Stockfotografie-Interview mit Jonathan Ross (Fotograf) Teil 2

Gestern habe ich hier das Interview mit dem Stockfotografen und Blend-Gründer Jonathan Ross begonnen. Heute geht es gleich weiter.

Wie würdest Du den Unterschied zwischen Auftragsfotografie  und Stockfotografie beschreiben?

Auftragsarbeiten haben oft viele Ringe, durch die ein Fotograf springen muss und bis der Kunde glücklich mit den Ergebnissen ist, ist der Spaß und die Kreativität schon stark verwässert. Außerdem hast Du immer paar Leute, die Dir über die Schulter schauen und Ratschläge geben. Manchmal kann das hilfreich sein, manchmal aber auch ablenkend.

Stockfotografie erlaubt mir, meinen eigenen Zeitplan zu wählen, so daß ich bei allen Familienereignissen wie Wettkämpfen oder Theateraufführungen dabei sein kann und trotzdem die Shootings machen kann, die ich will. Die Freiheit hat aber auch ihren Preis. Du musst sehr motiviert sein, Dich selbst am Laufen zu halten. Wenn Du einen Kunden hast, musst Du bei ihm erscheinen. Wenn Du ein Stock-Shooting machst, musst Du immer alles am Laufen halten.

Foto von Jonathan Ross

Wie viele Bildagenturen belieferst Du regelmäßig?

Momentan beliefern wir 13 Bildagenturen, wenn man Microstock mitzählt. Getty Images hat uns in verschiedenen Bildkollektionen, das macht dann zusammen 20 verschiedene Kollektionen.

Du hast erst vor kurzem mit Microstock angefangen. Was ist der größte Unterschied verglichen zum „klassischen“ Bildermarkt?

Das Hochladen zu den Bildagenturen ist eine Qual und darum haben wir Lookstat.com beauftragt, das für uns zu übernehmen. Sie machen einen großartigen Job für wenig Geld. Microstock wächst langsam aus den Kinderschuhen und das war unser Grund, dort mitzumachen. Der Markt ist noch jung und ich denke, jemand der ein gutes Händchen für Kundenbedürfnisse hat, wird sich dort ganz gut schlagen. Wir haben 3500 Bilder in drei Monaten für Microstock produziert und diese Zahlen könnten wir für Macrostock gar nicht erreichen. Nun wollen wir nur noch steigende Verkäufe sehen. Wie haben die Hälfte der Bilder hochgeladen, um zu sehen, wie es läuft und nach sechs Monaten bei fünf Microstock-Agenturen haben sie die Produktionskosten wieder eingespielt. Wir laden nun diese Bilder und den Rest der 3500 Fotos zu insgesamt 10 Microstock-Seiten hoch.

Du machst ja hauptsächlich People-Fotos. Hast Du Tipps für die Arbeit mit Models?

Sorg dafür, dass sie eine gute Zeit haben. Die Probleme bei einem Shooting fangen dann an, wenn der Fotograf nicht jeden motiviert und gut fühlen lässt, das ist die „Durchsicker-Theorie“ (trickle down effect). Es zeigt sich in den Fotos und kostet Dich Verkäufe. Eine brauchen mehr Zuredung, andere legen einfach los, ohne dass ich fragen muss. Selbst wenn ein Model einen miserablen Job macht, lasse ich sie im Glauben, sie habe ihr Bestes gegeben. Wenn das Shooting vorbei ist, ist es nicht meine Aufgabe, hohe Egos wieder runterzuholen. Manchmal gebe ich aber vorsichtig konstruktive Ratschläge. Unsere Shootings machen Spaß und das spricht sich herum. Die Models in unserer Gegend arbeiten gerne mit uns zusammen und wenn es mal länger dauert, fordern sie nicht sofort mehr Geld. Es ist Teamarbeit. Seit also nicht zu schüchtern, die Models und das Team zu unterhalten. Am Ende eines Shootings komme ich mir vor als hätte ich einen 6-Stunden-Auftritt gehabt und bin dann erschöpft.

Foto von Jonathan Ross

Mit was für Models arbeitest Du am liebsten?

Auf jeden Fall mit Kindern. Ich bin im Herzen auch noch ein großes Kind. Ich liebe es, Kinder beim Sport zu trainieren und beim Fotografieren ist das Eis viel schneller gebrochen als bei Erwachsenen. Wenn ein Kind erst mal richtig lacht, dann ist es auch echt. Bei Erwachsenen wird der Ausdruck jedes Mal ein bißchen besser, je länger wir zusammenarbeiten, da dann erst die Barrieren fallen. Bei einem Kind dauert das vielleicht zehn Minuten. Kurz Fangen spielen und dann lasse ich die Kinder selbst kurz paar Fotos machen, damit sie merken, was ich gleich machen werde und dann geht der Spaß los.

Außerdem mag ich extrovertierte Models. ich verschwende meine Zeit nicht mehr mit introvertierten Models, die schwer zu motivieren sind, wenn es da draußen so viele Models gibt, die verrückt danach sind, Fotos von sich machen zu lassen.

Arbeitest Du lieber im Studio oder on location?

Ich arbeite immer lieber on location. Obwohl ich im Laufe meiner Karriere mehrere Studios hatte, bin ich momentan nur noch on location. Mal sehen, wie das in paar Jahren wird. Ich liebe die Herausforderung, einen neuen Ort zu betreten und ihn für Dich arbeiten zu lassen, vor allem bei der Belichtung. Außerdem fallen mir vor Ort mehr Foto-Konzepte ein als im Studio. Das fühlt sich immer so an, als ginge ich ins Büro.

Wie oft findest Du Bilder von Dir in Zeitungen oder der Werbung?

Überall. Ich kann keine Zeitschrift aufschlagen, ohne mindestens ein Foto von mir zu finden. Ich sitze gerade im Flugzeug und habe eben meinem jüngsten Sohn gesagt, er könne ja mal das „Alaska Airline“-Magazin nehmen und schauen, wie lange er braucht, um eins von Daddys Fotos zu finden. Er hat keine 15 Sekunden gebraucht. Es ist echt erstaunlich, wie viele Fotos man findet, wenn man schaut. Meine Frau ist aber der größere Magazin-Leser und reißt mir dann immer die Seiten raus.

Was macht eine gute Bildagentur aus?

Eine gute Agentur erkennt das Potential ihrer Fotografen und den Wert einer engen Zusammenarbeit. Sie lässt sie besten Fotos nach ganz oben in die Suchergebnisse, sodaß Käufer diese zuerst sehen. Aber am wichtigsten ist, dass gute Bildagenturen wissen, wie man mit Bildkäufern arbeitet und ihre Bedürfnisse befriedigt. Das ist der wichtigste Job. Sobald sie einen guten Kunden haben, müssen sie eine starke Bindung aufbauen, um ihn nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Viele sagen, der Kunde kauft einfach dort, wo es das Bild gibt, was er braucht. Das stimmt zum Teil, aber ich glaube auch, dass der Beziehungsaspekt ebenfalls wichtig ist. Gute Bildagenturen behandeln ihre Kunden mit dem größten Respekt, denn Bildkäufer sagen, dass die Bequemlichkeit und die Kommunikation mit einer Agentur die ausschlaggebenden Faktoren für die Auswahl sind.

Wie hat sich der Stockfotografie-Markt aus Deiner Sicht in den letzten Jahren geändert?

Microstock hat den Markt stark verändert. Es hat dem Macrostock-Bereich Verkäufe gekostet, aber auch viele neue Kunden in den Markt eingebracht, was immer gut ist. Ich denke, der Kampf zwischen den einzelnen Marktsegmenten wird nachlassen, da es immer mehr Angebote in der Mitte gibt. Die neue Vetta-Collection von istockphoto ist ein gutes Beispiel. Auch die Digitalisierung war eine große Änderung. Heute ist es sehr leicht, Fotografie zu lernen, ohne eine richtige Ausbildung dafür zu haben, obwohl ich das nicht empfehle. Bildung ist immer der Schlüssel zur Erweiterung Deiner Fähigkeiten.

Was glaubst Du, wie wird sich der Markt entwickeln?

Wenn ich das wüßte, wäre ich ein reicher Mann. Er wird sich weiter in verschiedene Richtungen entwicklen. Ich denke, die Videoverkäufe im Microstock-Bereich werden zunehmen, aber hauptsächlich für die Web-Nutzung. Es wird immer einen Bedarf an Werbung geben und solange diese visuell ist, wird es auch Stockfotos geben. Nischen-Kollektionen werden auch im Microstock-Bereich zunehmen. Ich denke, man kann direkte Vergleiche zwischen der Entwicklung von Macrostock RF und der Zukunft von Microstock machen.

Foto von Jonathan Ross

Was war Dein größter Fehler im Foto-Geschäft?

Bisher hatte ich viel Glück und konnte große Fehler vermeiden. Ich denke, das liegt auch daran, dass wir jedes Jahr Recherchen machen, welche Marktbereiche im Trend liegen und uns darauf konzentrieren. Das größte Risiko hatte ich auf mich genommen, als ich noch Werbung fotografiert habe. Wir haben den Fehler gemacht, 80% unseres Einkommens von einem Kunden bestimmen zu lassen. 1995 haben wir dann einen Anruf bekommen, dass der Kunde jetzt in ein neues Digitalsystem investiert und unsere Dienste nicht mehr benötigt.

Voller Panik recherchierten wir nach dieser Digitalfotografie und nahmen unseren einzigen Kredit auf. $60.000, als wir keine Rücklagen hatten, uns das neuste Digitalsystem zu kaufen. Da war damals die Sinarcam. Ich habe sechs Monate gebraucht, um mir alles selbst beizubringen. Vorher hatte ich nicht mal an einer Tastatur getippt, geschweige denn ein Histogramm gesehen. Aber es hat sich bezahlt gemacht und wir bekamen einen Zwei-Jahres-Auftrag, um alle Kleidungsstücke einer Eddie Bauer-Kollektion für deren Webseite zu fotografieren. Von da ging es wieder bergauf, da zu dieser Zeit nur wenige schon digital gearbeitet haben.

Hast Du Tipps für angehende Stockfotografen?

Video! Microstock-Video. Aber auch hier gilt es, die richtigen Inhalte zu finden, um die Kunden zufriedenzustellen. Das einzige Hindernis für gute Videos ist die teure Ausrüstung, aber schon mit einer Canon 5D Mark II kann man anfangen. Tiefenschärfe ist ein wichtiger Faktor, um Deine Filme professionell aussehen zu lassen, zusammen mit Kamerawagen, Galgenstativen und Dauerlicht. Es ist keine geringe Investition, um alles richtig zu machen, aber es wird von Tag zu Tag billiger. Festbrennweiten sind zwar teuer, aber wirklich am besten für Bewegtbilder. Du kannst mit einer 5D Mark II anfangen und von dort weitermachen. Lasse es nicht die anderen machen oder mangelndes Kapital eine Ausrede sein, nicht zu konkurrieren. Und wenn Du nach Deiner Ausbildung an einer Fotoschule in einem Studio arbeiten kannst, um davon zu leben und von den Fehlern der anderen zu lernen, würde ich das auch empfehlen.

Was ist der Fehler, den die meisten neuen Stockfotografen machen?

Sie denken nicht wie Bildkäufer. Sie laden Bilder hoch, die keiner kaufen will und wählen zu viele ähnliche Bilder aus, nur um ein großes Portfolio zu haben. Das sind alles Fehler.

Rechnest Du aus, wie viel Dich Deine Bilder kosten?

Ja, ich kalkuliere den „cost per image“. Jetzt, wo wir Videos und Fotos zusammen an zwei Tageshälften machen, haben wir die Kosten pro Clip oder Foto auf ca. $50 drücken können. Wir könnten es auch für weniger produzieren, aber gute Models sind sehr wichtig für die Verkäufe. Sie holen ihren Preis durch zusätzliche Verkäufe leicht rein und sie sorgend dafür, dass ein Tag schneller und reibungsloser vorüber geht und Du mehr Fotos machen kannst.

Foto von Jonathan Ross

Kann man Dein „Shootingtag in 3 Minuten“-Video auf YouTube sehen?

Nein, leider habe ich es noch nicht in die YouTube-Welt geschafft, aber gib mir einen Monat. Diese ganzen Social Networking-Geschichten sind ein neuer Teil des Business, auch für mich. Ich habe keine Ahnung, wohin das führt. Aber bis dahin kannst Du das Video hier anschauen. Viele Leute finden das Video ganz lustig, aber wenn Du genau hinschaust, siehst Du, wie alles fließt, um die Bildausbeute hoch zu halten. Es war sehr spaßig, das Video zu machen. Wir wollen noch mehr „Hinter den Kulissen“-Material drehen, um es mit anderen Fotografen zu teilen.

Ich will zum Schluss noch sagen, dass das unsere Methode ist. Wenn Du Informationen findest, von denen Du glaubst, sie könnten Deinen Arbeitsablauf verbessern, dann probieren wir das aus. Aber ich kenne viele erfolgreiche Stockfotografen und das Einzige, was sie gemeinsam haben, ist, dass sie alle auf ganz verschiedenen Wegen an die Spitze gekommen sind. Es gibt also keinen richtigen Weg. Mach, was Dich am besten weiterbringt und sorge dafür, dass es weiterhin Spaß macht.

Danke, Robert, für das Interview. Ich bin ein großer Fan von Stockfotografen, die zusammenarbeiten, um den Bildermarkt zu verbessern. Wenn mir jemand auf Twitter folgen will, findet er mich unter jonathanjross. Fröhliches Fotografieren Euch allen! Shoot! Shoot! Shoot!

Auch Dir vielen Dank für das Interview!

Wer mehr über Jonathan Ross wissen will, findet hier viele spannende Infos über ihn:

Surfing The Stock Photography Revolution“ – Diashow-Mitschnitt einer 48-minütigen Präsentation von Jonathan Ross auf der PACA-Konferenz im März 2009. Bei Minute 20 gibt es auch das Video aus der letzten Frage zu sehen. Außerdem sehr selten: Er zeigt Bilder und erklärt, wie viel Geld er mit jedem einzelnen verdient hat.
Andersen Ross – seine Produktionsfirma, die er zusammen mit seiner Frau betreibt
Jonathan Ross Interview – mit John Lund über die Zukunft der Stockfotografie
Photographers Working Together in a Three Tiered Stock Photo Market“ – Artikel von Jonathan Ross über die Konkurrenz zwischen RF, RM und Microstock

Jonathan Ross bei Getty Images
Jonathan Ross bei Dreamstime

Jonathan Ross bei Twitter

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3 Gedanken zu „Stockfotografie-Interview mit Jonathan Ross (Fotograf) Teil 2“

  1. Guckt mal, der Herr Ross ist ganz entspannt wenn es um Micro und Macro geht. Da könnte sich der eine oder andere hier oder in anderen Foren ne Scheibe abschneiden.

    M.

  2. „Das Hochladen zu den Bildagenturen ist eine Qual und darum haben wir Lookstat.com beauftragt, das für uns zu übernehmen“ Soweit ich weiss liefert Looktat.com statistiken, aber kein Upload. Liegt da nicht eine Verwechselung vor?

    Grüße

    Alex

  3. Hallo Alex, Lookstat bieten die Statistiken vor allem als öffentlichen Service an, der noch im Beta-Stadium ist, sicher, um mehr Aufmerksamkeit zu erreichen. Im Hintergrund arbeiten sie sicher dann für Großkunden auch in anderer Hinsicht zusammen.

    Lg, Robert

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