0 L Objektiv* verwendet. Bisher hatte ich immer das Sigma 150 mm* Makro Objektiv genommen. Vor ein paar Wochen habe ich mir das 135 mm von Canon gekauft und durch die 0,9 Meter Naheinstellungsgrenze ist dieses für diese Aufnahmen hervorragend geeignet. Der große Vorteil von dieser Linse ist, dass das Bokeh extrem weich und schon fast wie gezeichnet aussieht. Gerade bei dem folgenden Setup mit der Alufolie als Hintergrund kann das 135er seine Stärken mit einer Blende von 2,0 bis 2,8 besonders gut ausspielen.

Das Setup mit lediglich zwei Aufsteckblitzen. Jeweils mit zwei Farbfolien bestückt.
Das Setup mit lediglich zwei Aufsteckblitzen. Jeweils mit zwei Farbfolien bestückt.
Mit den Fingern im Wasser habe ich hier leichte Wellen erzeugt.
Mit den Fingern im Wasser habe ich hier leichte Wellen erzeugt.

Nachdem die klassischen TaTs auf Anhieb so gut funktioniert haben, wollte ich die Komplexität erhöhen.

Ein weiterer Vorteil des CrazyTrickler gegenüber dem StopShot ist der eigene Ausgang für die Kamera. Somit hat man alle 3 Ausgänge für die Magnetventile zur Verfügung. Damit steht der 3-Ventil-Technik nichts im Weg. So befüllte ich die beiden anderen Wasserbehälter mit jeweils einer anders eingefärbten Wasser-Guarkernmehl-Mischung.

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Die Zeiten, womit das obere Bild produziert worden ist. Praktisch ist auch, dass die Zeiten mit dem Dateinamen mit protokolliert werden. Rechts oben wird einmal die aktuelle Fotonummer aus der Kamera eingegeben und schon wird alles aufgezeichnet.
Die Zeiten, womit das obere Bild produziert worden ist. Praktisch ist auch, dass die Zeiten mit dem Dateinamen mit protokolliert werden. Rechts oben wird einmal die aktuelle Fotonummer aus der Kamera eingegeben und schon wird alles aufgezeichnet.

Hier noch drei weitere Beispiele mit der 3-Ventil-Technik:

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Zu guter Letzt habe ich dann noch die Double Pillar Aufnahmen getestet. Bei diesen „Zweifüßlern“ lässt man zuerst die beiden äußeren Tropfen fallen, die dann eine Säule bilden. Am oberen Ende sollten sie sich dann treffen worauf im besten Fall ein weiterer Tropfen vom mittleren Ventil trifft. Auch dies hat gleich auf Anhieb funktioniert.

 Die Double Pillars: Sehr interessant finde ich hier, wie sich die unterschiedlichen Farben vermischen.
Die Double Pillars: Sehr interessant finde ich hier, wie sich die unterschiedlichen Farben vermischen.

Die exakte Vorgehensweise, wie ihr selber solche Bilder erstellen könnt, ist in meinem aktuellen Buch Schritt für Schritt beschrieben. Falls ihr solche Bilder in Form eines Workshops bzw. Einzelcoachings unter meiner Anleitung erstellen wollt, biete ich auch dies hier gerne an.

Eines möchte ich noch anmerken. All diese Aufnahmen sind an einem einzigen Nachmittag innerhalb von 2-3 Stunden entstanden. Ich habe also nicht lange herumprobiert, sondern bin relativ schnell zu brauchbaren Ergebnissen gekommen.

Am nächsten Tag habe ich die Lichtschranke getestet. Um es gleich vorweg zu sagen, für Ballistikaufnahmen ist die günstige Lichtschranke nicht zu gebrauchen. Die Diabolos sind einfach zu klein und schnell, um von der Lichtschranke erkannt zu werden. Eine Trefferquote von 10% ist kein zufriedenstellendes Ergebnis. Dies wäre auch eine kleine Sensation gewesen, da die Lichtschranke um ein vielfaches günstiger ist als die von Cognisys. Und selbst die von Cognisys hat schon ihre Probleme. Bei der funktionieren nur die Diabolos aus Kupfer und nicht die aus Blei. Zumindest ist dies bei mir mit meinem Luftdruckgewehr der Fall.

Andere Aufgaben wie fallende Früchte und ähnliches bewältigt die Lichtschranke dagegen hervorragend.

Wie ist nun mein Fazit im direkten Vergleich zum GlimpseCatcher und zum StopShot von Cognisys?

Der CrazyTrickler ist das preiswerteste der drei Geräte. Er hat 3 Ausgänge für die Magnetventile. Der große Vorteil gegenüber dem StopShot ist, dass man hier keinen Ausgang durch die Kamera oder einen Blitz belegen muss. Der CrazyTrickler hat für Kamera und Blitze jeweils eigene Ausgänge. Dadurch kann man immer bis zu 3 Ventile ansteuern. Zudem kann der CrazyTrickler übersichtlich am Laptop bedient werden, was beim StopShot ebenfalls nicht möglich ist. Anfangs hatte ich das Problem, dass das Ventil für den ersten Tropfen manchmal nicht geöffnet hat. Nach Rücksprache stellte sich heraus, dass dieser Fehler dann auftritt, wenn die Startzeit auf 0 ms eingestellt ist. Dieser Bug ist in der aktuellen Programmversion bereits behoben. Ansonsten ist die Software gut durchdacht und bedienerfreundlich.

Der Vergleich mit dem GlimpseCatcher sieht folgendermaßen aus: Der GlimpseCatcher wird ebenfalls übersichtlich am Laptop gesteuert und kann im Grunde alles, was man sich als Highspeed-Fotograf wünschen darf. Die Software vom CrazyTrickler hat mir an manchen Stellen besser gefallen. Eine Änderung der Zeiten während eines Loops, oder dass man schnell durch einen Doppelklick einen Tropfen vom jeweiligen Ventil fallen lassen kann ohne das die Kamera ausgelöst wird, ist mit dem GlimpseCatcher derzeit nicht möglich. Der große Vorteil vom GlimpseCatcher sind natürlich seine 12 Ausgänge. Wenn jetzt jemand mit mehr als 3 Ventilen arbeiten möchte, so muss er etwas mehr Geld ausgeben und zum GlimpseCatcher greifen. Wenn jedoch 3 Ventile ausreichend sind, und damit kann man wirklich viele tolle Sachen anstellen, dann kann bedenkenlos zum günstigeren CrazyTrickler gegriffen werden.

Wenn jemand Ballistik Fotografie betreiben will, dann empfehle ich nach wie vor den StopShot bzw. den StopShot Studio mit den X-Cross-Beam Sensoren.

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Beschleunigung für die Foto-Entwicklung durch PFixer.Lr (Gastartikel)

Heute gibt als Gastartikel für die Technikfreunde und Lightroom-Fans unter euch eine Rezension von Daniel Täger.

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Software in den Händen

Als der Computer Anfang der neunziger Jahre Einzug in die Musikstudios erhielt, wurde die Bedienung von Bandmaschinen, Effekten und Soundprozessoren weitestgehend auf die Maus und auf einen viel zu kleinen, schlecht aufgelösten Bildschirm reduziert. Zu Beginn nur als „Fernbedienung“ und MIDI-Sequenzer eingesetzt, übernahm der Computer mehr und mehr Aufgaben von großen und teuren Geräten im Regieraum. Doch selbst als einige Jahre später hochwertige und ernsthaft einzusetzende Plug-Ins und Algorithmen mit Analogsimulationen von Effekten und Soundprozessoren erschienen, war die Bedienung oft nicht intuitiv, da man „einhändig“ zum einen nicht so schnell, zum anderen nur eingeschränkt wie gewohnt arbeiten konnte. Viele Eingriffe und Trial&Error-Operationen erfordern nun mal den Einsatz von zwei oder sogar mehr Parametern gleichzeitig.

Im Audiobereich mit LogicPro (vor dem Kauf von Apple: Emagic Logic) stellte die Firma Emagic auf der Musikmesse in Frankfurt 2001, revolutionär die LogicControl/MackieControl als eine der ersten bezahlbaren Hardwarecontroller für digitale Audio-Workstations (DAW) vor. Plötzlich war es wieder möglich, mehrere Parameter gleichzeitig zu bedienen und mit Motorfadern die Software in den Händen zu „fühlen“.

In der Fotografie lief es – zwar einige Jahre später – doch ganz ähnlich ab. Wer mit der Zeit ging, ersetzte seine Dunkelkammer durch den Computer und hatte schließlich eine Maus in der Hand.

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Zugegeben, ich mochte das Handling der klassischen Maus noch nie und war aus diesem Grund schon immer auf der Suche nach der besten Alternative dazu. Wenn Wacom sein Intuos4L* schon 10 Jahre früher auf den Markt gebracht hätte, wäre ich an Trackballs, Touchpads, etc. vorbei gekommen.

In dem Stift-Tablet habe ich die beste Lösung gefunden, um den kleinen schwarzen Zeiger über den Bildschirm zu fahren. Und das ausnahmslos in jeder Anwendung: Ich besitze seit mehreren Jahren keine Maus mehr!

Schaut man sich in der professionellen Broadcast- und Film-Postproduktion um, findet man kaum einen Arbeitsplatz, an dem die Maus das Hauptwerkzeug ist.

Am vergleichbarsten mit der Fotografie ist aus diesem Bereich das Color-Grading (die Farbkorrektur). Sie ist sozusagen der Nachfolger des Kopierwerks, in dem nicht nur das Negativ-35mm-Material entwickelt wird, sondern auch der „look“ des Positivfilms generiert wird, ganz ähnlich der Dunkelkammer.

Eines der größten Gradingsysteme hat die Firma Blackmagic Design mit dem DaVinci Resolve* am Markt, mit dem digitales Film-RAW-Material „entwickelt“ wird. Aber fester Bestandteil der Software ist das Hardware-ControlSurface, mit dem die Software vollständig bedient werden kann (abgesehen von Beschriftungen etc.).

Mit diesen ganzen Hintergedanken war mein erster Versuch, um auch Lightroom etwas „griffiger“ zu machen, ein iPad* zu kaufen (tatsächlich war das einer Hauptgründe) und mit der App LRPad zu versehen. Damit hat man schon einen guten Zugriff auf viele Parameter von Lightroom.

Die intuitive Bedienung und der Geschwindigkeitszuwachs waren jedoch sehr begrenzt: Auch am iPad, welches in diesem Fall zu einem Touchpad mit Hintergrunddisplay wird, sucht man immer wieder mit den Augen nach der Position und Lage von Reglern und Knöpfen. Jedes Mal den Blick auf das Tablet abzulenken, um die Belichtung um 0,5 zu erhöhen, dauert am Ende sogar länger als mit der Maus auf dem gleichen Bildschirm.

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Die Lösung: PFixer.Lr

Als die zweite Speicherkarte voll war und ich wusste, dass ich aus diesem Urlaub nicht mit weniger als 1500 Fotos zurückkommen werde, habe ich mich noch vor Ort wieder auf eine Workflow-Optimierungs-Lösung-Suche begeben.

Und siehe da: PFixer.Lr kam auf den Plan!

Die recht neue Software (seit 2013 auf dem Markt) von der kleinen Softwareschmiede Pusher Labs aus Georgia (USA) konnte auf den ersten Blick alles, was ich gesucht habe: vollständige Kontrolle von Lightroom per Hardware-Controller.

Die Software für OSX (leider gibt es momentan keine Windows-Version) ist anfänglich dafür entwickelt worden, um eigene Keyboard-Shortcuts in Lightroom zu definieren. Das funktioniert auch sehr gut, wird nur durch die Anschaffung des Controllers fast überflüssig. Grundsätzlich kann die Software jeden MIDI-Control-Befehl in eine Lightroom-Aktion umsetzen, sprich jedes MIDI-fähige Keyboard, Touch-Controller oder Fader-Bank lässt sich in Lightroom einbinden.

Der Pusher Labs-eigene Controller basiert auf einem Behringer BCF-2000*, welcher mir aus dem Audiobereich als erster „low-budget“ Controller bekannt ist. Für den BCF-2000 gibt es in der Software als einzige Hardware ein vordefiniertes Setup. Pusher Labs vertreibt im eigenen Webstore die Software als stand-alone-Version (USD 99,99), den Behringer BCF-2000 mit angepasstem Layout (USD 299,99) und ein Bundle aus beidem (USD 369,99).

Im Store findet man jedoch recht schnell heraus, dass Pusher Labs nicht außerhalb der USA versendet. Für alle non-citizens gibt es die Möglichkeit, die Software per Seriennummer zu kaufen und sich das angepasste Overlay einzeln zu bestellen (USD 19,99). Mit einem vorhandenen BCF-2000, der Software und dem Overlay bekommen also auch alle anderen einen vollwertiges PFixer.Lr-Panel!

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Für diejenigen, die lieber mehr Rotary-Controller und keine Fader haben möchten, gibt es auch ein adaptiertes Behringer BCR-2000 mit 24 Drehreglern. Allerdings wird dafür kein einzeln bestellbares Overlay angeboten. Laut Hersteller wird beim BCR auch das BCF-Overlay benutzt – mit dem Unterschied, dass die drei Zeilen für die Fader-Beschriftung auseinander geschnitten und unter die Rotary-Encoder geklebt werden.

Da die Markteinführung des Behringer BCF-2000 in Deutschland schon einige Jahre her ist, bekommt man es mittlerweile für ca. 200 €.

Ich habe mich also für die DIY-Variante entschieden und die Software sowie das Overlay bestellt. Zurück aus dem Urlaub, war natürlich noch keine Post aus den USA da. Das hat inklusive Zollabfertigung (!) für einen A4-Pappbriefumschlag gute drei Wochen gedauert. Trotzdem war ich am nächsten Tag im örtlichen Musikfachgeschäft, habe einen Behringer BCF-2000 gekauft und mich ans Basteln gemacht – auf der Homepage von Pusher Labs gibt es ein JPG des Overlays – also Größe anpassen, Ausdrucken, Ausschneiden. Das sieht dann am Ende zwar nicht professionell aus, aber wenigstens konnte ich schon mal testen.

Mittlerweile ist mein echtes Overlay natürlich da. Wie ich befürchtet habe, bekommt man für die 20 Dollar einen geplotteten Aufkleber. Immerhin ist das recht ordentlich gemacht und auch das Aufkleben gestaltete sich mehr als einfach!

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Die Installation unter OSX 10.8 (OSX 10.7 bis 10.9 sind unterstützt!) lief auf meinem MacPro (MacPro 4,1, 8-core 2,66GHz, 12GB RAM, Radeon 7950 3GB) und MacBookPro (MBP 5,1, 2,66GHz Core-Duo, 8GB RAM) wie gewohnt problemlos.

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Funktionsbeschreibung / Erfahrungen

Die Software läuft als kleine Autostart-App und findet sich neben der OSX-Uhr am oberen rechten Bildschirmrand. Das GUI ist übersichtlich und einfach gestaltet, einzig die Neuzuweisung von (MIDI-)Parametern könnte man geschickter lösen.

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Nachdem man Lightroom geöffnet hat, merkt PFixer.Lr direkt, dass es etwas zu tun hat und initialisiert die Parameter (Bindings). Dieser Vorgang dauert ca. 10 Sekunden.

Jetzt kommt die erste und einzige „Stolperfalle“ des Systems: Befindet man sich im Bibliotheksmodus von Lightroom, passiert mit den Motorfadern des BCFs erst einmal nichts, die einzigen funktionstüchtigen Tasten sind „vorheriges Foto“ und „nächstes Foto“.

Schaltet man in den Entwicklungsmodus von Lightroom (nur dort kommunizieren Lightroom und Panel miteinander!), hört man zum ersten Mal die Motorfader des Controllers. Der synchronisiert sich ab dann mehrmals die Sekunde (in der Software einstellbar) und reagiert auf alles, was man vom Panel an Lightroom schickt und umgekehrt.

Die Latenz, also die Verzögerung von der Änderung eines Wertes auf der BCF bis zum Reagieren der Regler in Lightroom, ist sehr kurz (einige Millisekunden). Bis sich die Änderung dann auf das Bild auswirkt, kommt wie gewohnt auf Bildgröße, CPU und Grafikkarte an. In meinem Setup fühlt sich „Ursache-Wirkung“ jedoch sehr direkt an, auch wenn man zwei oder drei Parameter gleichzeitig bewegt (ca. 0,2 Sekunden).

Schaltet man zum nächsten Foto, aktualisiert sich das Panel umgehend und die Fader und Rotary-Controller springen auf die aktuelle Position. Dadurch, dass Behringer bei dem Preis des Controllers keine Penny+Giles oder ALPS Motorfader verbaut hat, ist dies jedoch mit einem ordentlichen Geräuschpegel zu hören. Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass die Fader an das obere oder untere Ende „schlagen“, weil sie nicht so genau wissen, wo die Schiene endet. Bei gedrückter „Learn“-Taste während des Einschaltens des Panels kann man die Fader zwar kalibrieren, jedoch brachte das bei mir nur minimale Besserung.

Tragisch ist die Lautstärke beim Entwickeln von Fotos nicht, aber bei der Vorstellung, den Controller für seine eigentlichen Aufgaben in der Musikproduktion zu verwenden, würde mich der „Lärmpegel“ wahrscheinlich nerven.

Das 4-stellige LED-Display auf dem Panel ist leider unbrauchbar, da es zwar immer den zuletzt benutzten Fader oder Rotary in Zahlen ausdrückt, jedoch leider in der MIDI-Value-Norm von „0-127“. Sprich, wenn der Exposure-Fader in der Mitte steht, zeigt das Display einen Wert von „63“.

Das Panel ist in mehreren Ebenen aufgebaut, um möglichst viele Funktionen unterzubringen: Die 8 Rotary-Controller sind in 4 Ebenen, umschaltbar durch 4 Taster rechts, aufgeteilt: BASIC, HUE, SAT, LUM/B+W.

Für alle anderen Bedienelemente (8 Fader, 16 Tasten) gibt es ebenfalls 4 Modi, wobei 4 Taster zum Wechseln der Modi reserviert sind: BASIC, EDITING, CULLING, PRESETS.

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Beschriftet ist jeder Taster und Fader für BASIC in Weiß, EDITING in Gelb und CULLING hat ein kleines Symbol rechts neben dem Taster. Insgesamt kommt man damit dann auf über 200 Lightroom-Funktionen im direkten Zugriff.

Rotary-Controller BASIC-Mode:

  • Temperature
  • •Tint
  • •Vibrance
  • •Saturation
  • •Curves (Shadows, Darks, Lights, Highlights)

Wenn man die Rotary-Controller drückt, hat man die Tools WB, AWB und Autowhite im Direktzugriff. Über die anderen 5 Taster scrollt Lightroom direkt zu den Adjustments HUE, SAT, LUM, SATURATION, CURVES und B+W um eine optische Kontrolle zu bekommen.

Für die anderen 3 Modi (HUE, SAT, LUM/B+W) gibt es neben den Drehreglern Farbmarkierungen (Rot, Orange, Gelb, Grün, Cyan, Blau, Lila, Magenta). Im Standard-Mapping gibt es keinen Zugriff auf das HSL-Toning. Wenn man oft an den HSL-Farben herumschiebt, kann sich jedoch leicht über den „Mapping“-Reiter in der PFixer.Lr-Konfiguration z.B. den B+W-Mode entsprechend anpassen.

Die Anordnung und Übersichtlichkeit der Funktionsbelegung ist logisch und nach kurzer Zeit „blind“ zu bedienen.

Über die 8 Fader erreicht man im BASIC-Mode:

  • Exposure
  • Contrast
  • Blacks
  • Shadows
  • Highlights
  • Whites
  • Clarity
  • Post Vignette

Die Funktion des letzten Faders erschien mir im BASIC-Mode zunächst fehl am Platz, jedoch nutze ich ihn (nicht nur, weil er da ist) mittlerweile sogar sehr gerne zu bestimmten Gelegenheiten!

Über die Tasten bekommt man Zugriff auf folgende Funktionen:

  • ESC, ENTER
  • Copy Setting / Paste Setting
  • Crop-Tool
  • Reset Image
  • Lock Image
  • Swap Image
  • Match Exposure
  • Sync Setting
  • Select left / Select right

Die „Select-left/right“-Taster sind besonders in Kombination „Match-Exposure“ sehr praktisch.

Der EDITING-Mode benutzt alle Fader für das Feintuning der „Post-Vignette“ (Midpoint, Roughness, Feather, etc.) und bietet über die Taster u.a. Zugriff auf Tools und Funktionen wie SpotTool, GradientTool, AutoMask, VirtualCopy, Edit in PS, Blinkies, Before/After.

Für mich sind in diesem Modus „Blinkies“ (Über- und Unterbelichtungen) und „Before/After“ (der Vorher-Nachher-Vergleich) am wichtigsten.

Der CULLING-Modus belegt die Taster mit den Shortcuts Bewertung, Flags, Farben und Display-Einblendungen. Die Fader steuern die Parameter des Split-Tonings, also jeweils Hue/Sat für Highlights und Shadows und Balance. Die letzten 3 Fader sind mit Grain, Grain-Size, und Roughness belegt.

Im PRESET-Mode bekommt man über die Taster Zugriff auf 8 Developement-Presets und 4 Brush-Presets von Lightroom. Leider ist die Zuweisung über die PFixer-Software etwas umständlich. Es ist nicht möglich, innerhalb des Workflows ein neues Preset auf eine Taste zu legen. Man speichert wie gewohnt das Preset in Lightroom ab und muss es anschließend in der PFixer.Lr-Konfiguration einer Taste zuweisen. Und dann muss man raten, denn der vierte Modus hat keine Beschriftungen auf dem Panel!

Ein weiterer Nachteil ist, dass die Presets, die man über die Taster aufrufen will, im Presets-Fenster sichtbar und aufgeklappt im Hauptfenster sein müssen. Ich habe mir meine 8 am häufigsten benutzten Presets in den User-Ordner mit einem Nummer-Präfix gelegt (01 – Preset, 02 – Preset, usw.)

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Die 4 ebenso frei belegbaren Brush-Presets befinden sich auf diesen Tasten:

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Unten rechts am Panel befinden sich MODE-übergreifend UNDO, previous Setting und vorheriges/nächstes Foto, wobei die letzten beiden wahrscheinlich die am stärksten frequentierten Tasten sind!

Über die Belegung der Taster und Fader lässt sich im Einzelfall zwar streiten, aber grundsätzlich liegt alles ziemlich logisch in den Händen. Ansonsten kann man sich immer noch jeden Parameter auf beliebige Taster oder Fader legen und muss dann selbst das Overlay neu beschriften. Bisher habe ich mir nur den „Before/After“-Knopf in den BASIC-Modus, also die oberste Ebene, gelegt.

Damit Initialisierung zwischen PFixer.Lr und Lightroom funktioniert, muss Lightroom zwingend auf Englisch umgestellt werden. Das war für mich erst störend, da man sich ja schon an einige deutsche Vokabeln (damals auch fremd) gewöhnt hat, aber nach sehr kurzer Zeit hat man sich daran gewöhnt – zumal ich beim Entwickeln nur noch selten auf die Paramater als viel mehr auf das Bild selbst schaue.

Sollte mal eine Funktion nicht korrekt arbeiten, oder man schaltet das Panel erst nach dem Öffnen vom Lightroom ein, kann man die Initialisierung über das PFixer.Lr-Menü „Reinitialize Bindings“ wiederholen.

Seit Version 1.2.2 unterstützt PFixer.Lr auch Trackpad-Gesten. Bei gedrückter fn-Taste wird das Trackpad zu 8 (2 Reihen mit jeweils 4) virtuellen Fadern, die mit 2 Fingern bedient werden. Mit nur einem Finger bietet das Trackpad 16 virtuelle Knöpfe (4 Reihen mit jeweils 4). Getestet habe ich die Gestenunterstützung noch nicht, stelle mir das aber ziemlich unübersichtlich und eng vor – es sei denn, man bemalt sein Trackpad mit dem Filzstift!

Hat man weiteres MIDI-Equipment am Rechner angeschlossen (z.B. MackieControl, Keyboard, etc.), kommen gelegentlich falsche Informationen in Lightroom an. Ich schalte weitere Geräte bei der Benutzung von Lightroom einfach aus. Genauso sollte man anders herum auch PFixer.Lr deaktivieren (geht mit einem Mausklick), wenn man mit der MackieControl* in Logic arbeitet, da PFixer.Lr auch dort Fehlfunktionen verursacht.

Auf der Suche nach einer Bedienungsanleitung wird man von Pusher Labs zwar auf deren Online-FAQ verwiesen, dann jedoch allein gelassen. Viel mehr als ein paar Tipps und Troubleshootings findet man dort nicht. Natürlich ist die Software und die Bedienung des Panels weitestgehend selbsterklärend, aber um die Funktionsweise u.a. der Preset-Verwaltung zu verstehen, musste ich schon einige Zeit suchen und herumprobieren.

Vor- und Nachteile

Die Vorteile überwiegen auf jeden Fall, wenn man sich mal anschaut, was einem PFixer.Lr an Zeitersparnis und intuitiver Bedienung bringt. Einige Mankos gibt es aber schon:

Plus:

  • 15-tägige Testversion
  • Zeitersparnis
  • frei zu konfigurieren
  • über 200 Lightroom-Funktionen im Direktzugriff

Minus:

  • Hoher Preis von 100 Dollar für Software, lohnt sich aber
  • laute Motorfader des BCF-2000
  • Lightroom muss auf Englisch betrieben werden
  • keine echte Bedienungsanleitung
  • bisher nur Unterstützung von Lightroom

Alternativen

Pusher Labs PFixer.Lr ist leider nur für den Mac verfügbar und Ankündigungen für eine künftige Windows-Adaption gibt es leider nicht.

Die Donationware (50 Tage kostenfrei) Paddy for Lightroom ist die bislang einzige (vergleichbare) Alternative für das Windows-System. Grundsätzlich können mit Paddy auch eigene Tastaturkürzel und MIDI-Mappings für den Behringer BCF-2000 (und andere Hardware-Controller) erstellt werden, jedoch fehlt eine Möglichkeit, den BCF in mehreren Modi zu programmieren. Laut Website sind Lightroom-Versionen bis 4.x unterstützt.

Knobroom ist eine weitere Lösung für den Mac, bei der die Entwicklung jedoch im Herbst 2012 bei Version 0.2 stehen geblieben ist. In diesem Stadium des Plug-Ins ist es auch nur möglich, einzelne MIDI-Controller-Daten einem Parameter in Lightroom zuzuweisen.

motibodo vertreibt mit dem motibodoBoard (395 USD) und dem motibodoSkin (325 USD) eine tastaturbasierte Lösung. Das komplette Keyboard oder das Silikon-Skin für die bestehende Tastatur mit entsprechender Software für Lightroom bieten vordefinierte Tastaturkürzel für die wichtigsten Funktionen an. Jedoch ist der Preis in meinen Augen in keiner Weise gerechtfertigt.

Fazit

Wie eingangs schon erwähnt, kam ich aus dem Urlaub mit knapp 1500 Bildern zurück, welche auch gleich als Teststrecke für PFixer.Lr und das Behringer-Panel herhalten mussten. In Rekordzeit waren die Bilder entwickelt und das oft auf eine ganz andere Weise, als ich es gewohnt war. Wenn man erst einmal die Möglichkeit hat, an Belichtung, Highlights und Curves gleichzeitig zu schrauben und die Wechselwirkung sieht, löst man einige Belichtungsaufgaben auf anderem Wege als sonst. Auch mag ich es sehr, die Parameter von Hue und Sat im direkten Zugriff zu haben und schnell eine selektive Farbkorrektur zu machen.

Sicherlich gibt es an dem System Verbesserungspunkte, aber für knapp 280 € (Software, Overlay, BCF-2000) hat man ein ordentliches Hardware-Control-System für Lightroom.

Mittlerweile steht auch ein Behringer BCR-2000 auf meinem Schreibtisch. Dafür habe ich ein eigenes Overlay gebastelt und habe direkten Zugriff auf SAT, LUM und HUE ohne zwischen den Modi zu wechseln.

Wünschenswert wäre es, wenn in Folgeversionen von PFixer.Lr noch die Unterstützung für weitere Programme (Photoshop, CaptureOne Pro und ACR) eingebaut würde.

…und mein iPad hat mittlerweile seine Berechtigung für andere Aufgaben.

* Affiliate