Frag den Fotograf: Die Angst vor dem Modelvertrag

Kurz nachdem ich mich entschieden hatte, mehr Leserfragen öffentlich im Blog zu beantworten, trudelten fast zeitgleich zwei Mails ein, die eine sehr ähnliche Frage enthielten. Deshalb möchte ich beide Emails heute zusammen beantworten.

Dagmar schrieb in ihrer Mail:

„…bevor ich loslege, grüße ich dich aus dem sehr sommerlichen Hilden bei Düsseldorf.

Dieses Jahr bin ich in die Stockfotografie eingestiegen, verfolge regelmäßig deinen Blog, lese gerade dein Buch und ziehe absolut den Hut davor, was du für dich auf die Beine gestellt hast. Du bist ein absolutes Vorbild für mich. Gratuliere von Herzen!

Jetzt hab ich als Anfängerin aber mal zwei Fragen an dich:

Buchst du immer deine Models und machst dann deine Fotos? Oder siehst du auch spontan eine Situation/ Motiv und sprichst die Personen an ob sie mit der Veröffentlichung und dem Verkauf von dem eben gemachten Foto einverstanden sind?

Letztens habe ich auf einem Damm mehrere Rentner nebeneinander auf einer Bank sitzen sehen. Vorne eine gepflegte grüne Wiese, dahinter Himmel. Das Bild wäre genial gewesen! Habe mich nicht getraut sie anzusprechen…

Wie um Himmels Willen machst du das dann? Hältst du denen den Vertrag unter die Nase und sagst so was wie

„Sind Sie einverstanden, dass ihr Bild veröffentlicht und verkauft wird? Ich kann Ihnen zwar nicht sagen mit welchen Überschriften und für was Sie dann Werbung machen – da hab ich keinen Einfluss drauf?“

Wenn ich mich in deren Lage versetze – ganz ehrlich – „mehr wie sonderbar“ – würde ich denken…!

Wenn sie spontan dann doch damit einverstanden wären, würden Sie von mir Geld bekommen? Wenn ja wieviel? Man weiß ja vorher gar nicht ob das Foto sich dann überhaupt verkauft.“

Lars schrieb mir folgendes aus einer anderen Ecke Deutschlands:

„Hallo Herr Kneschke,

ich habe ihren Blog schon sehr oft gelesen und mir auch ihr Buch (3.Auflage) gekauft. Leider konnte ich in den Informationsquellen keine Infos dazu finden, wie sie den „Models“ oder sagen wir einfach mal Bekannten oder Freunden sagen, dass sie die Bilder im Internet verkaufen wollen.

Ich denke wenn ich das meine Leute fragen werde, wird die Antwort sofort ein Nein sein, da es sich komisch anhört und man ja selber gar keine Kontrolle mehr über den weiteren Verlauf der Bilder hat.

Mich würde es riesig interessieren wie sie das ansprechen. Gibt es irgendwelche Tipps damit sich das ganze nicht so abschreckend anhört? Vor allem wirkt auch das Ausfüllen eines Vertrages ebenfalls abschreckend.

Ich wäre ihnen zu riesigem Dank verpflichtet und würde mich sehr über eine Antwort zu dem Thema freuen 🙂

Zu meiner Person: Ich heiße Lars, bin 24 Jahre alt und seit 2 Monaten alles am fotografieren was geht. Mir bereitet die Fotografie Unmengen Spaß und ich bin sehr interessiert an dem Thema. Damit jetzt auch noch Geld verdienen zu können, wäre ein riesen Traum von mir. Selbst wenn es nur 10€ im Monat sind, würde mir das eine große Freude machen. Leider traue ich mich nicht wirklich meine Freunde/Bekannten zu fragen ob ich sie fotografieren darf, um die Fotos im Internet zu verkaufen und das bremst mich erheblich aus.“

Die Hauptfrage beider Mails ist: Wie erkläre ich meinen Models, dass ich sie fotografieren will und was mit den Fotos geschieht? Auf die Nebenfragen will ich zwischendurch eingehen.

Zunächst einmal: Ich fotografiere so gut wie nicht spontan für Bildagenturen. Ich habe in meinen Anfängen die Erfahrung gemacht, dass eine sorgfältige Planung deutlich lukrativere Ergebnisse bringt als ein zufälliges „Drauflos“-Fotografieren. Außerdem lege ich eben Wert darauf, dass meine Models wissen, was sie zu erwarten haben und das ist etwas, was sich nicht zwischen Tür und Angel erklären lässt.

Deshalb lade ich die Leute, die von mir fotografiert werden wollen, meist zu einem Vorgespräch ein. Dort zeige ich ihnen Beispielbilder von mir, damit sie merken, welchen Bildstil ich haben will. Helle, bunte, optimistisch wirkende Fotos.

Außerdem habe ich eine dicke Mappe mit bisherigen Veröffentlichen von mir, wo Bilder für Zeitungsartikel, Flyer, Broschüren, Poster, Bücher oder Produkte benutzt wurden. Ich mache den Models klar, dass ich kaum Einfluss darauf habe, wo genau die Bilder eingesetzt werden und auch nur selten von einer konkreten Verwendung erfahre. Nur wenige, bestimmte Verwendungszwecke werden in den Nutzungsbedingungen ausgeschlossen.

Die potentiellen Models bekommen meinen Vertrag in deutsch und englisch ausgehändigt und haben genug Zeit, sich diesen in Ruhe durchzulesen. Außerdem sind beide Versionen jederzeit auf meiner Webseite nachlesbar.

Dazu mache ich paar Testfotos, um zu sehen, wie selbstsicher das Model vor der Kamera ist und ob es auf Kommando fotogen lachen kann.

Spätestens dann ist für beide Seiten klar, ob eine Zusammenarbeit in Frage kommt oder nicht. Wieviel die Models üblicherweise als Bezahlung erhalten, habe ich in einer Umfrage unter Stockfotografen ermittelt und die Ergebnisse in diesem kostenlosen Ebook bereitgestellt. Den Einwand, dass man nicht wisse, ob sich die Fotos auch verkaufen würden, lasse ich nicht gelten. Das Honorar ist – wie hier beschrieben – als Investition zu sehen. Das ist auch ein weiterer Grund gegen Spontan-Shootings: Je besser der Fotograf vorbereitet ist, desto leichter amortisieren sich die Ausgaben für das Model.

In beiden Mails schimmert aber etwas anderes durch: Angst. Die Angst, Menschen anzusprechen. Das is für einen People-Fotografen eine ernstzunehmende Hürde. Ein People-Fotograf muss ja nicht nur fotografieren, er ist auch Entertainer, Motivator, Seelentröster, Stilberater, Pausenfüller, Moderator, Regisseur und so weiter. Wer nur stumm fotografieren will, sollte sich lieber auf Food oder Landschaften spezialisieren.

Ich muss gestehen, dass ich auch eher schüchtern bin und es mir schwer fällt, ungezwungen mit fremden Menschen umzugehen. Aber mit etwas Übung klappt das schon. Anfangs habe ich ja keine Fremden gefragt, ob sie für mich modeln wollen, sondern Freunde. Da sagt man einfach: „Hey, du siehst doch gut aus, wollen wir nicht mal paar Fotos zusammen machen?“ Menschen fühlen sich ja in der Regel geschmeichelt, wenn sie für ihr Äußeres gelobt werden.

Der Vertrag und die Bezahlung zeugt dann von Professionalität. In Model-Foren lese ich immer wieder von windigen Fotografen, die Bilder nicht rausrücken oder die Fotos auf nicht abgesprochene Weise nutzen. Die Standard-Antwort ist dann immer: „Habt ihr denn keinen Vertrag abgeschlossen?“ Bei mir würden deshalb eher die Alarmglocken läuten, wenn ein Fotograf partout ohne Vertrag arbeiten will.

Wer sich nicht sicher ist, ob Leute auf den Modelvertrag eingehen würden, füllt den Vertrag einfach selbst aus und macht einige Selbstportraits, die dann den Bildagenturen angeboten werden. Wenn der Fotograf keine Probleme damit hat, seine Bilder einzustellen, warum sollte das Model welche haben?

Stockfotografie ist ja weder anrüchig noch illegal, sondern höchstens unbekannt. Deshalb helfen Offenheit und Geduld mein Erklären des Geschäftsmodells. Wer als Fotograf jedoch rumdruckst und selbst kein Vertrauen in sein Geschäftsmodell hat, kann das nicht von seinen Models erwarten. Über die hilfreichen Tugenden wie Vertrauen und Zuverlässigkeit habe ich aber in diesem Gastartikel für die fotocommunity mehr geschrieben.

Beantwortet das eure Fragen? Wie meistert ihr die Hürde, Menschen als Models zu gewinnen?

9 Gedanken zu „Frag den Fotograf: Die Angst vor dem Modelvertrag“

  1. Menschen ansprechen ist nicht mein Thema. Finde es sehr schwierig, dass Bilder, die ich von einem Senioren_ Modell gemacht habe in durchaus zweifelhafter Weise verwendet wurden. Z.B. Eine Seniorin hält ihre Hände vor ihr Gesicht, finde ich dann wieder: Schämen Sie sich, dass Sie inkontinent sind? oder Hilfe mein Mann tröpfelt! Upps, das schockt mich sehr, habe ich doch einen Modelvertrag, sowie Vertrag mit den Agenturen! Bei mir haben sich diverse Senioren zum Shooting beworben, die auch mit Robert zusammen gearbeitet haben. Habe ich nicht gemacht aus oben benannten Gründen!

  2. Super Beitrag und trifft mitten ins Schwarze: Angst ins eigene Geschäftsmodell! Ich fotografiere seit vielen Jahren – und es gibt Leute, die in meinem sehr umfangreichen Portfolio durchaus super Bilder finden – aber ich misstraue meinen eigenen Bildern. Solange wird das nix. Seit August dieses Jahres wollte ich Bilder an Stockagenturen schicken, aber da kommen plötzlich aus allen Ecken „Gespenster“, die mir zeigen wollen, dass das gar nicht so einfach geht (Urheberrechte machen mir echt Bauchschmerzen und wollen mir die Lust am Fotografieren verleiden!!). Weil ich ebenfalls Probleme habe Models anzusprechen, lasse ich dieses Thema zunächst außen vor und wende ich mich Tabletops zu.
    In der Bibel steht schon, dass der Faule lieber zuhause bleibt, weil draußen ein Löwe rumlaufen könnte. Aber ich kämpfe mich durch und langsam füllt sich mein bescheidenes Portfolio von ausgewählten (modelfreien) Bildern für die Agenturen und in Kürze werden die ersten Bilder bei ihnen landen …
    Die vor einem befindliche Hürde erscheint IMMER als die größte und unüberwindlichste … bis dann die nächste kommt ;-))

  3. Ich spreche teilweise Leute, die ich sehr interessant finde, „auf der Straße“ an und übergebe ihnen meine Visitenkarte. Da meine Homepage eher weniger etwas mit Stockfotografie zu tun hat, komme ich nicht gleich auf diese Variante zu sprechen, sondern biete erst einmal eine Art Testshooting für Portraitfotos an, auch um zu sehen, ob sich die Person überhaupt grundsätzlich zum Modeln eignet. Manche melden sich tatsächlich wieder bei mir. Da sehe ich grade bei Frauen/Mädchen den Vorteil, dass ich eine Frau bin, da besteht wohl auch eher Vertrauen.

    Dann komme ich auch auf die Stockfotos zu sprechen und ca. die Hälfte bis 2/3 der Leute sind damit einverstanden. Ich bringe dann als Beispiel bei Frauen/Mädchen, dass sie ohne Weiteres bei Tampon- oder Präservative-Werbung eingesetzt werden können, damit sie mal eine Ahnung bekommen, was das bedeutet, den Vetrag zu unterschreiben.

    Mein Sohn ist in der Oline-Bravo bei Dr. Sommer mit einem eher peinlichen Problem als Begleitfoto aufgetaucht. Da steht dann zwar drunter, dass die Person nichts damit zu tun hat – aber der Spott war natürlich da und ich musste alle Bilder, deren Mimik kritisch, nachdenklich, traurig etc. war, aus dem Pool rausnehmen. Das war jetzt bei uns zwei natürlich auch etwas besonderes, weil ich als Fotografenmutter bei dem Minderjährigen unterschrieben habe.

    Ein wenig kann man dem Problem von Birgit Reitz-Hofmann aus dem Weg gehen, wenn man die Fotos so aufbaut, dass sie eindeutig sind. Also z.B. fröhliche Senioren beim Obstessen oder Kaffeetrinken würde ja nie in einem Inkontinenz-Kontext erscheinen.

    Eine weitere Möglichkeit, an Modelle zu kommen, die das auch wollen, ist die Model-Kartei auf http://www.model-kartei.de .
    Es braucht schon etwas Gespür dafür, was für Modelle man ansprechen kann. Vorteil ist, dass sehr viele auf TfP = Time for Picture arbeiten. Das bedeutet: Die Modelle bekommen ihre Fotos gratis, der Fotograf bezahlt keine Gage. Gute Modelle vermarkten sich auch über die Seite, aber die Gagen liegen noch im akzeptablen Bereich (wenn man von den Aktfotos absieht).
    Auf der Kartei habe ich in meiner Setcardbeschreibung eindeutig schon hingewiesen, dass ich die Fotos als Stockfotos weiterverwerten will, dann weiß jeder gleich, woran er ist. Diese Modelle sind dafür viel offener, denn bei einem Auftrag machen sie ja auch für Dinge Werbung, hinter denen sie nicht stehen müssen.

    Wenn ich Motive fotografiere, mit denen das Modell nichts anfangen kann, wird ein Teil der Shootingzeit für die Belange des Modells genutzt, wo es sagen kann, was es gerne für Aufnahmen hätte.

    Aber Vorsicht: Einige Modelle nehmen die Sache auch nicht so ganz ernst. Da muss man genau hinschauen, mit welchen Personen man Termine ausmacht.
    Wenn ich eine richtig aufwändig vorbereitete Situation fotografieren will, die klappen sollte, würde ich auch eher ein Pay-Model nehmen, dann weiß ich, dass es läuft und bin nicht gezwungen, Bilder für das Model weiterzugeben (was einfach Zeit kostet, wenn man es ordentlich machen will).

  4. @Isabel: Zitat: „Ein wenig kann man dem Problem von Birgit Reitz-Hofmann aus dem Weg gehen, wenn man die Fotos so aufbaut, dass sie eindeutig sind. Also z.B. fröhliche Senioren beim Obstessen oder Kaffeetrinken würde ja nie in einem Inkontinenz-Kontext erscheinen.“

    Richtig, ABER: Es gibt auf FT mehr als 51.000 lächelnde Senioren, aber nur 3400 traurige…

  5. Nochmals zurück zum grundsätzlichen Thema: Man muss für „kritischere“ Bilder Personen finden, die sich eher als Schauspieler sehen und nicht als zukünftiges Supermodel. Gäbe es nur die Guten und Schönen würde es auch kein Fernsehen und keine Filme geben.

  6. Isabel, zu Deinem Zitat „ein wenig kann man dem Problem von Birgit Reitz-Hofmann aus dem Weg gehen, wenn man die Fotos so aufbaut, dass sie eindeutig sind. Also z.B. fröhliche Senioren beim Obstessen oder Kaffeetrinken würde ja nie in einem Inkontinenz-Kontext erscheinen.“

    Wenn Du mal fröhliche, im inkontinenten Kontext abgebildete Senioren sehen willst, bitte sehr: http://bit.ly/193cSbu.

    In der Werbung werden Lösungen angeboten, also Menschen, die das Problem irgendwie im Griff haben und zufrieden wirken. Einen Menschen mit großem nassen Fleck auf der Hose und Händen vorm Gesicht wirst Du in der Werbung NIE sehen! So etwas verkauft keine Produkte.
    Werbeprospekte von Pflegeheimen zeigen zwar ältere, aber fröhliche Menschen und bilden damit die Realität in den Heimen keineswegs realistisch ab. Und überall findet man fröhliche Menschen in der Seniorenwerbung: bei Reinigungsprodukten für die dritten Zähne, bei Hörgeräten, …

    Menschen, denen man die (vermeintlich) peinlichen Probleme ansieht, werden eher in redaktionellen Artikeln dargestellt.

    Sowohl fröhlich wie auch kritisch aussehende Gesichter können in problematischem Zusammenhang gezeigt werden.

    Das lässt sich aber alles in Vorgesprächen mit den Models klären und einige Models stellen dann fest, dass Stockfotografie nichts für sie ist.

  7. @GeorgWeise: Zitat:“Menschen, denen man die (vermeintlich) peinlichen Probleme ansieht, werden eher in redaktionellen Artikeln dargestellt. “

    Richtig! Und die Leute die die Zeitung lesen, glauben auch das diese Bilder speziell für diesen Artikel gemacht wurden. Auch deshalb weil Stockfotografie ja niemand kennt. Bei Werbeveröffentlichungen nimmt man noch eher an, das die Bilder „gestellt“ sind.

  8. @Walter @Isabel und auch Georg Wiese, die strahlende, ewig lächelnde Peoplefotografie hat mich nicht so fasziniert, also wollte ich auch andere Themen/Emotionen mit bescheidenem Studio umsetzen.
    Nun war ich naiv genug, meinen bisherigen Models im Gespräch zu versichern, das die Fotos nicht im despektierlichen Bezug veröffentlicht werden.
    Die Grenzen mehr als fließend, wie ich feststellen musste. Auch lächelnde Senioren finden sich gerne auf Hygiene Artikeln wieder. Daher halte ich mich derzeit ein wenig mit People Shootings zurück.

    Und musste herzhaft über Reinhard Seidel Beitrag lachen: In der Bibel steht schon, dass der Faule lieber zuhause bleibt, weil draußen ein Löwe rumlaufen könnte.

    Da draußen laufen viele Raubtiere… augenzwinkernde Grüße

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